Urbane Intervention

Ein Interview mit Matthias Burgbacher von PLAN:KOOPERATIV

Tatsächliche Partizipationskultur erfordert Transparenz und Ehrlichkeit, erklärt Matthias Burgbacher von PLAN:KOOPERATIV. Im Interview stellt er dazu das Konzept der Urbanen Intervention vor und spricht über notwendige Kompetenzen zum Aufbau einer Beteiligungskultur.

Foto: Barnyz via flickr.com, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

PLAN:KOOPERATIV bezieht nach eigener Aussage das Raumwissen, die Bedürfnisse und die Präferenzen der Menschen vor Ort in Planungen ein, um Stadtentwicklung nachhaltig zu gestalten. Können Sie Ihre Vorgehensweise genauer erklären?

Bürgerbeteiligung ist aus unserer Sicht ein essentieller Bestandteil der meisten Planungsprozesse.

Unserem Ansatz liegt eine recht klare Rollendifferenzierung zu Grunde: Der Gemeinderat trifft die Entscheidungen, der oder die Planer*in macht die Planung und die Menschen vor Ort haben spezielle Bedürfnisse und exklusives Raumwissen. Entsprechend gestalten wir unsere Beteiligungsprozesse. Bei uns ist immer von Anfang an klar, dass es nicht um Bürgerentscheide o. Ä. geht, sondern darum, den Planungsprozess durch die Ortskenntnis und die Bedürfnisse der Menschen zu bereichern. Wir sind selber im Bereich Stadtplanung am KIT in Karlsruhe tätig. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass jede*r Planer*in immer wieder vor der gleichen Herausforderung steht: Man kann zwar einen Stadtplatz oder ein Quartier planen, aber es ist immer ein schwieriger Prozess herauszufinden, was nun genau dieser Platz oder dieses Quartier benötigt. Was brauchen die Menschen vor Ort? Was sind die spezifischen Probleme? Welche Identität hat dieser Ort? Diese Fragen können die Menschen vor Ort am besten beantworten. Wir versetzen die Menschen durch unsere innovativen Online- und Workshopkonzepte in die Lage, genau zu diesen Fragen Stellung beziehen zu können. Anschließend übersetzen wir die Ergebnisse wieder in die Sprache der Planer*innen, damit sie auf dieser Grundlage die Planung voranbringen können.Wir sehen Bürgerbeteiligung also nicht als gesonderten Prozess, der parallel zum Planungsprozess abläuft, wie das häufig getan wird, sondern sie ist aus unserer Sicht ein essentieller Bestandteil der meisten Planungsprozesse.

Unterschiedliche Akteure eines Beteiligungsprozesses haben jeweils spezifische Arten der Kommunikation. Wie gehen Sie methodisch auf die unterschiedlichen Bedürfnisse ein?

Diese Unterscheidung gilt in unterschiedlichen Dimensionen. Man kann schon einmal zwischen Expert*innen und Laien unterscheiden. Während ich Expert*innen bspw. fragen kann, welche Themen in den kommenden Jahren in einer Stadt eine Rolle spielen werden, muss ich hier bei Laien evtl. einen kleinen Umweg gehen. Laien können deutlich leichter konkret über Ihre Stadt nachdenken, als sich abstrakte Fragen zu stellen. Hier frage ich dann also zum Beispiel nach konkreten Stärken und Schwächen in der Stadt und leite daraus die Themen ab, die in Zukunft eine Rolle spielen werden.

Die nächste Unterscheidung ist innerhalb der Bürgerschaft zu treffen. Das klassische Mittel der Bürgerbeteiligung sind seit den 70er Jahren die Workshops. Diese sind natürlich sehr gut geeignet, um vertieft mit den Menschen in einen Diskurs zu treten und fundierte Ergebnisse auszuarbeiten. Innerhalb der Gruppe derer, die an Workshops teilnehmen, gibt es sehr unterschiedliche Wissensstände, was Planungsprozesse angeht. Wir gestalten unsere Workshops deshalb methodisch so, dass alle Teilnehmer*innen auf Augenhöhe diskutieren können und niemand einen Wissensvorsprung zu seinen Gunsten nutzen kann.

