Direkte Demokratie ist keine Utopie

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Direkte Demokratie (DD) erscheint wohl so erschreckend, so undenk- und machbar, dass sie selbst bei der Forderung nach mehr „Bürgerbeteiligung“ als Ziel häufig unterschlagen oder „vergessen“ wird – fast als würde man ein Fremdschämen befürchten. Dabei schreit zumindest die technische Entwicklung geradezu nach Direkter Demokratie, welche politisch der einzige produktive und logische Ausweg aus der von so vielen Menschen gefühlten Sackgasse der indirekten, parlamentarischen Demokratie und sogar des Finanzsystems sein könnte – mit zumindest einer gewissen Chance auf positive Entwicklung. Wenn, ja wenn die derzeit herrschenden Funktionsträger der parlamentarischen Demokratie das zulassen.

Schon jetzt kann Direkte Demokratie, da wo sie ihr noch unwichtiges Rand-Dasein führen darf, Grauenvolles verhindern oder auch nicht, Übles beschließen oder Bürgermeister wählen. So blieb den Stuttgartern aber der Bau eines überflüssigen Bahnhofsbaus nicht erspart und Schweizer Minarette will das Volk nicht mehr sehen. Trotz dieser ganz im Sinne des parlamentarischen Systems erfolgreich verlaufenen, weil systemkonformen und bewahrenden, Testläufe, bleibt es sowohl im rechten wie im linken Spektrum der Politik, und der Mainstreampresse sowieso, maximal beim Lob der „Beteiligung“. Solange das System der indirekten Parteiendemokratie und die inzwischen damit verbundene, mehr oder weniger direkte, politische Bestimmungsmacht einer Funktionärsschicht und umgekehrt die Bestimmungsmacht der Wirtschaft nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Das Parteien-Parlaments-System als Auslaufmodell

Die real existierenden Parteien und parlamentarischen Institutionen werden gemeinhin als systemisch „alternativlos“ dargestellt. Dabei haben die handelnden Personen aus allen Lagern alles unternommen, um Ruf und Ansehen „der Politik“ zu ruinieren. Ein Viertel bis über die Hälfte der möglichen Wähler beteiligt sich schon gar nicht mehr an diesem System. Umfragen zufolge halten über 60% der Deutschen wenig von der Demokratie – jedenfalls von der die sie kennen. Alternativen, selbst wenn sie sich nur als Idee oder als „Übungspartei“ darstellen, wie die Piraten, werden dagegen als chaotisch, unberechenbar und als Spinner gebrandmarkt. Jedenfalls bis sie endlich ein Programm haben und als Partei, wie man sie haben will, berechenbar werden. Und damit wie alle anderen neuen Parteien überflüssig, weil – die gibt es ja schon. Dass die Idee von DD in den Funktionärskreisen der etablierten Parteien von SPD bis CSU auf wenig Gegenliebe stößt, mag sich schon daraus erklären, dass eben jene Nomenklatura von Parteifunktionären ohne Partei-, Parlaments- oder Regierungsfunktion vermutlich wieder ins Normalglied der Wählerschaft zurücktreten müsste. Wenn nicht gar die einstmals erlernte Lehrer- oder Anwaltsstelle wieder anzutreten wäre. Viele (nicht alle!) Politiker der jetzt agierenden Parteien sind Parteiengewächse und außerhalb des Gewächshauses Partei kaum überlebensfähig. Wähler spüren dies, mündige Wähler, die sich herausnehmen mitzudenken, mitzureden sowieso. Auch ein Grund, warum der Respekt vor der jetzigen parlamentarischen Demokratie schwindet. Dies ist kein Vorwurf an den einzelnen Politiker. Dies ist ein „Vorwurf“ an das System, welches alle Parteien in den letzten 60 Jahren aufgebaut haben und welches geradezu logisch zu einem solchen Personalportfolio führt. Ein politisches Personal, das eben schon „Bürgerbeteiligung“ mindestens als lästig, wenn nicht als Bedrohung der eigenen Person auffassen muss. Wirtschaftsunternehmen, die bisher mit diesem politischen Personal hervorragend ihre Interessen durchgesetzt haben, fürchten „Bürgerbeteiligung“ vermutlich noch mehr. Was würden sie erst von DD halten. Alpträume täten sich auf. Solche zum Beispiel: Seit Mitte der 80er Jahre gibt es eine stabile Mehrheit in der Bevölkerung für ein Tempolimit auf Autobahnen. Seit fast vier Jahrzehnten eine Mehrheit mit starker Ablehnung der Atomkraftnutzung. Ob es unter den Bedingungen von direkter Demokratie ein Fukushima benötigt hätte, um eine Energiewende erst im 21sten Jahrhundert zu beginnen? Und „Freie Fahrt für freie Bürger“ wäre vermutlich von diesen, dann wirklich freien, Bürgern schon vor 20 Jahren ausgebremst worden.

