Geschlecht und Partizipation

Im Gespräch mit Katharina Heger

Katharina Heger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft. Im Interview spricht sie über Geschlechterunterschiede im Partizipationsverhalten.

Zunächst erstmal grundsätzlich: Partizipieren Frauen und Männer unterschiedlich?

Ja, das kann man auf jeden Fall so sagen. Schon ab den 1950er Jahren war von Anfang an zu sehen, dass es einen Gender Gap gab. Am Anfang war es so, dass Frauen sich gar nicht oder deutlich weniger beteiligt haben als Männer. Im Laufe der Zeit haben sich diese Lücken zum Teil geschlossen, zum Teil haben Frauen Männer in bestimmten Beteiligungswegen auch überholt. Beispielsweise ist die Wahlbeteiligung in den meisten westlichen Nationen unter Frauen größer als unter Männern.

Aber wir sehen auch, dass es trotzdem immer noch Unterschiede gibt. Diese drücken sich aber nicht mehr darin aus, dass Männer absolut gesehen mehr machen, sondern dass Männer und Frauen unterschiedliche Dinge machen. Sie wählen unterschiedliche Instrumente, um sich politisch auszudrücken. Wir sehen zum Beispiel, dass politischer Konsum, also bestimmte Produkte aus politischen oder ethischen Gründen zu kaufen oder nicht zu kaufen, von Frauen sehr viel mehr betrieben wird als von Männern.

Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?

Meine Theorie ist, dass die unterschiedliche Partizipation von Frauen und Männern damit zusammenhängt, wie sichtbar bestimmte Partizipationsformen sind. Etwas in den sozialen Medien zu posten, was dafür gedacht ist, dass es andere Leute sehen und darauf reagieren, ist beispielsweise sichtbarer als politischer Konsum. Den kann man sehr privat für sich allein betreiben.

Es gibt noch immer eine starke Trennung zwischen „privater“ und „öffentlicher“ Sphäre. Der politische, öffentliche Raum ist nach wie vor durch Normen geprägt, die diesen Raum eher Männern zuweisen und Frauen eher in der privaten Sphäre verordnen als im politischen Bereich. Aus diesem Grund wird derartiges Verhalten bei Frauen eher sanktioniert, also bestraft. Ein Beispiel dafür sind Hasskommentare im Netz, die sich direkt gegen Frauen wenden, oder allgemein abwertende Bemerkungen über Frauen, die Politikerinnen sind oder sich politisch engagieren. Eine Konsequenz dieser Normen ist, dass wir in Befragungsdaten immer wieder sehen, dass Frauen ein geringeres Niveau an politischem Interesse berichten und sich politisch weniger wirksam fühlen. Das kann keine biologischen Ursachen haben, sondern muss die Folge von Sozialisierung sein. 

Frauen suchen sich daher oft andere Wege der Beteiligung, die nicht genuin politisch interpretiert werden, wie zum Beispiel Einkaufen oder ein Ehrenamt wahrnehmen. Beides kann sehr politisch sein, muss aber nicht so gelesen werden. Auf diese Weise haben sich Frauen in den meisten westlichen Gesellschaften eine Art „Workaround“ gebaut, um politisch aktiv zu sein und Einfluss zu nehmen, ohne zum Beispiel mit negativen Reaktionen konfrontiert zu werden, weil sie sich nicht genderkonform verhalten.

Gibt es noch weitere Faktoren wie Alter oder Bildung, die dabei einen Einfluss haben? Also partizipieren zum Beispiel gebildetere Frauen anders als weniger gebildete Frauen?

Wir wissen, dass Bildung und Alter einen Einfluss darauf haben, ob und wie man sich beteiligt. Das wirkt sich aber nicht so aus, dass zum Beispiel gut gebildete Frauen mehr partizipieren als gut gebildete Männer. Also wenn wir, statistisch gesprochen, den Faktor Bildung gleich halten, dann ist das Geschlecht dominierend.

