Bewegte Partizipation

Beteiligung sollte mal Luft schnappen

Mit Geh-Sprächen, walk & talk oder wertschätzenden Wanderungen lässt sich der Austausch aus geschlossenen Räumen ins Freie verlegen. Wie das am besten gelingt, erläutern Lisa Weis und Hannes Wezel in diesem Gastbeitrag.

Foto: Lisa Weis für AfB

Diese Pandemiezeiten bewegen uns, gerade auch bei der Bürgerbeteiligung. Deshalb möchten wir mit diesem Impuls-Aufsatz ein kleines und kreatives Plädoyer dafür halten, Neues in der Beteiligung auszuprobieren. Vor dem Hintergrund unserer vielfältigen Partizipationserfahrungen plädieren wir für den Einsatz von Methoden, bei denen sich die Teilnehmenden beim Spazieren, Wandern oder Flanieren austauschen – Beteiligung sollte auch mal frische Luft schnappen.

Kleine Historie vom Gehen und Wandeln

Ob Spaziergänge im Quartier, „Geh-Spräche“, walk & talk oder wertschätzende Wanderung; gemeint ist immer dasselbe: Bei einem Spaziergang und im Gehen mit Menschen bewusst ins Gespräch zu kommen. Spazieren kommt aus dem italienischen „spaziare“ und bedeutet, „räumlich ausbreiten“. Es kam vermutlich im 15. Jahrhundert ins Deutsche. Aber, die ersten Spaziergänge, im Sinne von Lustwandeln und Flanieren, unternahmen wohl, wie könnte es anders sein, die griechischen Stoiker. Sie wandelten 300 v. Chr. durch die Säulenhalle der Stoa, wo sie ihre Gedanken zum Besten gaben. Dass man beim Spazieren und Wandeln gute Gedanken bekommt, das zeigen auch unsere großen Dichter und Denker: Goethe, Schiller und ganz besonders Hölderlin. Letzterer war zu Fuß viel unterwegs, man denke nur an seine Wanderung vom schwäbischen Nürtingen ins französische Bordeaux. Auch die Soziologie interessiert sich fürs Spazierengehen; so gründete Lucius Burckardt in den 1970er Jahren die so genannte Promenadologie, die „Spaziergangswissenschaft“. Darin geht es insbesondere darum, zu einer authentischen und natürlichen Wahrnehmung der Umwelt zu kommen.
Für uns als „Beteiliger“ wird es dann noch interessanter, wenn wir auf die Arbeit von Christine Webb schauen. Sie forscht an der Emory Universität in Atlanta über Konfliktverhalten. Dabei kommt sie in ihren Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Spazierengehen umfassende Anti-Konflikt-Effekte hat. Gemeinsames Gehen schaffe eine neue Perspektive auf andere Menschen. Als großer Vorteil sieht Webb, dass man sich nicht starr gegenüber sitzt, sondern sich beim Spazieren quasi Schulter an Schulter in ein und dieselbe Richtung bewegt. Dadurch sehe man sich viel weniger als Kontrahent denn als Partner, mit dem es ein gemeinsames Problem zu lösen gilt. (Stuttgarter Nachrichten, „Wissenswert“ ,29. August 2020) Und genau deshalb sagen wir: Beteiligung soll beim Spazieren an der frischen Luft stattfinden.

Bewegte Beteiligung ist bio-logische

Es ist nun mal so: Bislang gelten geschlossene Räume als das Mekka der Beteiligung – doch diese sind gerade tabu. Deshalb plädieren wir wie eingangs gesagt dafür, die Beteiligung muss an die frische Luft und braucht Bewegung. Nicht nur die Soziologie spricht dafür, es ist auch biologisch erwiesen, dass es Sinn macht, Menschen an der frischen Luft miteinander ins Gespräch zu bringen. Sauerstoff lockt das Kreativitätshormon ACTH: Dieses Hormon der Zirbeldrüse senkt den Blutdruck, entspannt den Körper, macht den Geist kristallklar und hellwach. Diese Substanz löst Fettablagerungen zwischen den Gehirnzellen auf und so können die Gedanken besser fließen. Das wollen wir auch in Bürgerbeteiligung nutzen. Wir haben in den zurückliegenden Jahren immer wieder damit experimentiert und sehr gute Erfahrungen gemacht.