Feigheit vor dem Freund – technischer Fortschritt beim politischen Rollback

DD ist schwierig zu Ende zu denken. Angesichts des überwältigenden gesamtgesellschaftlichen Gefühls „so geht das nicht weiter“ ist es aber verwunderlich, dass auch aus der künstlerischen und intellektuellen „Elite“ Deutschlands angesichts dieser lokalen wie globalen Lage keine starken systemischen Visionen generiert, sondern immer nur wieder die alten Ideen des frühen 20sten Jahrhunderts in anderem Aufguss präsentiert werden. Ja, nicht einmal die direkte Demokratie wird in ihrer historischen Dimension als Chance gesehen – das muss als Feigheit vor dem Freund bezeichnet werden. Grund dafür ist auch, dass die inzwischen globalisierte Ingenieurs-Elite in euphorischer Technikgläubigkeit einfach weitermacht. Sie treibt den technischen Fortschritt und die Digitalisierung der Welt voran und schafft Fakten. Dabei führt technischer Fortschritt im Kapitalismus immer zu gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen – da muss man nicht die Weber anführen oder ehemalige Bleisatz-Schriftsetzer fragen. Zeitgleich zum technischen Fortschritt, der noch nie so schnell, so tiefgreifend war wie in den letzten 20 Jahren, verharrt die politische Elite nicht nur im entstandenen alternativlosen Sachzwang, sondern reagiert sogar mit politischer Reaktion auf den technischen Fortschritt, der Globalisierung, Sozialisierung von Information(smöglichkeiten) und Kommunikation explodieren lässt. Diese konservativ-reaktionäre Haltung äußert sich augenscheinlich zunächst im Finanz- und Wirtschaftsbereich, was im Kapitalismus nicht überraschend ist. So werden die Bundesrepublik und ihre wirtschaftlichen Interessen ohne Zustimmung (oder Abstimmung) von und mit der Bevölkerung inzwischen nicht nur am Hindukusch verteidigt. „Out of Area“-Einsätze mit und ohne Nato-, Parlaments- oder UN-„Mandat“ sind an der Tagesordnung. Ebenso werden inzwischen EU-Länder von nicht einmal parlamentarisch legitimierten Duos, Troikas oder Quartetten de fakto regiert. Schon nicht einmal indirekt demokratisch legitimierte EU-Institutionen und Funktionäre versuchen im Chambre Separee mittels sogenannter Freihandelsabkommen die Rechtssysteme ganzer Nationen außer Kraft zu setzen. Der sich ausbreitenden Kommunikation und Vernetzung der Menschheit steht der Versuch der Abschottung der Entscheidungsträger und der Entscheidungen gegenüber.

Kleinräumig, zum Beispiel innerhalb Deutschlands, führt der technische Fortschritt, in dem „Daten wichtiger sind als Dinge“, wie kürzlich der SPIEGEL schrieb, dazu, dass alte Geschäftsmodelle mit alten politischen Organisationen gegen den technischen Fortschritt verteidigt werden müssen. Das betrifft Uber-bedrohte Taxifahrer ebenso, wie überflüssige Verwaltungseinheiten in Krankenkassen oder staatlichen Kommunikationsunternehmen. Von tausenden Journalisten und Verlagen, die ob des kostenlosen Infotainments im Internet keine bezahlte Arbeit mehr finden, ganz zu schweigen. Die Demokratisierung der Kommunikation, der Interaktion revolutioniert die Wirtschaft. Auf diese technische Revolution reagiert die politische Kaste mit Starrsinn und Stasis – was vergeblich sein wird.

Technische Revolutionen haben immer zu politischen Revolutionen geführt

Es gibt seit jeher nur zwei wesentliche Argumente gegen Direkte Demokratie. Erstens: Das geht technisch nicht. Zweitens: Den Wählern fehlt es an Sachkompetenz. Was die Kritiker unhistorisch übersehen: Das waren auch schon die Argumente gegen das Wahlrecht und die parlamentarische Demokratie.

