Lesepatenschaften für Empowerment

Lesepatenschaft Foto: Ullihaessler via Flickr.com, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Lesen und Schreiben sind zentrale Fähigkeiten zur Gestaltung des eigenen Lebens. Die Lektüre von Büchern leistet neben anderen Informations- und Bildungsquellen einen wichtigen Beitrag zum Aufbau eines eigenen Wissensschatzes, erlaubt die Herausbildung fundierter eigener Meinungen und die kritische Auseinandersetzung mit Positionen und Haltungen von Mitmenschen. Die schriftliche Artikulation der eigenen Gedanken erlaubt die zeit- und raumungebundene Kommunikation der eigenen Überlegungen und trägt zum gesellschaftlichen Austausch bei.

Teilhabe an gesellschaftlicher Willensbildung

Beide Fähigkeiten sind essentiell für gesellschaftliche Teilhabe an Gestaltungs- und Partizipationsprozessen in modernen Demokratien und der sich in vielfältiger Form (ökonomisch, kulturell, etc.) globalisierenden Welt. Mehr denn je muss sich jeder und jede fragen, in welcher Welt er oder sie zukünftig leben möchte. In Zeiten der individualisierten Lebensentwürfe und sich auflösender Bindungen traditioneller sozialer Milieus braucht es einen breiten und tiefen gesellschaftlichen Diskursprozess über „die Welt von morgen“. Die Flüchtlingskrise und die jüngsten Entwicklungen in der Klimapolitik zeigen, dass viele internationale Herausforderungen nicht ohne gesellschaftliche Mitwirkung gelöst werden können. Denn längst tobt eine bundesweite gesellschaftliche Großdebatte über Zuwanderung, die die Länderpolitik wie unlängst in Mecklenburg-Vorpommern bei Wahlen überformt und in der eine Vielzahl an Menschen für die eine oder andere Seite Position ergreifen sowie sie zum Ausdruck bringen. Gleichermaßen werden Herausforderungen wie der globale Klimawandel oder die  übermäßige, nicht nachhaltige Nutzung der Ressourcen unseres Planeten nicht ohne eine breite Debatte um Wohlstandsverteilung und Konsumverhalten zu lösen sein. Die anhaltende Diskussion um den Netzausbau in Deutschland mag hier als Beispiel dienen: Der hohe Energiebedarf macht den Aus- und Neubau von Stromtrassen vermeintlich notwendig und schafft konkrete Konflikte zwischen betroffenen Anwohnern im Ausbaugebiet und der direkt oder indirekt von der Strombereitstellung profitierenden Bevölkerung. Unmittelbar mit diesem Konflikt sind etliche gesellschaftliche Streitpunkte verbunden: Es ist bspw. zu klären, ob zukünftig die Stromversorgung stärker zentral oder dezentral erfolgt, welche Energiequellen in welcher Menge Verwendung finden sollen und ob unser gegenwärtiger Energiekonsum angemessen ist.

Es ist daher umso wichtiger, dass möglichst viele Menschen in die Lage versetzt werden, an der gesellschaftlichen Willensbildung teilzunehmen. Empowerment – also die Befähigung zu bürgerschaftlichem Engagement und gesellschaftlicher Partizipation – wird dabei bereits früh direkt durch eine fundierte Vermittlung schulischer Grundkenntnisse begünstigt. Darüber hinaus wohnt der Stärkung dieser Grundfertigkeiten ein indirekter positiver Effekt inne: In vielen Beteiligungsverfahren zeigt sich eine positive Korrelation zwischen Bildungsgrad und Beteiligungswille. Eine sichere Lese- und Schreibfähigkeit ist wiederum unabdingbar für die Beschreitung eines erfolgreichen Bildungsweges und wirkt so auf den beruflichen Erfolg und mithin auf das Partizipationsinteresse ein.

Übernehmen Sie eine Lesepatenschaft

Bürgerinnen und Bürger haben dabei die ehrenamtliche Möglichkeit, Kinder und Jugendliche bei der Herausbildung der Lesekompetenz zu unterstützen, indem sie Lesepate/Lesepatin werden und regelmäßig einem Kind oder einer kleinen Gruppe aus Büchern vorlesen. Im Vordergrund steht dabei die Förderung der Motivation zum Lesen. Es geht darum, Kinder in Kontakt mit Literatur zu bringen und so gegen reproduzierte Verhaltensmuster zu wirken: Gerade junge Menschen aus sozial schwächeren Familien lesen weniger, was oft daran liegt, dass die Eltern wenig leseaffin sind und weniger Bücher bereitstehen (Lanz 2014: 5).

Tacke/Kurth/Rausch warnen vor einem möglichen kontraproduktiven Effekt von Lesepatenschaften, wenn es sich um Kinder mit ausgeprägter Leseschwäche handele. Anstatt, dass die Neugier und die Lesemotivation der Kinder gesteigert werde, wenn sie mit einem Buch in Berührung kommen, assoziieren sie damit Überforderung und das Gefühl des Scheiterns mit der Folge einer Abwehrreaktion. Dem Argument ist Rechnung zu tragen, allerdings kommt hier den Pädagogen und Pädagoginnen in der jeweiligen Bildungseinrichtung eine wichtige Funktion zu, damit eine Zuteilung interessierter Lesepaten und -patinnen nur zu entsprechenden Kindern erfolgt.

Falls Sie nun Interesse bekommen haben, sich selbst zu engagieren und eine Lesepatenschaft zu übernehmen, empfiehlt sich entweder die direkte Kontaktaufnahme mit einer nahe gelegenen Bildungsinstitution (Schule, Kita) oder eine kurze Google-Recherche unter Eingabe ihres Ortes und dem Begriff Lesepate.

Abschließend bietet der folgende Videobeitrag einen guten Eindruck von der Arbeit eines Lesepatens: