Über Grenzen hinweg

Lena Hummel vom Moderationsbüro suedlicht war in Zeiten von Corona an mehreren grenzüberschreitende Bürgerdialogen beteiligt. Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen aus der Praxis.

Frau Hummel, Ihr Moderationsbüro suedlicht (Freiburg) hat in Zeiten von Corona mehrere grenzüberschreitende Dialoge durchgeführt… Welche besonderen Herausforderungen ergaben sich daraus für die Umsetzung der Beteiligungsformate?

Mit dem ersten Lockdown ab März 2020 und der Grenzschließung initiierte die Hochrheinkommission gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg einen Bürgerdialog zu genau diesem brennenden Thema: „Wie haben sich die Grenzschließungen am Hochrhein ausgewirkt?“. Erst 2019 hatten wir dort – in der deutsch-schweizer Grenzregion – drei Bürgerdialoge moderiert. Wir konnten also auf einen bereits interessierten und erfahrenen Kreis an Personen zurückgreifen. Das digitale Format war jedoch eine Hemmschwelle für Einige, sodass die Resonanz geringer war.

Als besondere Herausforderung sehe ich in Zeiten von Corona zwei Dinge: Einmal den Umgang mit Emotionen. Bei uns waren es zum Beispiel Überforderung (Was gilt eigentlich wo? Was darf ich noch?) und der Frust, in seinem Alltag eingeschränkt zu sein. Dabei ist ein aktives Zuhören und Anerkennen der Situation der Bürger*innen besonders wichtig. Zweitens gilt es eine Brücke zu bauen zwischen der Bürgerschaft, die im Alltag zum Teil massiv betroffen ist und Politiker*innen, die allgemeingültige Entscheidungen treffen müssen. Es ist gelungen, in dem Dialog sowohl wichtige Entscheider*innen, wie die Staatsrätin Frau Erler, als auch kommunale Vertreter*innen während des gesamten Dialogs als aktiv Zuhörende dabei zu haben.

Inhaltlich konnten wir durch den Dialog die Bedeutung offener Grenzen insbesondere für „Grenzgänger*innen“ an die Politik heranzutragen: In den folgenden Lockdowns gab es Sonderregelungen für diese Personengruppen.

Dialogische Formate leben stark von der Verständigung der verschiedenen Akteure untereinander. Wie gehen Sie in diesem Zusammenhang bei grenzüberschreitenden Formaten mit Sprachbarrieren um?

Im grenzüberschreitenden Kontext spielt die interkulturelle Arbeit eine zentrale Rolle. Dies zeigt sich offensichtlich an unterschiedlichen Sprachen, vor allem aber an den Feinheiten unterschiedlicher kultureller Gepflogenheiten (z.B. Gesprächskultur / Empfindung von Pünktlichkeit oder Essenszeiten…) . Daher ist es wichtig, dass die Moderation interkulturelle Kompetenz mitbringt und in die Konzeption einfließen lässt! Und dass die binationale Begegnung explizit gemacht wird – beispielsweise in gemischten Kleingruppen.

Zur Frage der Sprachbarrieren: Am Oberrhein sind wir das Thema explizit angegangen und haben je nach Phase des Tages unterschiedliche Varianten gewählt. Das Gesamtkonzept war zweisprachig angelegt: mit einer zweisprachigen Einladung und einem professionellen simultan Dolmetschen der Plenumssessions. Die Idee war auch, dass weniger die Perfektion der Sprache und Grammatik im Vordergrund stand, als vielmehr die alltägliche Kommunikation und Ermutigung der Teilnehmenden. Deshalb wurde stellenweise zweisprachig moderiert und in den Kleingruppen informell flüsternd gedolmetscht. So haben wir eine sehr lebendige und offene Atmosphäre geschaffen.

Grenzüberschreitende Themen scheinen oftmals sehr abstrakt. Deshalb ist es besonders wichtig, einen Austausch mit wenig Hürden zu ermöglichen und besonders bei partizipativen Methoden informelle Übersetzungsmöglichkeiten anzuwenden. Das Augenmerk kann damit auf die inhaltlichen Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede und weniger auf sprachliche Hürden gelegt werden.

Sie waren sowohl offline als auch online an der Umsetzung grenzüberschreitender Beteiligungsprozesse beteiligt. Würden Sie sagen, dass sich beide Verfahren im Hinblick auf inhaltlichen Austausch und kulturelle Verständigung ebenbürtig sind?

Die Unterschiede sind aus meiner Sicht ähnlich zu den grundsätzlichen Unterschieden zwischen Online- und Offline-Beteiligung. Für Themen des Alltags, diskutiert mit Bürger*innen ohne spezifische Funktion, sind Präsenzformate ganzheitlicher. Je bekannter sich die Menschen sind und je stärker sie aus Fachexpertise und Funktion heraus diskutieren, desto ebenbürtiger sind Online-Formate. Ein interkulturell-achtsamer Umgang sind bei Online-Formaten jedoch besonders wichtig.