  1. Das geht technisch nicht: Selbst die diszipliniertesten und durchorganisiertesten Bundesbürger könnte man heute nicht mal eben auf dem Dorfplatz unter der Linde versammeln, um beispielsweise über das neue Wertpapierhandelsgesetz (WPHG) zu diskutieren und über die Rolle der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Oder über die Frage, ob jetzt Euro-Bonds besser wären als Euro-Beerdigung. Das scheitert eben schon, selbst bei der ausgefuchstesten Geschäftsordnung, vor allem am mangelnden Platz unterm Baum und der Redezeit. 80 Mio. Menschen können so nicht entscheiden. Schon bei 80 ist das schwierig. Manch einer mag das für eine grobe Vereinfachung halten, aber dieser technische Aspekt war auch im Übergang zur indirekten, parlamentarischen Demokratie eines „der“ Argumente gegen Demokratie und ist es noch heute. Viel zu viele Köpfe, zu viele Meinungen, zu schnelle Entscheidungen erforderlich – da kann man nicht ständig alle abstimmen lassen. Trotzdem zeigt die Geschichte: Häuptlinge, Herzöge und Imperatoren mussten abdanken. Weil man plötzlich mit der technischen Entwicklung, der Entwicklung der Kommunikation (und damit einhergehend auch der Information und Bildung!), doch die Möglichkeit hatte, größere Mengen von Menschen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Als logische Begleitmusik dazu forderten auch immer größere Mengen von Menschen im Rahmen der ökonomischen Entwicklung und Bildungsentwicklung diese Beteiligung. Je mehr die „tumbe Masse“, die Leibeigenen, Arbeiter und Bürger, schlicht „durchblickten“, desto mehr wollten sie auch mitbestimmen. Das Resultat ist: In ca. 70% der Welt ist heute die parlamentarische Parteien-Demokratie in allerlei Ausformungen und Spielarten durchgesetzt. Von den USA bis zur Ukraine, von Deutschland bis zur Dominikanischen Republik, überall geht die Macht über Wahlen vom Volke aus und auf verschiedenen Wegen irgendwo hin: Mal in ein Unterhaus, mal an einen Präsidenten, mal an eine einzelne herrschende Partei. Organisiert in komplizierten Massenaufmärschen, bei denen Zettel aus Papier in Kästen aus Holz geworfen werden (oder supermodernan nicht funktionierenden Wahlmaschinen gewürfelt wird). Mal werden auch schon direkt diese Wahlvorgänge manipuliert und nicht nur der Wähler in seinem Verhalten. Man stelle sich vor, mit diesem altbackenen System müsste jedes Jahr „Deutschland sucht den Superstar“ durchgeführt oder gar der Sieger im europäischen Songcontest ermittelt werden. Die Privatwirtschaft ist da schon sehr viel weiter als das politische System. Kurzum: Jedes Argument, direkte Demokratie sei technisch nicht machbar, ist angesichts der technischen Entwicklung – insbesondere der Kommunikation und des Internets – absurd. Alle diese technischen Einwände wie zum Beispiel auch Fälschungsanfälligkeit gelten in gleichem Maße für die indirekte Demokratie und ihre Wahlrituale ohnehin auch. Interessanter ist aber das zweite Argument gegen direkte Demokratie.
  2. Den Wählern fehlt es an Sachkompetenz: Im Kampf um die indirekte parlamentarische Demokratie war auch dies schon ein Argument. Angefangen vom Gottesgnadentum, über göttliche Sendungen bis hin zur „Herrschaft der Experten“ (so neu gar nicht, schlag nach bei Platon – Mario Monti hat viele Väter), wurde vor allem die mangelnde Erkenntnisfähigkeit (oder auch mangelnde Sittlichkeit oder wahlweise mangelnde Bildung) der breiten Bevölkerung als Grund für die Notwendigkeit der Herrschaft von Wenigen angeführt. Das Ergebnis ist auch hier bekannt. Mit steigender Erkenntnis, auch der Erkenntnis, dass es technisch „geht“ und vor allem mit steigender Bildung hat zumindest ein größerer Teil der Bevölkerung mehr Mitbestimmungsrechte eingefordert und auch teilweise durchgesetzt. Und „durchgesetzt“ heißt hier nicht ein „Bitte, gib mir mal Wahlrecht“. Man muss kein Historiker sein, um die Geschichte der Erkämpfung des Wahlrechts als Geschichte von Gewalt und Kriegen zu erkennen. Auf dem Weg zur direkten Demokratie oder zur wirklichen Bürgergesellschaft – heute noch häufig so nett mit „mehr Bürgerbeteiligung“ umschrieben, ist der „Wutbürger“ ein ungelenker früher Guerilla der direkten Demokratie, der aus dem Bauch heraus gegen etwas von den „Profis“ als sinnvoll Erachtetes ist – weil er eben angeblich keine Ahnung hat. Das Argument „fehlende Sachkompetenz“ wird dabei auch in der Pressepropaganda verfeinert, indem das Problem als ungeheuer komplex und kompliziert dargestellt wird. Von Linker Seite wird gelegentlich ins Feld geführt, der an sich ja kluge Mensch hätte nur, verführt durch die böse Presse und Propaganda, keine Chance gehabt, die Wahrheit zu erkennen und deswegen „falsch“ entschieden. Weswegen „die Partei“ auch immer Recht hat – denn die kann ja im Gegensatz zu den Massen „erkennen“. Ein Einwurf, der zum Beispiel nach dem Hamburger Bürgerentscheid zur Schulreform von