Bewegte Beteiligungsbeispiele

Da war zum Beispiel das Format „Gehspräche“ bei der Jahrestagung der Allianz Vielfältige Demokratie im Januar 2019 in Berlin. Nach stundenlangem Zuhören im Sitzen unternahmen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem auszufüllenden Steckbrief paarweise einen Spaziergang. Sie befragten sich gegenseitig im Gehen zum Tagungsverlauf, ihren Erwartungen und zu ihrer alltäglichen Praxis der Beteiligung. Die Steckbriefe wurden dann samt Polaroidfotos an einer Pinnwand für alle sichtbar platziert. Oder das Format „Demokratie vor Ort“. Gemeinsam haben dabei in der schwäbischen Stadt Nürtingen Gemeinderätinnen und Gemeinderäte sowie Bürgerinnen und Bürger Stadtteilspaziergänge gemacht; sind zu zweit oder in kleineren Gruppen nebeneinander, Schulter an Schulter gelaufen und haben sich ausgetauscht.
Gut funktioniert hat hierbei, dass immer eine konkrete Fragestellung mit auf den Weg gegeben wurde. Zudem hat es sich methodisch bewährt, zumindest in Grundzügen Formen eines kontrollierten Dialogs zu verwenden. Das heißt, stärker auf die Rollen des Erzählenden und des Zuhörenden zu achten und nachzufragen im Sinne von: „habe ich Sie richtig verstanden, dass…“. Übrigens, dieses Format lief über mehrere Jahre und führte zu dem Ergebnis, dass die Anregungen der Bürgerinnen und Bürger sogar zu konkreten Haushaltsanträgen der teilnehmenden Gemeinderatsfraktionen führte.
Wertvolle Unterstützung zur thematischen Anleitung und Ergebnisfixierung stellen Minifragebögen dar. Gute Erfahrungen hat man bei der Allianz für Beteiligung in Stuttgart zudem damit gemacht, die Ergebnisse solcher „Geh-spräche“ zusätzlich online zu stellen.

Wertschätzende Wanderung

Schauen wir im nächsten Schritt etwas tiefer in die Methodenkiste von bewegter Beteiligung. Grundlage für uns ist dabei, die auf Wertschätzung beruhende Methode Appreciative Inquiry („wertschätzende Erkundung“). Dabei geht es um das, was in Gruppen und ganzen Organisationen bereits gut funktioniert und was man gemeinsam tun kann, um mehr davon zu haben. Mit dieser grundlegenden Haltung können Potentiale und Momente des Gelungenen ans Licht geholt bzw. über eine für Beteiligungsprozesse so wichtige wertschätzende Grundhaltung erzeugt werden (Art of Hosting Handbuch, Evangelische Akademie Bad Boll, 2017).

Können die beschriebenen „Gehspräche“ überall und jederzeit stattfinden, ist eine wertschätzende Wanderung dann doch eher die Königsdisziplin in der bewegten Beteiligung. Gute Erfahrungen haben wir dabei mit größeren Gruppen in schöner Landschaft gemacht. Auf dem gemeinsamen Weg lassen sich Themen jeglicher Art bearbeiten. Ob bei einer kleineren oder auch längeren Wanderung. Unterwegs finden im Gehen kreative Elemente in der Natur und an der frischen Luft statt. Das Entdecken, Tagträumen, Konkretisieren und Umsetzen sind die vier Grundphasen dieser sehr wertschätzenden Methode. Das Setting der Gruppe kann unterwegs immer wieder verändert und neu gemixt werden und führt zu ganz vielfältigen Perspektiven. Die Verbindung zwischen Landschaft, Thema und der Gruppe ist großartig. Bewegungsübungen können zusätzlich eingebaut werden und fördern die Kreativität.

