100 Wochen – 100 Briefe

Das Newsletterprojekt demokratie.plus feiert Jubiläum

Jörg Sommer spricht im Interview mit dem Berlin Institut für Partizipation über sein Newsletterprojekt und zieht nach über 100 Ausgaben eine Bilanz.

Herr Sommer, Sie haben vor zwei Jahren Ihr Projekt demokratie.plus gestartet. Hätten Sie gedacht, dass es am Ende 100 Ausgaben werden?

Absolut nicht. Es sollte ein Versuch sein. Denn das Thema war ja anspruchsvoll: Ich wollte aktuelle Themen der Demokratie behandeln. Kompakt, provokant, zum Diskurs anregend und einladend – auch zu sogenannten Tabu-Themen. Es ist gar nicht so einfach, komplexe Fragen in maximal 5000 Zeichen zu behandeln, sodass genügend Substanz bleibt – und es trotzdem als Newsletter funktioniert. Ich wollte auch von Anfang an den Fokus auf Beteiligung, auf politische Teilhabe lenken. Es wird ja viel über die Krise der Demokratie gesprochen, aber dabei zu wenig über mehr echte Teilhabe. Die Botschaft, die ich mit meinem Newsletter vermitteln wollte, war aber: Wer Demokratie stärken will, muss über mehr Beteiligung nachdenken. Die ist der Schlüssel.

Und ist Ihnen das gelungen?

Mal mehr, mal weniger. Insgesamt aber wohl schon. Sonst wären es bis heute nicht 100 Ausgaben geworden. Und immer mehr Leser*innen. Vermutlich hätte ich auch längst die Lust verloren, wenn ich nicht festgestellt hätte: Partizipation ist der Schlüssel für wirklich so gut wie jede Herausforderung, der sich unsere Demokratie ausgesetzt sieht.

Hand aufs Herz: Wie viele Ausgaben hatten Sie ursprünglich geplant?

Tatsächlich wollte ich 10 Ausgaben schreiben und dann sehen, ob es mehr als ein Dutzend Leser*innen gibt – und wie diese reagieren. Nach den ersten sechs Wochen waren es dann schon über 300. Und fast 50 Reaktionen.

Durchweg positiv?

Durchwachsen. Tatsächlich gab es viel Zuspruch, erstaunlich viele Themenanregungen und -wünsche. Rund ein Drittel der Reaktionen war aber tatsächlich kritisch. Wobei es „kritisch“ nicht trifft. Überwiegend waren das wüste Beschimpfungen und unflätige Beleidigungen, vor allem nach der vierten Ausgabe „der Zorn der alten Männer“.

Und Sie haben dennoch weiter gemacht?

Zum einen lasse ich mich prinzipiell von solchen Attacken nicht beeindrucken. Wer sich heute für die Demokratie einsetzt, muss so etwas aushalten können. Das erleben unsere Parlamentarier*innen ja auch Tag für Tag. Kneifen ist keine Option. Zum anderen waren die Rückmeldungen ja überwiegend positiv – und die Abo-Zahlen stiegen von Woche zu Woche an. Also wurden aus 10 Wochen dann 20, schließlich 30 und im Nu war ein ganzes Jahr vergangen.

Sind Ihnen nicht irgendwann die Themen ausgegangen?

Das hatte ich anfangs befürchtet. Tatsächlich hatte ich eine kleine „Themenbank“ angelegt, in der ich mögliche Themen gesammelt hatte. Anfang waren es etwa 20. Doch je länger das Projekt lief, desto mehr wurden es. Meine Leser*innen schreiben mir regelmäßig und weisen mich auf interessante Links, Praxiserfahrungen oder Presseartikel hin, stellen Fragen, wünschen sich Themen. Auch ich stolpere immer wieder über Fragestellungen, die ich interessant finde. Dazu kommen Diskussionen im Rahmen von Workshops und Vorträgen, die ich halte. Gerade dort werden oft Fragen gestellt, bei denen ich inzwischen sofort denke: Dazu musst du einen Newsletter machen …

Sie haben also noch Themen für weitere Ausgaben?

Tatsächlich enthält die Liste der noch nicht behandelten Themen aktuell eine dreistellige Zahl von Ideen. Nicht alle werden es in einen Newsletter schaffen, aber eines ist sicher: Die Themen gehen so schnell nicht aus.

Wie erklären Sie sich den Erfolg? Es ist ja nicht so, dass es zu wenig Newsletter gäbe.

Ich habe großen Respekt vor meinen Leser*innen. Die meisten von Ihnen haben einen vollen Tagesplan, zu wenig Zeit und eine Menge zu tun. Dass sie sich dennoch jede Woche Zeit nahmen, meine ja für Newsletter ungewöhnlich langen Texte zu lesen und mir oft auch noch ein Feedback dazu zu geben, das beeindruckt mich sehr. Ich versuche ja auch, sehr persönlich zu schreiben, berichte immer wieder ganz konkret von meinen eigenen Erfahrungen, bis hin zum einen oder anderen Traum aus Kindheit und Jugend. Möglicherweise ist es das, was die Menschen anspricht. Denn oft sind die Themen ja alles andere als unterkomplex. Die Mischung scheint aber zu funktionieren. Neulich saß ich mit dem Geschäftsführer eines größeren Unternehmens in einem Panel und der sagte tatsächlich: „Herr Sommer, ich habe zu wenig Zeit und tatsächlich nur noch einen einzigen Newsletter abonniert – Ihren.“

Das gefällt dem Autoren natürlich.