Linker Seite immer wieder kam: Das Bildungsbürgertum habe sich in Einheitsfront mit der bürgerlichen Presse und den Vermögenden eigentlich gegen die breite Mehrheit der Bevölkerung und gegen „das Richtige“ durchgesetzt. Selbst wenn man dem Argument folgt, und das kann man durchaus, so ist es doch keines gegen mehr, gegen direkte Demokratie, sondern eines für mehr Bildung, mehr Transparenz, mehr unabhängige Presse, mehr Aufklärung. Transparenz und Bildung sind die Voraussetzungen für Direkte Demokratie. Voraussetzungen die heute möglich sind, wie man an den vielen Bürger-Experten sieht, die häufig bessere Quellen der Erkenntnis sind, als die bezahlten Gutachter der professuralen Universitäts- und Institutsriegen, die böse Zungen nicht immer zu Unrecht auch als Mietmäuler bezeichnen. Beides, Transparenz und Bildung, sind aber auch deswegen genau das, was die Verteidiger der jetzigen Parteiendemokratie zu fürchten haben. Die gesamtgesellschaftliche „Verblödung“ des „Pöbels“, ja auch der Meinungsmacher, die Verelendung des Journalisten, und die Verelendung des Bildungssystems sind deswegen so wichtig für die Aufrechterhaltung des jetzigen politischen Systems. Es bleibt dabei: Die technische Entwicklung, der Zugang zu Informationen und Wissen, hat ganz neue, viel weitreichendere Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeiten der Bürger zumindest möglich gemacht.
  3. Deutschland und die ganze Welt bereit zum Entern? Von Stuttgart bis Shanghai brodelt es. Das ist nicht verwunderlich. Wer Prognosen hinsichtlich der Umweltentwicklung wirklich ernst nimmt und auch nur über ein wenig Phantasie verfügt, spürt, wohin dieses Finanz/Wirtschaftssystem führt und dass hier schon an vielen Fronten der Kampf um’s Überleben auch mit Waffengewalt längst begonnen hat, auch wenn der sich vielfach hierzulande noch scheinbar nur im (Verteilungs-)Kampf um gerafften Wohlstand äußert. In Baden-Württemberg noch auf kleinem bürgerlichem Flämmchen, in China für uns unmerklicher aber unter dem Deckel wesentlich kochender. Vom arabisch-islamischen Raum mal ganz zu schweigen, wo „Bürgerbeteiligung“ und ein menschenwürdiges Leben noch mit ganz anderen Mitteln eingefordert und gleichzeitig bekämpft und unterdrückt werden und wurden. Im noch lieblichen Mitteleuropa wird da schon die Regulierung von Managergehältern zum Pressehype oder die Ansammlung von Menschen, die sich „Piraten“ oder „Pegida“ nennen. Dabei wird und wurde, bei den Piraten wie bei Pegida, der eigentliche Kern dieser Gruppen verkannt. Nämlich der Versuch direkte Demokratie zu „machen“ – auch wenn dies den hart am Faschistoiden schrammenden Montagsdemonstranten gar nicht bewusst ist. Pegida geht dies nur sehr spießig rechtsnational auf der Straße an, die Piraten eher technisch modern im Netz. Sehr schnell ist es jedoch gelungen, die Diskussion um, mit und auch innerhalb der Piraten auf inhaltliche und programmatische (Einzel-)Fragen zu lenken und weg von der Hauptforderung der direkten Einbindung und Entscheidung. Die Piraten sind sich selbst als klassische Partei auf den Leim gegangen und damit schon so gut wie gescheitert. Pegida versucht nur ihren „Bürgerwillen“ mit völlig reaktionär-rückwärts gewandten Methoden Gehör zu verschaffen. Bis hin zum „Führerprinzip“ – Geert Wilders lässt grüßen. So sind (oder besser waren) die Piraten die vorwärtsgerichtete Antwort auf den Wunsch nach direkter Demokratie, Pegida ist nur die reaktionäre Antwort. Wer ein wenig neueres Geschichtsbewusstsein hat, braucht nur 30 Jahre zurückdenken und schon findet er die Piraten und Pegida, links und rechts – in Grün und ohne Internet. Bevor nämlich die politische Zentrifugalkraft des Wunsches nach „der Mitte“ ihre Wirkung entfaltete, tummelten sich deutsche Blut- und Bodenpolitiker bei den frühen Grünen ebenso wie Busengrabscher und ehrenwerte Sozialistinnen oder Anarchos. Ditfurth, Ebermann, Gruhl – sie alle haben ihre Avatare bei den Piraten und Pegida (oder AfD) gefunden – nur in der dem neuen Jahrtausend angemessenen digitalen medienkonformen und modernen Ausformung. Mal als Hipster, mal als Hartz4ler. Gerade weil die Grünen „Partei“ wurden, sind sie den sattsam bekannten Weg in „die Mitte“ gegangen, gerade weil die Piraten sich haben in das Gatter einer „normalen“ Partei drängeln lassen, fliegen sie wieder auseinander. Denn während die Grünen ihren Kern Ökologie haben ausreichend definieren können, und so nur die radikalen Flügel links und rechts verloren, reicht der „Kern“ der Piraten – nämlich Direkte Demokratie – nicht aus, weil sie sich nicht auf diesen Kern konzentriert haben, weil sie ihn schon hintangestellt haben, hinter Parteiprogramme und Klärung der Frage zur Stellung der Frau, der Außenpolitik – und sobald Zeit ist, wird sicher auch die Frage der Massentierhaltung zunächst geklärt werden müssen (wenn nicht schon passiert… adieu, Veganer).