Es gibt aber auch Menschen, die sich nicht an solchen Workshops beteiligen wollen oder können. Sei es, weil sie nicht so viel Zeit aufwenden möchten, weil sie das Gefühl haben, nicht kompetent genug zu sein oder weil sie das Thema schlicht nicht interessant genug finden. Diese Menschen versuchen wir mit niederschwelligen Angeboten wie Online-Beteiligungs-Tools oder einfachen Fragebögen abzuholen und einzubeziehen. Hier muss man nur wenige Minuten aufbringen, kann die Aufgabe bequem von der eigenen Couch aus oder unterwegs erledigen und hat dennoch seine Meinung in den Prozess eingebracht. Damit diese Meinungen genau so Berücksichtigung finden, wie die Meinungen, die in den Workshops geäußert werden, bauen unsere Workshops immer auf den Ergebnissen dieser Vorabbefragungen auf.

Als letztes sind noch die Menschen innerhalb der Bürgerschaft zu unterschieden, die aus strukturellen Gründen weder die Workshops noch die Online-Angebote nutzen. Ältere Menschen in Seniorenheimen bspw. sind häufig weder mobil genug, um an Workshops teilzunehmen noch bekommen sie von den Fragebögen mit, die im Einzelhandel ausliegen. Kinder und Jugendliche fühlen sich auf der anderen Seite durch die gestellten Fragen und Thematiken nicht angesprochen. Solche Gruppen binden wir mit sogenannten „aufsuchenden Beteiligungsangeboten“ ein. Das bedeutet, wir gehen in Seniorenheime, Schulen, Sportvereine etc. und arbeiten dort mit speziell auf die jeweilige Gruppe zugeschnittenen Formaten.

Und dann gibt es natürlich noch die am Prozess beteiligten Menschen, die nicht zur Gruppe der Bürgerschaft zu zählen sind: Verwaltung, Gemeinderat, Investoren, Planer*innen etc. Diese Gruppe ist aber meist überschaubar und wird bisher noch in Form von (Einzel-)Gesprächen in den Prozess eingebunden. Hier arbeiten wir gerade an einer Plattform, mittels der wir die Planungsprozesse auch innerhalb dieser Gruppe einfacher und effizienter gestalten wollen. Hierüber können wir aber noch nicht mehr verraten.

Auf Ihrer Internetseite ist zu lesen: „Wir intervenieren im öffentlichen Raum, damit sich die Menschen die richtigen Fragen stellen“. Was ist damit gemeint?

Es ist doch so: Nur weil überall Partizipation gefordert wird, darf man nicht davon ausgehen, dass der Großteil der Menschen Partizipationsangebote auch von sich aus wahrnimmt. Die einen bekommen die Prozesse gar nicht erst mit, die anderen interessieren sich nicht dafür und die dritten sind mit dem Beteiligungsgegenstand überfordert. Unsere urbanen Interventionen dienen dazu, dass die Menschen zum einen auf die Prozesse aufmerksam werden und zum anderen anfangen, ihren Lebensraum wieder mehr zu hinterfragen. Wir Menschen blenden Dinge, die uns stören, häufig aus. Das ist ein ganz natürlicher Prozess, schließlich können wir uns ja nicht ständig Gedanken darüber machen, was uns alles nicht gefällt – umso mehr, wenn wir das Gefühl haben, dass wir ohnehin nichts an den Missständen ändern können. Für unsere Prozesse ist es aber wichtig, dass die Menschen ihren Lebensraum hinterfragen und formulieren, was sie daran gerne verbessern würden.

Deshalb konfrontieren wir die Menschen mit Dingen, die sie überraschen und häufig auch provozieren.

Bspw. sollten wir gemeinsam mit der Bürgerschaft einer Gemeinde ein Leitbild entwickeln, an dem der Gemeinderat seine Entscheidungen in den kommenden 10 bis 20 Jahren ausrichten sollte. Das Problem war aber, dass die ehemals eigenständigen Ortsteile dieser Gemeinde alle furchtbar neidisch aufeinander waren und ein sehr ausgeprägtes Ortsteildenken herrschte. Um dieses Denken aufzubrechen, haben wir die damals sehr aktuelle „Brexit“-Diskussion aufgegriffen und den Menschen in den unterschiedlichen Ortsteilen wie Gächingen, Würtingen etc. auf Plakaten den Gäxit, Wüxit usw. vorgeschlagen. Die Botschaft war also, alle sollten wieder raus aus dem Gemeindeverbund. Das sorgte für eine riesige Empörung. Die Menschen waren entrüstet darüber, dass man so etwas vorschlagen könne, schließlich hätten sie als ohnehin schon kleine Gemeinde nur gemeinsam eine Chance. Plötzlich war das Thema also in aller Munde und die Menschen fingen an, wieder darüber zu diskutieren, wie sich die Gemeinde in Zukunft entwickeln solle und die einzelnen Ortsteile gemeinsam an einem Strang ziehen könnten. Wir haben die Menschen also durch eine einfache Provokation dazu gebracht, genau über die Themen nachzudenken, zu denen wir mit Ihnen arbeiten wollten.

