Komplexe Beteiligung zur Bildungspolitik

Leiterin und Pressesprecherin der Montag Stiftung Denkwerkstatt Sabine Milowan berichtet im Interview über den Bürgerrat Bildung und Lernen. Das komplexe Verfahren hybrider Beteiligung mit zusätzlicher Kinder- und Jugendpartizipation und Teilnehmenden aus ganz Deutschland wird aus erster Hand näher beleuchtet.
Teaser: Viel Arbeit! Lohnt sich aber!

Foto: Montag Stiftung Denkwerkstatt / Christoph Soeder

Frau Milowan, die Montag Stiftung Denkwerkstatt ist Initiatorin des Bürgerrats Bildung und Lernen. Worum geht es bei dem Projekt und was sind die Ziele?

Bürgerschaft und Politik sind sich einig: In der Bildung in Deutschland muss sich etwas bewegen. Die meisten Probleme sind zwar seit langem bekannt, doch es verändert sich viel zu wenig. Als zivilgesellschaftliche Initiative und neue Stimme in der Bildungslandschaft will der Bürgerrat Bildung und Lernen Veränderungsimpulse setzen und dazu beitragen, dass etwas passiert. Hier kommen über drei Jahre Menschen aller Altersstufen und mit den unterschiedlichsten Hintergründen zusammen, um gemeinsam Lösungen und Ideen für eine zukunftsfähige Bildungspolitik zu entwickeln. Derzeit sprechen die Bürgerbotschafterinnen und -botschafter des Bürgerrats Bildung und Lernen mit Vertreterinnen und Vertretern der unterschiedlichen föderalen Ebenen in ganz Deutschland über die 2021 erarbeiteten „Empfehlungen für ein Sofortprogramm“.

Das Thema Bildung betrifft in hohem Maße junge Menschen. In welcher Weise werden Kinder und Jugendliche im Rahmen des Vorhabens beteiligt?

Dass im Bürgerrat Bildung und Lernen auch junge Menschen unter 16 Jahren zu Wort kommen, ist für uns selbstverständlich – denn gerade hier sind die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen unverzichtbar. Ihre Beteiligung muss jedoch anders organisiert werden als über eine Zufallsauswahl. Im ersten Jahr sind wir mit „Werkstätten“ an fünf ausgewählten Schulen verschiedener Schultypen und in verschiedenen Bundesländern gestartet. Schülerinnen und Schüler haben in moderierten Workshops erarbeitet, was sich aus ihrer Sicht an Schule verändern muss. 2022 finden bundesweit Werkstätten in „Kommunalen Bildungslandschaften“ statt, in denen außer Schulen auch andere Orte der Bildung vernetzt sind. Außerdem haben wir eine Werkstatt in Kooperation mit einem Schulverweigererprojekt des Internationalen Bundes organisiert. Auch bei den Kindern und Jugendlichen steht für uns Perspektivenvielfalt im Vordergrund.

Die Einbindung junger Menschen in Beteiligungsprozesse löst häufig immer noch Skepsis aus. Wie sind Ihre Erfahrungen diesbezüglich?

Unsere Erfahrungen sind sehr gut. Die Kinder und Jugendlichen finden es selbstverständlich und machen begeistert mit. Sie sind ja auch tatsächlich selbst Expertinnen und Experten, wenn es um‘s Lernen geht, und finden es komisch, wenn Erwachsene allein über „ihre“ Bildung und ihr Lernen entscheiden. Oft decken sich die Ergebnisse mit den Wünschen und Ideen der Erwachsenen. Es ist aufwändig, das gut zu organisieren, aber jeder Aufwand lohnt sich und umso glaubwürdiger ist der Bürgerrat. Junge Menschen, die gefragt und gehört werden, haben eine hohe Motivation, sich an „so etwas wie Demokratie“ auch aktiv zu beteiligen.

Das mehrstufige Verfahren basiert auf einer Kombination von digitalen und analogen Elementen. Welche Empfehlungen würden Sie Akteuren – vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen – bei der Umsetzung komplexer Beteiligungsverfahren geben?