Direkte Demokratie ist nicht die Lösung – sie ist das Werkzeug

Wer Direkte Demokratie fordert, sollte bedenken: Direkte Demokratie, „Demokratie der Straße“ sowie ihre Vor- und Nebenformen, sind nicht die Antwort auf alle Fragen, nicht die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme. Sie ist aber das Mittel dazu und eine Chance auf friedliche Veränderung und Weiterentwicklung. Auch hierzu zeigt die jüngere deutsche Geschichte Beispiele. Direkte Demokratie klärt nicht die Eigentumsfrage, nicht die Euro-Bond-Frage oder die Frage der Finanzierung von Staaten. Aber wie die letzten Jahre zeigen: Sie hätte sicher auf die eine oder andere Frage eine andere Antwort gegeben als die parlamentarische Parteien- und Funktionärs- Demokratie. Antworten, die keineswegs immer die richtigen gewesen wären vermutlich – aber mit anderen Folgen und vor allem: Mit Möglichkeiten aus Fehlern zu lernen!

Gesellschaften müssen lernen können – und zwar schneller

Es gibt kaum Dinge, die Menschen tun können – aber nicht tun. Weder Atombombe noch Seitensprünge sind durch die Zehn Gebote oder den Atomsperrvertrag verhindert worden. Menschen und Gesellschaften unter“lassen“ Dinge nur, wenn sie deutlich schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Wenn man sich die – sagen wir mal – ersten 50 bis 70 Jahre (je nachdem wo man ansetzt, ob mit oder ohne Frauenwahlrecht) – parlamentarische Demokratie in Deutschland in Erinnerung ruft, so waren diese Lehrjahre keine schönen. Zwei veritable Weltkriege, ein Zurück in die Diktatur, Ökonomische Krisen, Verfolgungen und radikale Flügelkämpfe innerhalb der Gesellschaft. Auch direkte Demokratie wird viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte des Lernens benötigen. Und es werden sicher nicht nur freundlich-friedliche Erfahrungen sein. Die rasante Entwicklung der Welt-Wirtschaft erfordert aber zunehmend auch schnellere, gemeinschaftliche Entscheidungen, die auch von der Gesellschaft insgesamt getragen und nicht von einer Minderheit mehr oder weniger geschickt „durchgedrückt“ werden.

