Transformation durch Teilhabe?

Stefan Einsiedel untersucht in seiner Dissertation, wie die globale Armut und der Klimawandel durch Teilhabe bekämpft werden können.

Der Begriff der nachhaltigen Entwicklung bringt zwei Bedeutungsdimensionen zueinander, die nur schwer miteinander zu vereinbaren sind: Ökologische Nachhaltigkeit und materiellen Wohlstand – für alle Menschen auf der Erde, heute und gerade auch für zukünftige Generationen. Er scheint ein unlösbares Dilemma zu sein: Ein nach den Maßstäben des globalen Nordens angenehmes, materiell abgesichertes Leben verbraucht derzeit eine Unmenge an Ressourcen – genug, um das Ökosystem Erde an seine planetaren Grenzen zu bringen. Gleichzeitig streben viele Menschen im globalen Süden danach, ein ähnliches Leben führen zu können. Wie lässt sich diese Spannung auf- und das Versprechen der nachhaltigen Entwicklung einlösen? Wie können Armut und Klimawandel gleichzeitig bekämpft werden?

In seiner 2020 im oekom Verlag erschienenen Dissertation „Partizipation als Antwort auf Armut und Klimawandel? Armuts- und Teilhabeforschung auf den Spuren von Amartya Sen und Papst Franziskus“ gibt Stefan Einsiedel auf diese Fragen eine vorsichtige, aber bestimmte Antwort: mit mehr gesellschaftlicher Teilhabe!

Theoretischer Hintergrund

Als Diplombiologe und Wirtschaftswissenschaftler ist es Einsiedel gewohnt, Erkenntnisse aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen miteinander in Dialog zu bringen. Das spiegelt sich in der Auswahl seiner wichtigsten Stichwortgeber wider, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten: der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen und Papst Franziskus aus Argentinien. Trotz der biografischen und fachlichen Unterschiede findet Einsiedel interessante Parallelen in ihrem Denken: Beide nehmen in ihrer Betrachtung der Gesellschaft die Perspektive der Armen und Benachteiligten ein. Beide glauben an die Kraft des menschlichen Wunsches nach Selbstentfaltung. Und deshalb spielt auch gesellschaftliche Teilhabe bei beiden eine große Rolle: Sie erlaubt den Menschen, ihre eigenen Lebensumstände zu gestalten.

Dabei ist wichtig herauszustellen, dass Einsiedel von einem sehr umfassenden Begriff von Partizipation und Teilhabe ausgeht. Im Anschluss an Sens „Capability Approach” interessiert er sich für die Bedingungen, unter denen Individuen ihr Potenzial zur Selbstentfaltung voll ausschöpfen können: Was muss gegeben sein, damit ein Mensch sich selbstbestimmt und frei entwickeln kann? Dafür stehen bei Sen und Einsiedel Bildung und der freie Zugang zu Informationen an oberster Stelle. Ohne sie ist wirksame Teilhabe schlicht nicht möglich. Deshalb fängt Partizipation für Einsiedel auch schon dort an und nicht erst bei institutionalisierten öffentlichen Aushandlungsprozessen.

Wirtschaftlicher Wohlstand durch Teilhabe

Insgesamt gelingt es Einsiedel, eine plausible Verbindung zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und gesellschaftlicher Teilhabe herzustellen. Mit Sen leitet er Wohlstand aus der Menschenwürde selbst her: Jedem Menschen stehen demnach Freiheits-, Gleichstellungs- und Partizipationsrechte zu. Im demokratischen politischen Wettbewerb setzen sich daher mit der Zeit Kräfte durch, die etwa in Gesundheitsvorsorge und das Bildungssystem investieren. Dadurch wird einerseits unmittelbar die Selbstbestimmung und das Gemeinwohl gestärkt. Andererseits erkennen die Bürger*innen ihre Lebensumstände eher als akzeptabel und gerecht an. So verleihen Sie der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung Legitimität, die wiederum das System als Ganzes stabilisiert. Davon profitieren Unternehmer*innen, die ohne Angst vor Revolutionen oder widerrechtlichen Eingriffen ihren Geschäften nachgehen können.

So entsteht quasi beiläufig aus der Achtung der Menschenwürde eine wohlhabende Gesellschaft: „Primäres Ziel ist es nicht, dass die Gesellschaft dem Wachstum dient oder das Wachstum der Gesellschaft, sondern das Wachstum ergibt sich aus der freien Selbstentfaltung jedes Einzelnen“ (S. 80). Einsiedel illustriert diese Wirkungskette eindrücklich mit historischen Beispielen von der Bildungsreform Karls des Großen bis zur amerikanischen Sklavenemanzipation und aktueller Feldforschung in Indien.

Teilhabe und Nachhaltigkeit

Im Vergleich dazu ist Einsiedels Argumentation zum Klimawandel weniger überzeugend. Dabei bezieht er sich vor allem auf Papst Franziskus’ Thesen über die „Sorge um das gemeinsame Haus“. Franziskus geht es um eine neue, demütige Haltung des Menschen zu sich selbst: „eine neue Partnerschaftlichkeit und eine leicht mystische (allerdings überhaupt nicht weltabgewandte) Innerlichkeit, die gemeinsam staunt, sich an der Welt erfreut und handelt“ (S. 132). Daraus speist sich einerseits Franziskus’ Kritik am Kapitalismus und überhaupt aller dogmatischen Systeme, die die Menschen in ihrer Entfaltung einschränken. Andererseits geht damit auch ein Appell zur Einheit einher: der Einheit aller Menschen und der Einheit aller Lebewesen, die das „gemeinsame Haus“ Erde teilen.