Wir arbeiten häufig mit solchen Plakaten, haben aber auch schon über Nacht die Straßen einer Stadt mit breitem, leuchtend gelbem Gaffaband beklebt, Fragen auf die Straßen gesprüht oder zum Abriss stehende Häuser mit Flatterband eingewickelt. Es geht immer darum, dass die Menschen verstehen wollen, was das soll und sich deshalb in eine aktive geistige Haltung begeben. Wir wollen, dass der Beteiligungsgegenstand zum Diskussionsthema wird, bevor die Menschen überhaupt wissen, dass es einen Beteiligungsprozess geben wird.

Beteiligungsprozesse dialogorientiert durchzuführen, erfordert Beteiligungskompetenz auf Seiten aller Akteure aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Was braucht es, um eine entsprechende Beteiligungskultur aufzubauen?

Dialoge können nur dann auf Augenhöhe geführt werden, wenn jede Partei die Kompetenzen und die Bedürfnisse der anderen kennt und akzeptiert.

Das wichtigste ist, dass die Menschen die oben angesprochene Rollenaufteilung akzeptieren. Dialoge können nur dann auf Augenhöhe geführt werden, wenn jede Partei die Kompetenzen und die Bedürfnisse der anderen kennt und akzeptiert. Als Planer muss ich akzeptieren, dass die Menschen vor Ort manche Dinge einfach besser wissen als ich. Als Bürger muss mir klar sein, dass ich letztlich nicht die Entscheidungen treffe, sondern dass das in einer repräsentativen Demokratie die gewählten Vertreter*innen aus dem Gemeinderat tun. Gleichzeitig muss mir natürlich klar sein, dass die Aufgaben des Gemeinderates nicht nur sind, mich als Bürger glücklich zu machen, sondern bspw. auch auf einen ausgeglichenen Haushalt zu achten, wodurch die Bedürfnisse des Investors in einem Projekt berücksichtigt werden müssen. Der wiederum muss verstehen, dass die Bürgerschaft bestimmte Bedürfnisse hat, die er neben der reinen Gewinnmaximierung berücksichtigen muss, wenn sein Projekt erfolgreich sein soll usw. Je klarer und transparenter solche Rahmenbedingungen formuliert werden, desto erfolgreicher ist unserer Erfahrung nach ein Projekt.

Unsere Auftraggeber*innen haben häufig erst einmal den Impuls, so zu tun, als hätte die Bürgerschaft mehr Entscheidungskompetenz, als sie tatsächlich haben. Oder man will ihnen verschweigen, dass bestimmte Dinge ohnehin schon gesetzt sind. Davon raten wir immer sehr dringend ab, denn am Ende kommen solche Dinge heraus und die Enttäuschung ist auf beiden Seiten groß. Ich muss dann auch nicht darauf hoffen, dass die Menschen sich beim nächsten Mal wieder beteiligen.

Nur wenn die Karten wirklich auf dem Tisch liegen und alle wissen, was die tatsächlichen Rahmenbedingungen und Spielräume sind, können Dialogprozesse auf Augenhöhe geführt und eine tatsächliche Partizipationskultur etabliert werden.

Zur Person

Matthias Burgbacher (Soziologe, M.A.) hat zusammen mit Dipl. Ing. Steffen Becker PLAN:KOOPERATIV gegründet. Die Kreativagentur für Stadt-Bürger-Dialoge gliedert sich in ein Kernteam, bestehend aus den beiden Gründern sowie einem interdisziplinärem Team aus den Bereichen IT, Kommunikationsdesign, Illustration, Game Design, Game Thinking, Architektur, Film und Medien.