Mitarbeiter wollen mehr Beteiligung!

Ein Interview mit Jörg Sommer

Im Interview spricht der Direktor des Berlin Institut für Partizipation Jörg Sommer über den Stand der Partizipation in der Arbeitswelt.

Vor kurzem veröffentlichte das Berlin Institut für Partizipation die Studie „Demokratie in der Arbeitswelt“, die zwischenzeitlich in der Wirtschaft viel Beachtung fand. Dazu veröffentlichte das Institut ein Interview mit dem Auftraggeber der Studie Volker Weber von der IG BCE Hessen-Thüringen. Jörg Sommer, Direktor des Instituts, stellte die Ergebnisse in den vergangenen Wochen auf mehreren Veranstaltungen vor. Wir fragten ihn nach den wichtigsten Ergebnissen, nach Erwartbarem und Überraschendem – und nach den Reaktionen bei unterschiedlichen Akteuren.

Die Studie hat den Titel „Demokratie in der Arbeitswelt“. Sind das nicht zwei völlig verschiedene Dinge?

Das mag so erscheinen, aber das Bild trügt. Natürlich sind Unternehmen nicht demokratisch organisiert. Da wird nicht von unten nach oben gewählt, sondern von oben nach unten rekrutiert und angesagt. Aber das findet im Rahmen einer demokratischen Gesellschaft statt. Gesetze, Strukturen, Konventionen, an denen sich Unternehmen orientieren müssen, sind in der Regel demokratisch organisiert bzw. legitimiert. Und die Beschäftigten sind ja auch Bürger und keine Untertanen. Kommandowirtschaft mag noch in einigen Bereichen funktionieren. Je qualifizierter aber die Belegschaft, desto größer die Erwartungen an einen wertschätzenden Umgang.

Aber wertschätzender Umgang ist doch etwas anderes als Demokratie …

Es ist eine Voraussetzung dafür. Und auch ein Stück weit eine Folge. Zudem kennen gerade Beschäftigte in größeren Unternehmen durchaus Demokratie in der Arbeitswelt. Die von ihnen in fairen, geheimen, demokratischen Wahlen bestimmten Betriebsräte vertreten die Belegschaftsinteressen gegenüber dem Arbeitgeber, schließen Betriebsvereinbarungen ab, müssen bei vielen Vorhaben gehört werden und haben durchaus Einfluss. Die Betriebsratswahlen sind regelmäßig die Wahlen mit der höchsten Beteiligung. Teilweise liegt die Beteiligung z. B. bei Kommunal- und Europawahlen um die 50 Prozent, bei Betriebsratswahlen sind es über 75 Prozent Wahlbeteiligung. In Deutschland gibt es über 28.000 Betriebsräte. Das ist schon eine demokratische Institution mit Geschichte und Bedeutung.

Ihre Studie untersucht insbesondere die Frage, wie es mit der Quantität und der Qualität von Beteiligung in Unternehmen aussieht. Welche Rolle spielen dabei die erwähnten Betriebsräte?

Eine große. Nach wie vor ist das mit großem Abstand verbreitetste Beteiligungsformat die Betriebsversammlung, in der Regel einberufen und organisiert vom Betriebsrat. Fast 90 Prozent der über 1.000 befragten Beschäftigten haben in den vergangenen zwei Jahren an einer solchen Versammlung teilgenommen. Aber es gibt auch zahlreiche Angebote der Arbeitgeber jenseits dieser formellen Beteiligung.

Das wären zum Beispiel?

Belegschaftsbefragungen sind recht weit verbreitet, sowohl durch das Unternehmen als auch durch den Betriebsrat. Aber auch Workshops, Arbeitsgruppen und Aktionstage wurden genannt. Insbesondere im Bereich Gesundheitsvorsorge und Arbeitsschutz scheint es viele Angebote zu geben, sicher hängt dies mit dem Anliegen zusammen, in den Belegschaften Bewusstsein für die Herausforderungen zu schaffen.

Was hat Sie bei den Ergebnissen überrascht?

Wir hatten durchaus erwartet, dass Menschen in einer Gesellschaft, in der ja auch die Bürgerbeteiligung auf dem Vormarsch ist, sich mehr Beteiligung auch am Arbeitsplatz wünschen würden. Die Eindeutigkeit der Rückmeldungen war aber dann schon überraschend: Fast 90 Prozent der Befragten ist eine aktive Mitgestaltungsmöglichkeit am Arbeitsplatz wichtig. Die reale Entwicklung hinkt diesen Erwartungen allerdings noch deutlich hinterher. Nur jeder zweite Beschäftigte hat Erfahrungen mit Beteiligung jenseits der klassischen Strukturen wie Betriebsversammlungen.