Und wie. Das ist ja ein wesentlicher Teil der Motivation – dass die Texte gelesen werden und inspirieren – gerne auch zum Widerspruch.

Es geht das Gerücht um, dass Sie jede Leserzuschrift beantworten?

Das mache ich, auch wenn ich mir wünschen würde, mehr Leser*innen würden die Kommentarfunktion auf der Webseite demokratie.plus nutzen. Dann könnten wir den Diskurs öffentlich führen. Aktuell schreiben mir aber neun von 10 Abonnent*innen lieber direkt eine E-Mail. Die beantworte ich immer. Gerade auch bei Kritik – so lange sie einigermaßen wertschätzend bleibt. Zwischenzeitlich nehmen aber die anschließenden Debatten mehr Zeit ein, als ich für die eigentliche Erstellung der Newsletter brauche. Ich hoffe, ich halte das noch lange durch.

Wird es noch weitere 100 Ausgaben geben?

Möglich. Nicht sicher, aber: möglich. So lange es meine Zeit zulässt und es Leser*innen interessiert, werde ich jeden Donnerstagmorgen einen neuen Newsletter schreiben. Die Abonnentenzahlen steigen ja noch immer, in den letzten Wochen sogar immer schneller. Es funktioniert also. Es macht Spaß. Warum sollte ich aufhören?

Sie haben die Ausgaben des ersten Jahres auch als Buch veröffentlicht. Wird es auch Jahrgang 2021 als Buch geben? Und gibt es weitere Pläne?

Da sich das Buch mit den ersten 52 Ausgaben sehr gut verkauft hat, ist der Jahresband 2021 schon in Vorbereitung. Er wird wohl im kommenden Februar im Republik Verlag erscheinen. Und gerade denke ich darüber nach, die kommenden Newsletter auch einzusprechen und parallel zum Newsletter einige Tage später auch als Podcast zu veröffentlichen. Immer wieder haben Leser*innen danach gefragt.

Sie haben ja Erfahrung als erfolgreicher Podcaster …

Wenn sie auf den Podcast anspielen, den ich mit meinen Freunden Pierre L. Ibisch und Lothar Frenz zusammen mache – ja. Der Podcast mit dem schön sperrigen Titel MIT UNERBITTLICHER FREUNDLICHKEIT ist richtig durch die Decke gegangen. Die Hörerzahlen sind fünfstellig. Aber das ist nicht vergleichbar. Wir plaudern dort zu dritt über Umweltthemen, das sind richtig knackige Debatten, auch mal wild, aber richtig unterhaltsam. Ich denke beim Podcast zu demokratie.plus eher an eine reine Vertonung der Newslettertexte. Keine Gäste, keine Debatten. Einfach nur ein „Newsletter zum Hören“.

Aber so ein Debatten-Podcast zu Demokratie wäre doch auch nicht schlecht, oder?

Sicher. Aber auch aufwändig, Ich sehe es ja bei unserem anderen Podcast, da steckt schon viel Arbeit drin. Spannend wäre es aber, interessante Gäste einzuladen. Doch ja, das wäre reizvoll.

Ideen und Themen gibt es also genug. Und Lust offensichtlich auch.

Absolut. Die größte Herausforderung ist nur die Zeit. Aber bis jetzt bringe ich alles unter. Ich hoffe, dass mir das auch weiter gelingt …

Link zur Projektseite demokratie.plus

Zur Person

Jörg Sommer ist Publizist und Gründungsdirektor des Berlin Institut für Partizipation. Außerdem ist er seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Umweltstiftung und in zahlreichen Gremien und Beiräten der Nachhaltigkeit aktiv.

Literaturhinweise

OECD (Hrsg.)

Innovative Citizen Participation and New Democratic Institutions - Catching the Deliberative Wave

2020.

(Links | BibTeX)

John S. Dryzek, André Bächtiger, Simone Chambers, Joshua Cohen, James N. Druckman, Andrea Felicetti, James S. Fishkin, David M. Farrell, Archon Fung, Amy Gutmann, Hélène Landemore, Jane Mansbridge, Sofie Marien, Michael A. Neblo, Simon Niemeyer, Maija Setälä, Rune Slothuus, Jane Suiter, Dennis Thompson, Mark E. Warren

The crisis of democracy and the science of deliberation

In: Science, 363 (6432), S. 1144-1146, 2019.

(Links | BibTeX)

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Schwindendes Vertrauen in Politik und Parteien

2019.

(Abstract | Links | BibTeX)

Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Mitreden, Mitgestalten, Mitentscheiden: Fünf Impulse zur Erneuerung demokratischer Beteiligung

2017.

(Links | BibTeX)

Wolfgang Schluchter

Partizipative Demokratie und das TRIPLEX-Konzept

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #1, Verlag der Deutschen Umweltstiftung , Berlin, 2015, ISBN: 978-3942466141.

(Abstract | Links | BibTeX)

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