Politik zum Anfassen

Gregor Dehmel stellt im Interview mit bipar den Verein „Politik zum Anfassen“ vor und spricht über die Chancen einer frühzeitigen politischen Einbindung junger Menschen.

Foto: Michael Panse via flickr.com, Lizenz: CC BY-ND 2.0

Mit dem Projekt „Politik zum Anfassen“ bringen Sie jungen Menschen demokratische Prozesse näher und vermitteln politisches Wissen. Wieso ist Ihnen gerade die Einbindung  junger Menschen so wichtig?

Wenn die Jugendlichen mit 16 oder 18 wahlmündig sind, sollen sie sich plötzlich dringend für Demokratie und Wahlen begeistern. Aber wo erlebe ich denn als junger Mensch vorher Demokratie in meinem Alltag? Wo zählen meine Ideen und wo wird meine Meinung gehört? Wo kann ich Mitbestimmung ausprobieren und Mitreden lernen? Nur wenn Jugendliche früh so etwas wie Selbstwirksamkeitserfahrungen machen, können wir sie auch für die Demokratie begeistern. Denn das fehlt an allen Ecken und Enden: Lust auf Demokratie, nicht nur die Erfüllung von (lästigen) Pflichten. Lust auf Selbermachen, Lust auf Probleme lösen und Lust auf das Gestalten von Zukunft. Das möchte Politik zum Anfassen e.V. mit den Projekten und Programmen, mit Planspielen, Umfragen, Filmen und Mitmach-Ausstellungen erreichen: Lust auf Demokratie. Wir wollen (nicht nur junge) Menschen ermutigen und befähigen, mitzureden und mitzudenken, sich für ihr Leben und die Welt um sie herum zu interessieren und eigene Ideen und Meinungen einzubringen. Das alles muss man lernen und immer wieder üben – wie jede andere Fähigkeit auch. Und damit kann man nicht früh genug anfangen, unsere Projekte starten in der Kita und in der Grundschule. Denn wenn wir alle gewohnt sind, nicht nur passiv Dinge hinzunehmen, sondern selbst zu gestalten, wird die Welt eine ganz andere sein. Wir glauben: eine Bessere!

Sie verwenden u. a. Planspiele bei der Umsetzung. Welche Vorzüge bietet diese Methode aus Ihrer Sicht?

Mit unserem Planspiel „Pimp Your Town!“ und seinen Ablegern machen wir auf den ersten Blick alles falsch: Keine fancy Methode, keine hippen Jugend-Themen, Zwangsschüler, die fünfmal über dasselbe Thema sprechen müssen, alle Schulformen gemischt und am Ende gibt es noch nicht mal einen Dialog auf Augenhöhe mit der Politik. (lacht) Und trotzdem sind alle Beteiligten am Ende glücklich und die Schüler-Ideen werden Wirklichkeit! Die parlamentarische Methode ist nämlich auf den zweiten Blick ideal geeignet, Unterschiede zu egalisieren: Die Ideen sind ausformuliert, jeder hat vor sich liegen, worüber gerade gesprochen wird, jeder kann sich melden und kommt auf die Rednerliste, alle müssen zuhören und am Ende hat jeder eine Stimme – egal wie schnell oder langsam man im Denken oder Sprechen ist oder welche Politiknote man hat. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit der gesamten thematischen Breite der Kommunalpolitik, nicht nur mit vermeintlichen „Jugendthemen“ wie Graffiti-Wand oder Schulklos. Im Klassenverband erreichen wir alle, auch die „Lümmel aus der letzten Bank“, die niemals freiwillig zu einer Jugendbeteiligungsveranstaltung ins Rathaus gekommen wären. Und die Politikerinnen und Politiker hören zu und assistieren, indem sie Tipps geben und die Schülersitzungen leiten. Übrigens kommt noch etwas Zweites dazu, was uns erst später aufgefallen ist: Die Methode nimmt den Politikerinnen und Politikern die Angst. Keiner muss sich Zettel an die Stirn kleben, im Kreis tanzen oder rappen. Es gibt eine Tagesordnung mit Tagesordnungspunkten und Anträgen, die man mit den jungen Menschen besprechen kann. Das gibt Sicherheit bei der Begegnung mit den „fremden, unbekannten Wesen“, den Jugendlichen. Und nebenbei lernen die Jugendlichen noch, wie in der Politik aus Ideen Beschlüsse werden – und wann ein guter Zeitpunkt ist, sich einzubringen (in der abschließenden Sitzung ist es nämlich fast immer zu spät…).

Ein neues Projekt von Ihnen ist eine kommunalpolitische Mitmach-App. Was hat es damit auf sich und wie kam es dazu?

Wir erreichen mit unseren Projekten fast 10.000 Schülerinnen und Schüler bundesweit, aber unser typisches Projekt sieht so aus, dass sich eine Projektleiterin mit 6 Freiwilligen und Mitarbeitern in einen Ford Transit setzt und vor Ort eine knappe Woche zaubert. Unsere Projekte sind wirksam und das Erleben verändert nicht nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sondern setzt auch Veränderungsprozesse in den Kommunen in Gang. Aber es besteht auch die Gefahr, dass Jugendbeteiligung mit den drei Tagen Planspiel als „erledigt“ angesehen wird. Was fehlt, ist ein mobiles, leicht handhabbares Beteiligungswerkzeug, das kontinuierlich überall genutzt werden kann, wo Menschen miteinander agieren: in Vereinen, in Verbänden, in der Schule, im Jugendtreff – um all diese Orte so zu verändern, weil Beteiligung plötzlich leicht möglich und dadurch selbstverständlich wird. Am Ende der langen und mühsamen Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten stand die “Google Impact Challenge 2018″. Dieser Wettbewerb unterstützt nach eigener Aussage “Ideen, die unsere Gesellschaft mit Hilfe von Technologie etwas besser machen können”. Unsere App-Idee überzeugte das Team von Google dermaßen, dass Mitarbeiter und Management von Google außerhalb des Wettbewerbs einen großzügig dotierten “Sonderpreis Demokratieförderung” schufen und die Entwicklung der App bis 2020 zusammen mit Ashoka begleiten. So entsteht gerade unsere Jugendbeteiligungs-App. Es soll nicht das allein seligmachende und alles andere ersetzende Tool werden, sondern ein Werkzeug zum immer dabeihaben sein, das bestehende und zukünftige Beteiligungsverfahren sinnvoll ergänzt und erweitert. Anfang 2019 starten die ersten Kommunen und Verbände. Wer noch dabei sein möchte, meldet sich einfach bei uns – noch sind ein paar Pionierplätze frei!

Zur Person

Gregor Dehmel, Jahrgang 1972, studierte Psychologie an der Universität Göttingen, war Ratsherr der Landeshauptstadt Hannover und weil er von seinem Platz im Ratssaal aus die glücklichen Gesichter der Kinder auf der Besuchertribüne sehen konnte, wenn sie nach einer Stunde die Ratssitzung verlassen durften, hatte er 2006 zusammen mit seiner Frau die Idee zu Politik zum Anfassen. Für seinen Verein Politik zum Anfassen entwickelt er spannende neue Bildungsprojekte und ist das „Trüffelschwein“, wenn es um neue Ideen und ungewöhnliche Herangehensweisen geht. Am Filmset ist er ebenso in seinem Element wie bei Workshops und Vorträgen. Für seine Arbeit wurde er im Mai 2018 vom Bundespräsidenten persönlich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.