Nachruf – John Thompson

Der Urbanist und Meister partizipativer Planungswochenenden stirbt im Alter von 78 Jahren

Ein Nachruf von Andreas von Zadow (Von Zadow International), 8. Januar 2023. In Anlehnung an einen Artikel von Richard Waite (Architect’s Journal), 5 Januar 2023.

JTP-London

Der Londoner Architekt und Urbanist John Thompson, verstarb am 29. Dezember 2022 nach langjährigem Leiden an einer MSA-Erkrankung.

Thompson war Mitbegründer von Hunt Thompson Associates (heute HTA Design), bevor er sein eigenes internationales Büro für Architekten und Masterplaner John Thompson Associates (heute JTP) gründete, dessen Leitung er bis zu seinem krankheitsbedingten Rückzug im Jahr 2017 innehatte. Er war außerdem Gründungsmitglied wichtiger Institutionen wie dem The Prince of Wales’s Institute of Architecture und der Londoner Academy of Urbanism

John Thompson war ein inspirierender, nachdenklicher und hoch motivierter Architekt und Stadtplaner, der sich sein ganzes Leben lang leidenschaftlich für die Verbesserung der Lebensqualität in Städten und Stadtquartieren einsetzte.

Thompson war Mitbegründer von Hunt Thompson Associates (heute HTA Design), bevor er sein eigenes internationales Büro für Architekten und Masterplaner John Thompson Associates (heute JTP) gründete, dessen Leitung er bis zu seinem krankheitsbedingten Rückzug im Jahr 2017 innehatte. Er war außerdem Gründungsmitglied wichtiger Institutionen wie dem The Prince of Wales’s Institute of Architecture und der Londoner Academy of Urbanism.

John Thompson war ein inspirierender, nachdenklicher und hoch motivierter Architekt und Stadtplaner, der sich sein ganzes Leben lang leidenschaftlich für die Verbesserung der Lebensqualität in Städten und Stadtquartieren einsetzte.

Nach seiner Ausbildung zum Architekten an der Universität Cambridge in den 1960er Jahren lehnte John die vorherrschende Sichtweise von Architekten ab, die ihre Aufgabe vor allem in der formalen und oft ikonischen Gestaltung von Baukörpern sahen. Stattdessen sah er seine Aufgabe darin, städtebauliche Lösungen gemeinsam mit den Menschen vor Ort so zu planen, dass die soziale Interaktion gefördert und ein starkes Gemeinschaftsgefühl unterstützt wird. Und das ganz besonders in solchen Stadtvierteln, die mit erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatten.

Aus diesem Impuls heraus entwickelte Thompson sehr frühzeitig bahnbrechende Konzepte, neue Ideen und innovative Methoden für die Beteiligung der Bürgerschaft in der Architektur- und Stadtplanung, sei es auf der Ebene einzelner Gebäude, größerer Siedlungen oder ganzer Stadtteile, Städte und sogar Regionen.

Seine Arbeit für die Stadtverwaltung im Londoner Bezirk Hackney Anfang der 80er Jahre, das Lea View House, gilt nach wie vor als ein bahnbrechendes Projekt partizipativer Architektur. Thompson war schockiert von den Problemen, die sich in der „Ghetto“-Siedlung abspielten, darunter ein hohes Maß an Kriminalität und unsozialem Verhalten, und eröffnete daraufhin sein Projektbüro in einer leeren Wohnung der zu sanierenden Mehrfamilienhaus-Siedlung. Dort direkt vor Ort entwickelte er pragmatische Methoden, die es der Bewohnerschaft ermöglichte, individuell auf die Umgestaltung ihrer Häuser Einfluss zu nehmen und an der Sanierung mitzuwirken.

Charles Knevitt schrieb damals in der Times: „Stolz, Würde und Selbstachtung sind in Lea View wiederhergestellt worden, und das partizipative Planungskonzept schaffte die Grundlage dafür, dass dies erreicht werden konnte.“

In den 1980er Jahren leitete Thompson eine Reihe von Stadterneuerungsprojekten in ganz Großbritannien, angetrieben von seinem „unbändigen Glauben an den Prozess des Community Planning, der es den Menschen vor Ort ermöglicht, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, indem diese Methoden auf Transparenz und Gemeinschaftsgeist setzen, um die Menschen zu befähigen und zu ermutigen, auch schwierige Planungsentscheidungen zu treffen“ (HTA-Design).