Bewegter Quartiersimpuls in Schwäbisch Gmünd

In Schwäbisch Gmünd am Rande der Ostalb hat man sich im Herbst diesen Jahres auch dazu entschlossen, dass nicht alles digital sein muss. Stattdessen war es an der Zeit, sich analog zu begegnen und auszutauschen. Gesagt getan: Im Rahmen des Raumschaftsprojekt „Ein Hospiz für 23 Kommunen – ein Bürgerprojekt“, das im Rahmen des Förderprogramms „Quartiersimpulse“ gefördert wird, wurde im September der Startschuss für die sogenannte „Geh-Phase“ gegeben. Mittelalterliche Hospize waren Herbergen an den großen Pilgerwegen. Für Pilger, die unterwegs krank geworden sind, waren sie manchmal auch die letzte Herberge. So versteht sich auch das Kloster-Hospiz der Franziskanerinnen in Schwäbisch Gmünd als gastfreundliche Herberge und knüpft an diese mittelalterliche Tradition an, gemeinsam mit den 23 Kommunen der Raumschaft.

Gemeinsam wurde im Herbst nun auf unterschiedlichen Wegen gewandert, um sich dabei zu allen Fragen rund um das Kloster-Hospiz zu informieren und auszutauschen. An verschiedenen Stationen der Wanderungen wurden Impulse und Informationen mit auf den weiteren Weg gegeben. Bewegte Beteiligung konnte auf diese Weise unter Einhaltung der Hygienevorschriften stattfinden. Mit auf dem Weg waren der Bürgermeister der Raumschaft, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung sowie Personen des Klosters. Sie wurden zudem begleitet von erfahrenen ehrenamtlichen Hospizhelferinnen, die über ihre Erfahrungen in der Sterbebegleitung erzählten. Über Felder, Wiesen und Wälder wurde gemeinsam gewandert und dem Austausch über das Thema Sterben und Tod ein neuer Raum gegeben. Es war möglich, darüber nachzudenken, ob und wie man sich in das zukünftige Kloster-Hospiz einbringen möchte. Es ging darum, ein Gespür zu entwickeln für das, was da entsteht und zudem ging es auch um die Form der Mitgestaltung. „Was kann ich einbringen und wie kann ich das tun?“ war eine der Fragen. Auch die Frage nach dem „was bleibt?“ wurde aufgeworfen als die Gruppe den Skulpturenpfad entlangging und die Kunst am Wegesrand zum Anlass für weitere Gespräche nahm. Nach den Wanderungen kam man zum Ausklang noch zu einem kleinen Imbiss an der frischen Luft zusammen, um den Tag und die Eindrücke gemeinsam Revue passieren zu lassen.

Zu den Personen

Lisa Weis hat Soziologie studiert und sich bereits im Studium mit dem Themenfeld „Beteiligung“ befasst. Bei der Allianz für Beteiligung Baden-Württemberg setzt sie sich als stellvertretende Geschäftsführerin dafür ein, Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg zu stärken.

 

 

 

Hannes Wezel ist leidenschaftlicher Dauerläufer in Sachen Ehrenamt, Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung. Er ist Mitbegründer der Allianz für Beteiligung Baden-Württemberg. In der Allianz Vielfältige Demokratie begleitet er zusammen mit Dr. Thomas Kuder vom vhw Berlin, den Themenkreis „Breite Beteiligung“.

Literaturhinweise

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OECD (Hrsg.)

Innovative Citizen Participation and New Democratic Institutions - Catching the Deliberative Wave

2020.

(Links | BibTeX)

Peter Patze-Diordiychuk, Paul Renner (Hrsg.)

Methodenhandbuch Bürgerbeteiligung - Moderationsphasen produktiv gestalten

oekom verlag, München, 2019, ISBN: 978-3960061724.

(Abstract | Links | BibTeX)

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Schwindendes Vertrauen in Politik und Parteien

2019.

(Abstract | Links | BibTeX)

Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Wegweiser Breite Bürgerbeteiligung: Argumente, Methoden, Praxisbeispiele

2018.

(Links | BibTeX)

Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Bürgerbeteiligung, Volksabstimmungen, Parlamentsentscheidungen: Empfehlungen und Praxisbeispiele für ein gutes Zusammenspiel in der Vielfältigen Demokratie

2018.

(Links | BibTeX)

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