Die Kombination von digitalen und analogen Elementen war zunächst aus der Not geboren: Corona hat uns von Beginn an begleitet. Da wir uns selbst als lernendes Projekt betrachten, haben wir diese Situation angenommen und sehen (wie auch die Teilnehmenden) inzwischen viele Vorteile der Kombination aus reinen Präsenzveranstaltungen und digitalen Austauschformaten. Wesentlich ist hier die professionelle und sehr gute Planung und Vorbereitung – und die richtigen Partner. IKU_Die Dialoggestalter unterstützen uns in der Konzeption, Moderation und technischen Abwicklung sowohl der digitalen als auch der Präsenzformate. Ohne diese Unterstützung und ohne die lange inhaltliche und konzeptionelle Vorbereitung wäre ein solch komplexer Prozess nicht möglich. ​

Ein wichtiges Kriterium guter Beteiligung ist die Wirksamkeit der erarbeiteten Ergebnisse. Inwieweit sehen Sie diese als gegeben?

Die Politik zeigt sich ja grundsätzlich offen für dialogische Beteiligungsformate. Auch die Bundesregierung bekennt sich im Koalitionsvertrag explizit zu Bürgerräten als Teil einer „lebendigen Demokratie“. Doch es wäre naiv anzunehmen, dass sich in unserem hoch komplexen Bildungssystem jetzt plötzlich ganz schnell etwas verändern oder transformieren lässt, was sich seit Jahrzehnten nicht oder nur schwerfällig bewegt. Daher setzen wir auf Kontinuität, auf den Prozess und die Qualität des Verfahrens. Das ist auch ein Grund, warum der Bürgerrat Bildung und Lernen auf zunächst drei Jahre angelegt ist, ohne parlamentarischen Auftrag. Im aktuellen zweiten Jahr des Bürgerrats werden die erarbeiteten Empfehlungen weiter fokussiert, unter dem gemeinsamen Dachthema Chancengleichheit.

Wirksamkeit bedeutet für uns auch, dass sich die Bürgerinnen und Bürger weiter engagieren. Jeder kleine Schritt zählt. So lassen sich z.B. einige der Empfehlungen der Kinder relativ schnell auch direkt in den Schulen umsetzen. Andere wiederum müssen auf kommunaler oder Landesebene adressiert werden. In den vergangenen Monaten haben bereits viele verschiedene Termine und Gespräche mit politischen Vertreterinnen und Vertretern stattgefunden, auf unterschiedlichen Ebenen. Weitere Termine sind im Herbst geplant, nach der großen Tagung des Bürgerrats in Berlin Mitte September.

Zur Person

Foto: Montag Stiftung Denkwerkstatt / Sarah Larissa Heuser

Sabine Milowan ist seit 2017 Leiterin und Pressesprecherin der unabhängigen gemeinnützigen Montag Stiftung Denkwerkstatt, die zu den Montag Stiftungen in Bonn gehört. Zuvor verantwortete sie zehn Jahre die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit verschiedener Unternehmen, schwerpunktmäßig im Messegeschäft. Als selbstständige Kommunikationsberaterin und systemisch ausgebildete Coachin betreute sie darüber hinaus rund 18 Jahre diverse Organisationen und Verbände aus unterschiedlichen Branchen.

 

 

Literaturhinweise

Nicole Najemnik

Frauen im Feld kommunaler Politik. Eine qualitative Studie zu Beteiligungsbarrieren bei Online-Bürgerbeteiligung

2021, ISBN: 978-3-658-34040-7.

(Abstract | Links | BibTeX)

Johannes Drerup, Gottfried Schweiger (Hrsg.)

Politische Online- und Offline-Partizipation junger Menschen

J.B. Metzler, Stuttgart, 2019, ISBN: 978-3-476-04744-1.

(Links | BibTeX)

Roland Roth, Udo Wenzl

Jugendlandtage in den Bundesländern – Zwischen Dialog, Beteiligung, politischer Bildung und Nachwuchsförderung

2019, ISBN: 978-3-922427-24-7.

(Links | BibTeX)

EU-Generaldirektion für Bildung, Jugend, Sport und Kultur

Study on the impact of the internet and social media on youth participation and youth work

In: 2018, ISBN: 978-92-79-79849-8 .

(Links | BibTeX)

Ahmet Derecik, Marie-Christine Goutin, Janna Michel

Partizipationsförderung in Ganztagsschulen. Innovative Theorien und komplexe Praxishinweise

Springer VS, Wiesbaden, 2018.

(BibTeX)

Stöbern Sie in unserem Literaturverzeichnis ...