Kinder aber lernen aus Erfahrungen. Junge wirklich direkt demokratische Gesellschaften eben auch. Die Direkte Demokratie ist heute etwa da, wo die parlamentarische um 1750 war, es wird noch viele Übergangsformen geben, auch solche, die durch unterschiedliche kulturelle Erfahrungen ganz unterschiedliche Ausprägungen hervorbringen. So wie die parlamentarische Demokratie auch weltweit unterschiedlich aufgestellt ist. Parteien und parlamentarische Institutionen werden nicht über Nacht verschwinden, so wenig wie Politiker als Kaste oder Berufsgruppe, aber ihre Rolle wird sich ändern. Entwicklungen gehen heute schneller voran, und die nächsten Jahrzehnte werden sich an der Frage „Wem gehört die Welt“ und vor allem „Wer hat darüber zu verfügen“ entscheiden und daran, ob die Wähler den jetzigen „Entscheidern“ diese Verfügungsgewalt streitig machen können. Die Aussichten dafür sind nicht so gut. Denn: Es gilt auch zu entscheiden, ob die jetzige Wirtschaftsverfassung der Welt so die richtige ist. Die Direkte Demokratie wird nicht direkt die Frage nach dem Privateigentum an Produktionsmitteln stellen. Aber vielleicht unter anderem die, ob Investmentbanking, so wie es heute betrieben wird, sinnhaft ist. Der entwickelte Finanzkapitalismus wird mit einiger Sicherheit sofort auf der Abstimmungs- und Abwahlliste stehen. Vielleicht könnte Direkte Demokratie (Mittel) Wege finden, die Kapitalismus machbar machen – ihn versöhnen mit den Interessen der Gemeinschaft, mit denen der Allmende. Ihn lebbar machen für alle Menschen, nicht nur für ein paar Tausend Superreiche. Ob Demokratie – parlamentarische wie direkte – sich entwickeln oder auch nur überleben kann? Entschieden ist diese Frage längst nicht, es gibt und gab immer auch einen Weg zurück, zum Beispiel in diktatorische Herrschaftsformen, die in kriegerischen Zeiten oder durch äußeren Druck und Chaos (beispielsweise einer zerstörten Umwelt) immer wahrscheinlicher werden. Technisch-historisch steht jedenfalls Direkte Demokratie auf der Tagesordnung und Bürgerbeteiligung ist nur die kleine Schwester. Denn eines ist sicher: Demokratie ist machbar, Herr Nachbar.

Der Autor

Harry Assenmacher, geb. 1955 in St. Hülfe, ist Gründer der Forest-Finance Gruppe, Journalist und Umweltschützer. Er arbeitete als Redakteur bei diversen Zeitschriften und war Geschäftsführer der BUND eigenen Natur&Umwelt Verlagsgesellschaft, sowie Geschäftsführer des Verkehrsclubs Deutschland und Chefredakteur der „fairkehr“. Assenmacher ist Mitglied im Senat der Deutschen Umweltstiftung. Seit über 35 Jahren beschäftigt er sich mit der Schnittstelle zwischen Ökologie und Ökonomie und beschreibt als Journalist das Feld der Wirtschafts-, Umwelt- und Naturschutzpolitik.

Dieser Text ist dem kostenlos erhältlichen ersten KURSBUCH BÜRGERBETEILIGUNG entnommen, dessen Nachfolger im Herbst 2016 erscheint.

Literaturhinweise

OECD (Hrsg.)

Innovative Citizen Participation and New Democratic Institutions - Catching the Deliberative Wave

2020.

(Links | BibTeX)

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Schwindendes Vertrauen in Politik und Parteien

2019.

(Abstract | Links | BibTeX)

Jennifer Schellhöh

Direkte Demokratie und Bürgerbeteiligung - die 'Alternative für Deutschland' auf dem Prüfstand

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

(Abstract | Links | BibTeX)

Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Partizipative Gesetzgebung: Ein Modell zur Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an Gesetzgebungsverfahren

2017.

(Links | BibTeX)

Andreas Zick, Beate Küpper, Daniela Krause

Gespaltene Mitte - Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016

Dietz Verlag, Bonn, 2016, ISBN: 978-3-8012-0488-4.

(BibTeX)

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