Wie kommt hier die Teilhabe ins Spiel? Franziskus plädiert für „die Re-Lokalisierung meines Handelns [als] Antwort auf die gescheiterte Internationalisierung meiner Verantwortungsübernahme“ (S. 168): Nur, wenn ich die Auswirkungen meines Handelns in meiner unmittelbaren Umgebung sehe, werde ich dazu motiviert, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Das heißt auch: meine Lebenswelt so zu gestalten, dass sie nicht zur Umweltzerstörung beiträgt. Dieser Ansatz ist ein wichtiger Bestandteil vieler gegenwärtiger Debatten zum nachhaltigen Leben; von regional-saisonaler Ernährung und Bürgerwindparks bis zu einer öko-feministischen Ethik der Sorge.

Dennoch bleibt Einsiedel im Vergleich zu seiner Betrachtung der Armut hier recht vage. Er erwähnt wieder den Nutzen von Bildung und die legitimitätsstiftende Kraft der gemeinschaftlichen Teilhabe: Menschen werden ihr Leben eher in Richtung Nachhaltigkeit gestalten, wenn sie die Gründe dafür verstehen und wenn sie an der Ausarbeitung der entsprechenden Regeln selbst beteiligt waren. Das ist sicher ein sinnvoller Ratschlag für die Gestaltung einer nachhaltigen Transformation der Gesellschaft. Aber es ist in dieser eher dünnen Argumentation fast schon eine Binsenweisheit.

Über Teilhabe zur globalen Transformation?

Zudem löst Einsiedel letztlich auch den oben erwähnten Grundkonflikt nicht zufriedenstellend auf: Konsum, wie er heute im globalen Norden gelebt wird, belastet das globale Ökosystem schon jetzt in beängstigendem Ausmaß. Was, wenn Milliarden Menschen im globalen Süden sich diesen Konsum auch leisten können? Genau das bedeutet der Aufstieg aus der Armut implizit. Welche gesellschaftlichen Strukturen und Denkweisen müssen gegeben sein, um den Planeten dann nicht endgültig über seine Belastungsgrenzen zu bringen? Wie bewirkt Partizipation, dass wohlhabende Menschen wirklich nachhaltig konsumieren?

Hier lohnt als Abgleich ein Blick in den globalen Norden: Dort haben sowohl Demokratie und Teilhabe als auch wirtschaftlicher Wohlstand eine lange Tradition – und angesichts der Dringlichkeit des Klimawandels werden dagegen nur zögerliche Maßnahmen ergriffen. Wirtschaftswachstum gilt dagegen vielerorts weiter als nicht zu hinterfragendes Ziel. Einsiedel baut zwei separate Wirkungsketten auf: eine von Teilhabe zu materiellem Wohlstand und eine andere von Teilhabe zu Nachhaltigkeit. Bei der eigentlichen Zumutung des Begriffs der nachhaltigen Entwicklung, nämlich Armut und Klimawandel zusammen zu denken und zu bekämpfen, ist er deshalb letztlich nicht überzeugend.

Darauf liegt aber auch nicht Einsiedels Fokus. Sein Ziel ist nicht ein Masterplan zur Lösung der Menschheitsprobleme Armut und Klimawandel. Stattdessen geht es ihm um das Potenzial, das der gesellschaftlichen Teilhabe dabei innewohnt – weltweit und in unterschiedlichsten Kontexten. Wer sich dafür interessiert und sich von Argumenten aus unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten überraschen lassen will, für den ist Einsiedels Dissertation einen Blick wert.

 

Über das Buch

Autor: Stefan Einsiedel
Titel: Partizipation als Antwort auf Armut und Klimawandel? Armuts- und Teilhabeforschung auf den Spuren von Amartya Sen und Papst Franziskus
Verlag: oekom verlag
Erscheinungsjahr: 2020
ISBN: 78-3-96238-244-5

Literaturhinweise

53 Einträge « 1 von 2 »

OECD (Hrsg.)

Innovative Citizen Participation and New Democratic Institutions - Catching the Deliberative Wave

2020.

(Links | BibTeX)

Peter Patze-Diordiychuk, Paul Renner (Hrsg.)

Methodenhandbuch Bürgerbeteiligung - Moderationsphasen produktiv gestalten

oekom verlag, München, 2019, ISBN: 978-3960061724.

(Abstract | Links | BibTeX)

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Schwindendes Vertrauen in Politik und Parteien

2019.

(Abstract | Links | BibTeX)

Wolf Schluchter

Atommüllendlagersuche und Zivilgesellschaft

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

(Abstract | Links | BibTeX)

Lars Holstenkamp, Jörg Radtke

Finanzielle Bürgerbeteiligung in der Energiewende

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

(Abstract | Links | BibTeX)

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