Michaela Bonan: Über das Projekt „nordwärts“

Bewohnerorientierte Stadtentwicklung ist eine Herausforderung: Vielfältige Interessen und divergierende Ziele konkurrieren um die Nutzung knapper Flächen. Das langfristig angelegte Projekt „nordwärts“ in Dortmund wurde nun für seinen innovativen Partizipationsansatz ausgezeichnet.

Foto: Michaela Bonan

Frau Bonan, 2015 hat die Stadt Dortmund das Projekt „nordwärts“ ins Leben gerufen. Worum geht es bei dem Projekt und welche Ziele sind damit verbunden?

Der Norden Dortmunds hat große Entwicklungspotenziale und eine Vielzahl an Herausforderungen. In den Bereichen Flächenentwicklung, Schaffung/Sicherung von Arbeitsplätzen, Steigerung der Lebensqualität sowie Qualifizierung und Bildung sollen Innovationsimpulse gesetzt werden. „nordwärts“ erarbeitet dialog- und beteiligungsorientiert eine Entwicklungsstrategie und bündelt dazu die Kräfte von Verwaltung und Stadtgesellschaft. Das Projektgebiet wird zum Innovationslabor für neue Konzepte und Projekte. Langfristig soll eine sich selbsttragende Aufbruchsstimmung in den Quartieren erzeugt werden. „nordwärts“ zielt darauf ab, die Lebensqualität der Bewohner zu verbessern, indem von der Basis her Projekte initiiert und umgesetzt werden.

Vor wenigen Wochen ist „nordwärts“ mit dem „European Public Sector Award 2017“ ausgezeichnet worden. Insbesondere wurden bei der Preisverleihung der innovative Partizipationsansatz und seine nachhaltige Wirkung auf die lokale Entwicklung hervorgehoben. Welche spezielle Rolle nimmt Bürgerbeteiligung in dem 10-jährigen Prozess ein?

Beteiligung und die Einbeziehung von Akteuren sind das Herzstück des Projekts, das verschiedenste Kompetenzen (Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Bürger/innen) zusammen bringt. Die Ansprache erfolgt über einen Mix bedarfsorientierter Beteiligungsformate, ergänzt durch persönliche Adressierung, Ansprache durch zielgruppenorientierte Multiplikatoren/innen oder persönliche Einladungen (repräsentative, empirische Auswahl aus dem Einwohnermelderegister). Ideengeber werden stetig über die Bearbeitung und Verwertung informiert, in die Projektqualifizierung einbezogen oder bei der eigenen Projektentwicklung unterstützt. Eine ausgewogene gesamtgesellschaftliche Einschätzung zu Teilprojekten wird durch ein Kuratorium sichergestellt. Hier engagieren sich 86 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Forschung und Verbänden ehrenamtlich und dauerhaft.

Mehr als 200 Einzelprojekte bringen sicher viel Feedback mit sich: Welche Reaktionen erhalten Sie auf das Format „nordwärts“ von Bürgern, Teilnehmern, Außenstehenden oder auch anderen Kommunen?

Anderen Kommunen zeigen Interesse an den Methoden, Instrumenten und Prozessen. Bürgerschaft und Politik haben noch einen hohen Informations- und Kommunikationsbedarf. Fast 6.000 Beteiligte seit Mai 2015 verdeutlichen das große Interesse zum Mitmachen. Die jährliche Bürgerbefragung zeigt einen steigenden Bekanntheitsgrad.

„nordwärts“ ist ein „10-Jahres-Projekt“: Können Sie bereits nach nur 2 ½ Jahren erste Resultate erkennen? Inwieweit kann „nordwärts“ zu einer intensiveren Beteiligungskultur und zu mehr gesellschaftlichem Miteinander in der Dortmunder Bevölkerung beitragen?

Zur Bewertung der Projekte werden Verfahren wie Kommentierungen, Befragungen etc. genutzt. Für die Bürgerprojekte stellt die Stadt kommunales Budget zur Verfügung. „nordwärts“ unterstützt bei der Investorensuche, oder beantragt öffentliche Fördergelder. Die Rückmelde-, Informations- und Beteiligungskultur gewährleistet ein Höchstmaß an Transparenz, schafft Akzeptanz und damit ein mehr an gesellschaftlichem Miteinander.

Dortmund im Jahr 2025: Wenn Sie als Initiatoren nun acht Jahre vorausblicken, wo wird Dortmund, die Bürgerschaft und das Projekt „nordwärts“ dann stehen? Welche zentralen Herausforderungen liegen bis dahin noch vor Ihnen?

Wir wollen dafür Sorge tragen, dass die rund 220 Projekte in „gerechter“ Reihenfolge entwickelt und umgesetzt werden. Menschen und Rahmenbedingungen verändern sich, daher werden wir die weiteren Beteiligungsverfahren und Prozesse stetig an die – auch digitalen – Bedürfnisse der zu beteiligenden anpassen. Die Selbstverantwortung wird durch ein neues Miteinander erhöht und die Nachbarschaften und deren „Wir-Gefühl“ in den Quartieren gesteigert. „nordwärts“ hat 2025 einen Beitrag zur Harmonisierung der Lebensverhältnisse in der Gesamtstadt geleistet und das ebenenübergreifende Arbeiten innerhalb der Verwaltung und mit Politik und Zivilgesellschaft optimiert.

Inwieweit können andere Kommunen in Deutschland in gleichem Maße von einem solchen Projekt profitieren? Ist „nordwärts“ als Konzept übertragbar auf andere Gemeinden mit ähnlichen Ausgangslagen?

Prozesse, Methoden, Instrumente und Teilprojekte sind ohne Einschränkung übertragbar.


Frau Michaela Bonan ist die bundesweit erste kommunale, hauptamtliche Ombudsfrau für Bürgerinteressen im Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Dortmund. Seit 2011 verantwortet sie die Planung, Begleitung und Durchführung gesamtstädtischer Beteiligungsprozesse von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung. Zudem ist sie Leiterin des Projektbüros „Smart City Dortmund“ und Geschäftsführerin der Allianz Smart City Dortmund. Außerdem leitet sie das Dekadenprojekt „nordwärts“.