Im Jahr 1998 leitete sein Büro das Caterham Barracks Community Planning Weekend, an dem erstmals mehr als 1.000 Menschen teilnahmen, und das zum Ausgangspunkt wurde für seine bahnbrechende und später mehrfach prämierte Arbeit zur Konversionsplanung der früheren Kasernenanlage in Surrey. Die Ergebnisse des Planungswochenendes wurden im Rahmen eines Sechs-Phasen-Programms umgesetzt, das 2008 abgeschlossen wurde.

Es war das erste Mal, dass ein privater Bauträger, Linden Homes, im Vereinigten Königreich seine Investitionsplanungen auf der Grundlage eines umfassenden partizipativen Planungsprozesses vorantrieb.

Seit Anfang der 1990er Jahre weitete er seine Community Planning Aktivitäten aus. John Thompson war ein echter Europäer. Er baute unermüdlich Brücken zwischen den Ländern und glaubte fest an die internationale Zusammenarbeit und das Lernen voneinander. Er organisierte Masterplanungs- und Sanierungsprojekte in vielen europäischen Ländern und in Russland. Später kamen weitere Projekte in Asien mit Schwerpunkt China dazu.

Seine langjährige Zusammenarbeit mit Deutschland begann 1991. Der aktivierend-kooperativer Planungsansatz des Community Planning wurden hier als „Perspektivenwerkstatt“-Methode eingeführt und mit großem Erfolg in zahlreichen Städten wie z.B. Berlin, München, Essen, Leverkusen, Arnsberg, Lübeck und Ludwigsfelde eingesetzt. Bis 2007 wurden diese Projekte von John Thompson persönlich geleitet und mit internationalen Teams besetzt. Neben den stadtplanerischen Aufgaben diente die gemeinsame Arbeit auch stets der weiteren Verfeinerung und Weitergabe dieser besonderen Partizipationsmethoden.

Für das Community Planning hat John Thompson auf diese Weise nicht nur viele deutsche und internationale Planungsbüros, sondern auch Städte, Gemeinden und Immobilienentwickler inspiriert, die bis heute partizipative Methoden als Kernstück integrierter Stadtentwicklung und nachhaltiger Quartiersplanung einsetzen.

Im Jahr 2006 war Thompson maßgeblich an der Gründung der Academy of Urbanism (AoU) beteiligt, einer autonomen, selbstfinanzierten, sektorübergreifenden Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, herausragende Beispiele integrierter Stadtplanung im Vereinigten Königreich und anderen Ländern zu verbreiten und diese unter dem Motto „Learning from Place“ als Vorbilder zu studieren. Im Jahr 2010 wurde Thompson zum Ehrenvorsitzenden der Organisation ernannt, der inzwischen 600 führende Köpfe, Denker und Praktiker aus dem Bereich Stadtentwicklung angehören.

Zum Auftrag der Academy of Urbanism schrieb Thompson: „Großartige Orte haben die Kraft, die Vorstellungskraft der Menschen zu beflügeln. Niemand kann so etwas allein erschaffen. Wenn wir miteinander ähnliche Qualitäten realisieren wollen, müssen wir zunächst eine gemeinsame Sichtweise entwickeln.“

Marcus Adams, geschäftsführender Gesellschafter von JTP: „Als mein Lehrer und Mentor seit mehr als 20 Jahren kann ich sagen, dass John ein Unikat war. Sein ansteckender Enthusiasmus und sein unermüdliches Engagement wirklich herausragende Ergebnisse zu erzielen, haben mich stark beeinflusst, genauso wie viele Menschen und professionelle Teams, mit denen er auf der ganzen Welt zusammenarbeitete. Wir werden John sehr vermissen, aber sein bemerkenswertes Vermächtnis lebt weiter und wird in der Arbeit von JTP weiter gepflegt.“

Ich persönlich verdanke John richtungsweisende und entscheidende Impulse für mein berufliches Leben, phantastische Projekte in Deutschland und international, Kontakten zu erstaunlichen Menschen und – auch diese Seite machte John so besonders – viele der lustigsten Momente in meinem Leben. Er war einer dieser unvergesslichen Menschen, denen man im Leben begegnen darf. Seine Inspirationen für bessere Lebensbedingungen, nachhaltigen Städtebau und dialogische Kommunikationsmethoden werden weiterleben. Vielen Dank dafür, John, wir bleiben am Ball!