Woran kann das liegen?

Das haben wir in dieser Studie nicht untersuchen können. Befragt wurden ausschließlich Beschäftigte. Sicher wäre es spannend, diese Frage einmal den Führungskräften zu stellen. Es scheint hier durchaus mehr Offenheit für Mitwirkung zu geben, aber die Fortschritte sind nur zögerlich. Sicher liegt es an tradierten Vorstellungen von der Organisation der Arbeitswelt. Aber es gibt bislang auch wenig Impulse aus der Gesellschaft heraus und wenig Erfahrungen mit Beteiligung in Unternehmen. Natürlich sind bekannte Formate aus der klassischen Bürgerbeteiligung häufig nicht 1:1 für betriebliche Beteiligungsprozesse geeignet, bislang wird in diesem Bereich auch kaum geforscht oder systematisch erprobt. Dazu kommen die Akteure auf Arbeitnehmerseite, die ebenfalls wenig Erfahrungen mit Beteiligungsstrukturen haben. Nicht umsonst spricht man beim Betriebsrat häufig von der „Interessenvertretung“. Da schwingt das Bild des klassischen Stellvertreters mit, das ja lange auch für den Politiker in der repräsentativen Demokratie galt. Doch die gesellschaftlichen Entwicklungen werden auch an der Arbeitswelt nicht spurlos vorbeigehen.

Sie erwarten also mehr Beteiligung in Unternehmen?

Langfristig ja. Daran führt kein Weg vorbei. Insbesondere Unternehmen, die sich in Konkurrenz um qualifizierte Fachkräfte befinden, müssen hier vorangehen. Mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten sind ein klarer Wettbewerbsvorteil im Kampf um die klügsten Köpfe.

Schwingt da nicht irgendwo auch eine Sozialromantik mit? Schließlich sind Unternehmen im Wettbewerb und müssen Gewinne erwirtschaften. Da bleibt wenig Raum für unnötiges Beiwerk.

Das denkt sicher noch mancher Mittelmanager. Aber ich habe in den letzten Wochen und Monaten im Rahmen von diversen Vorträgen und Diskussionen feststellen können, dass auf Vorstandsebene durchaus eine Offenheit für das Thema zu spüren ist. Das hängt sicher auch mit der Digitalisierung zusammen – Stichwort Industrie 4.0. Die Wirtschaft braucht mehr und mehr mitdenkende, aktive, gestaltungswillige Mitarbeiter. Und sie weiß, dass sie das auch aktiv fördern muss. Gerade die qualitative Dimension von Beteiligung ist hier wichtig. Wenn es irgendwo im Prozess hakt, wissen in der Regel die unmittelbar beteiligten Mitarbeiter sehr gut, was zu tun wäre, oft viel besser als das Management. Wer hier weiter auf Kommandostrukturen setzt und Befehlsempfänger konditioniert, der wird sich schwer tun.

Ihr Fazit?

Die Beschäftigten wollen mehr Beteiligung. Und die Unternehmen sind gut beraten, darauf zu reagieren. Es ist in ihrem eigenen Interesse.

Zur Person

Jörg Sommer ist Publizist und Gründungsdirektor des Berlin Institut für Partizipation. Außerdem ist er seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Umweltstiftung und in zahlreichen Gremien und Beiräten der Nachhaltigkeit aktiv.

Literaturhinweise

Jascha Rohr, Hanna Ehlert, Sonja Hörster, Daniel Oppold, Prof. Dr. Patrizia Nanz

Bundesrepublik 3.0

Umweltbundesamt 2019, (Ein Beitrag zur Weiterentwicklung und Stärkung der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie durch mehr Partizipation auf Bundesebene).

(Abstract | Links | BibTeX)

Katja Fitschen, Oliver Märker

Vom Flurfunk zur Mitarbeiterbeteiligung in öffentlichen Verwaltungen

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

(Abstract | Links | BibTeX)

Uta Bronner, Regina Schröter

Was können Unternehmen von Bürgerbeteiligungsverfahren lernen?

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

(Abstract | Links | BibTeX)

Hanns-Jörg Sippel

Auf dem Weg zu einer (neuen) politischen Kultur der Beteiligung

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #1, Verlag der Deutschen Umweltstiftung, Berlin, 2015, ISBN: 978-3942466141.

(Abstract | Links | BibTeX)

Hans Hagedorn

Die drei Dimensionen des Formats BürgerForum

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #1, Verlag der Deutschen Umweltstiftung , Berlin, 2015, ISBN: 978-3942466141.

(Abstract | Links | BibTeX)

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