Bei Präsenzveranstaltungen sind alle Sinne angesprochen: Wir sehen, hören, riechen, schmecken. Wir nehmen Ambiente und Raum war. Wir können wertschätzende und informelle Empfangssituationen schaffen. Die Teilnehmenden können die Anderen und deren Verhalten beobachten und bewegen sich selbstgesteuert im Raum.

Online dagegen braucht es vor allem bei Großgruppen mehr Steuerung und Moderation, u.a. weil die sinnliche Erfahrung reduziert ist. Aufgabe der Moderation ist es zudem die sonst fühlbare Gruppendynamik und Emotionen explizit zu verbalisieren und bewusst damit umzugehen. Einige Fragen, die ich mir bei der Konzeption stelle: Wie kann ein Einstieg gelingen, beidem sich jede*r angekommen und begrüßt fühlt? Wie kommen die Teilnehmenden zu Wort – und welche kulturellen Unterschiede gibt es? Wie kann Selbstorganisation möglich werden?

Aktuell erfahren vor allem zwei unterschiedliche Auswahlkriterien bei der Durchführung von Beteiligungsverfahren viel Aufmerksamkeit: Auf der einen Seite die Zufallsauswahl und auf der anderen die Selbstselektivität. Wie ordnen Sie die beiden Instrumente ein und ist eines dem anderen vorzuziehen?

Wir haben bei den grenzüberschreitenden Dialogen, zu denen per Zufallsauswahl eingeladen wurde, sehr gute Erfahrungen gemacht. Wichtig war die Kombination aus Einladungsverfahren, einer offenen und alltagsnahen Fragestellung und der Konzeption der Veranstaltung nach den Prinzipen des „Art of Hosting“.

Beim inhaltlichen Austausch selbst ist es wichtig zu bedenken, dass die Personen sich in der Regel noch nicht ausführlich mit der Thematik auseinandergesetzt haben (im Unterschied zu organisierten Gruppen). Grenzüberschreitende Themen sind oftmals sehr abstrakt. Deshalb braucht es bei der Veranstaltung selbst Zeit und eine Hinführung, damit wertvolle Beiträge entstehen können. Dazu sind aktivierende und leitende Fragen wichtig. Uns wurde rückgemeldet, dass durch die Bürgerdialoge vor allem ein Verständnisgewinn erreicht wurde: sowohl für die aktiv zuhörende Politiker*innen als auch Teilnehmenden.

Stärker noch als bei selbstelektiven Formaten werden meiner Erfahrung nach Erwartungen geweckt. Gemeinsam mit der Hochrheinkommission haben wir deshalb viel Zeit investiert, um mit der Dokumentation einen Mehrwert zu erreichen. Als Stichpunkte fallen mir dazu ein: einfache Sprache, gute Struktur, Zielgruppe im Blick behalten, Themen clustern und ergänzende Links und Verweise einfügen.

Ich sehe die Zufallsauswahl jedoch nicht als Allheilmittel. Denn es gibt auch zurecht interessierte und organisierte Bürger*innen, die sich einbringen möchten.

Zur Person

Lena Hummel arbeitet als studierte Stadtgeographin (M.A.) in den Bereichen Veranstaltungsmoderation, Prozessbegleitung und Beratung von Beteiligungsprojekten. Ihr Herz schlägt dabei für lebendige Dialoge, die Selbstorganisation von Gruppen und das Ausprobieren kreativer Methoden. Seit 2015 arbeitet sie für suedlicht – ein Moderationsbüro das sich auf Bürgerbeteiligungsprozesse spezialisiert hat. Sie hat u.a. die grenzüberschreitenden Bürgerdialoge am Oberrhein (D/FR) und an Hochrhein (D/CH) methodisch konzipiert und moderiert.

Literaturhinweise

Kirsten Fründt, Ralf Laumer (Hrg.) (Hrsg.)

Mitreden: So gelingt kommunale Bürgerbeteiligung - ein Ratgeber aus der Praxis

Büchner Verlag, 2019, ISBN: 978-3-96317-158-1.

(Links | BibTeX)

Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Wegweiser Breite Bürgerbeteiligung: Argumente, Methoden, Praxisbeispiele

2018.

(Links | BibTeX)

Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Bürgerbeteiligung, Volksabstimmungen, Parlamentsentscheidungen: Empfehlungen und Praxisbeispiele für ein gutes Zusammenspiel in der Vielfältigen Demokratie

2018.

(Links | BibTeX)

Esther Hoffmann, Wilfried Konrad, Franziska Mohaupt

Partizipative Produktentwicklung bei drei Energieversorgungsunternehmen

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

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Katja Fitschen, Oliver Märker

Vom Flurfunk zur Mitarbeiterbeteiligung in öffentlichen Verwaltungen

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

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