John Thompsons Werdegang

1971: MA Dipl.Arch. – Hochschule für Architektur der Universität Cambridge

1969-1994: Gründungspartner – Hunt Thompson Associates (jetzt HTA Design)

1986: Gründungskurator – The Prince of Wales’s Institute of Architecture

1992-1999: Gründungsmitglied – Urban Village Forums

1994-2017: Gründungspartner und Leiter – John Thompson & Partners/JTP LLP

2001-2011: Mitglied – Yorkshire Forward’s Urban Renaissance & Market Towns Panel

2004-2009: Vorsitzender/Stellvertr. Vorsitzender – RIBA Planning and Urbanism Group

2006-2010: Gründungsvorsitzender – The Academy of Urbanism

2010-2022: Ehrenpräsident – The Academy of Urbanism (Akademie für Städtebau)

2019: Ehrung durch den Präsidenten – The American Institute of Architects

2019: Auszeichnung für das Lebenswerk – Urban Design Group

 

Den ganzen Nachruf von Andreas von Zadow über John Thompson inklusive Bildern und weiterführenden Links können Sie HIER herunterladen.

 

Literaturhinweise

160 Einträge « 2 von 16 »

Jörg Sommer, Bernd Marticke

Status quo und Potentiale der innerbetrieblichen Partizipation Buchabschnitt

In: Jörg Sommer (Hrsg.): KURSBUCH BÜRGERBETEILIGUNG #3, Republik Verlag, Berlin, 2019, ISBN: 978-3942466-37-0.

Abstract | Links | BibTeX

Jörg Sommer, Hans Hagedorn

Gute Beteiligungskultur – auf dem Weg zu einem praxisorientierten Qualitätsmanagement in der Bürgerbeteiligung Buchabschnitt

In: Jörg Sommer (Hrsg.): KURSBUCH BÜRGERBETEILIGUNG #3, Republik Verlag, Berlin, 2019, ISBN: 978-3942466-37-0.

Links | BibTeX

Johannes Drerup, Gottfried Schweiger (Hrsg.)

Politische Online- und Offline-Partizipation junger Menschen Sammelband

J.B. Metzler, Stuttgart, 2019, ISBN: 978-3-476-04744-1.

Links | BibTeX

Roland Roth; Udo Wenzl

Jugendlandtage in den Bundesländern – Zwischen Dialog, Beteiligung, politischer Bildung und Nachwuchsförderung Forschungsbericht

2019, ISBN: 978-3-922427-24-7.

Links | BibTeX

Dörte Bieler, Dr. Laura Block, Annkristin Eicke, Luise Essen

Partizipation ermöglichen, Demokratie gestalten, Familien stärken Forschungsbericht

Bundesforum Familie 2019.

Links | BibTeX

Jascha Rohr, Hanna Ehlert, Sonja Hörster, Daniel Oppold, Prof. Dr. Patrizia Nanz

Bundesrepublik 3.0 Forschungsbericht

Umweltbundesamt 2019, (Ein Beitrag zur Weiterentwicklung und Stärkung der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie durch mehr Partizipation auf Bundesebene).

Abstract | Links | BibTeX

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Schwindendes Vertrauen in Politik und Parteien Forschungsbericht

2019.

Abstract | Links | BibTeX

Stefan Löchtefeld, Jörg Sommer

Das Prinzip Haltung: Warum gute Bürgerbeteiligung keine Frage der Methode ist Buchabschnitt

In: Jörg Sommer (Hrsg.): KURSBUCH BÜRGERBETEILIGUNG #3, Republik Verlag, Berlin, 2019, ISBN: 978-3942466-37-0.

BibTeX

Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Wegweiser Breite Bürgerbeteiligung: Argumente, Methoden, Praxisbeispiele Online

2018.

Links | BibTeX

Ahmet Derecik; Marie-Christine Goutin; Janna Michel

Partizipationsförderung in Ganztagsschulen. Innovative Theorien und komplexe Praxishinweise Buch

Springer VS, Wiesbaden, 2018.

BibTeX

160 Einträge « 2 von 16 »

Stöbern Sie in unserem Literaturverzeichnis ...