Es gibt durchaus Studien, die zeigen, dass bestimmte Faktoren wie eben beispielsweise Bildung den Geschlechterunterschied ausgleichen. So partizipieren gut gebildete Frauen in der Tendenz mehr oder anders als weniger gut gebildete Männer. 

Wir sehen aber, dass Geschlecht in so gut wie allen Studien, in denen wir das vergleichen, ein wichtiger erklärender Faktor ist. Nicht – und das möchte ich betonen – aufgrund biologischer Gegebenheiten, sondern wegen kultureller Aspekte, die diese Rolle prägen, in die man reingezogen wird, wenn man bestimmte körperliche Merkmale aufweist. Zu diesen kulturellen Aspekten kann auch eine ungleiche Verteilung von Bildungschancen gehören – oder eben Geschlechternormen, die das politische Interesse oder die politische Selbstwirksamkeit prägen. Wenn man, statistisch gesprochen, für all diese Sozialisationsfaktoren kontrollieren könnte, würden wir wahrscheinlich keine Unterschiede mehr sehen. Weil es eben nicht darauf ankommt, was für körperliche Merkmale wir haben, sondern wie wir diese als Gesellschaft interpretieren.

Übrigens weist die Intersektionalitätsforschung, die sich, grob zusammengefasst, mit Mehrfachdiskriminierung von Individuen und Gruppen beschäftigt, schon sehr lange darauf hin, dass viele Formen der gesellschaftlichen und politischen Teilhabe gleich noch viel weniger zugänglich werden, wenn jemand nicht „nur“ Frau oder „nur“ person of color ist, sondern beides gleichzeitig, also zum Beispiel woman of color. Wenn jemand mehrere Charakteristika hat, die für sich genommen mit Diskriminierung und Ausschluss assoziiert sind, dann ist zum Beispiel politische Partizipation vielleicht doppelt so schwierig. Es gibt also verschiedene Faktoren, die sich auf die Beziehung zwischen Geschlecht und Teilhabe positiv oder negativ auswirken.

Hat das dann auch etwas mit Machthierarchien und -strukturen zu tun?

Es ist sicherlich ein Ausdruck von Machthierarchien. Auch wenn wir in Deutschland sehen, dass Gleichberechtigung sehr viel weiter ist als noch vor 50 oder 20 Jahren, war das ein langer Weg. Wir kommen aus einem Gesellschaftsmodell, in dem Frauen ganz lange überhaupt keine Rolle außerhalb des Haushalts hatten. Das ist natürlich eine ganz klare Machthierarchie, deren Dekonstruktion im Zuge von Emanzipationsbewegungen immer weiter fortschreitet. Aber wir sehen die Unterschiede in der Beteiligung noch immer, insbesondere beim Aspekt der Sichtbarkeit. 

Wir beobachten beispielsweise, dass Frauen, wenn wir auf digitale Beteiligungsformen schauen, stärker von Hassrede betroffen sind oder sehr viel aggressiver angegriffen werden, wenn sie sich politisch äußern. Das hat nicht nur eine Wirkung auf die Person, die beleidigt wird, sondern das hat auch eine abschreckende Wirkung auf andere. Deswegen ist Hassrede im Internet so effektiv und ein so wichtiges Thema – auch das ist Ausdruck einer Machthierarchie. 

Man kann aus feministischer Perspektive sagen, dass es meist Angriffe genau auf diejenigen Frauen gibt, die sich prominent politisch äußern und sichtbar sind. Aus dem Wunsch heraus, Verhältnisse aufrechtzuerhalten, in denen zum Beispiel Männer politische Deutungshoheit haben und Frauen nicht.

Wie bewerten Sie diese Unterschiede aus einer normativen Sicht?

Ich finde, es steht erstmal jedem Menschen frei, sich zu beteiligen oder sich nicht zu beteiligen; niemand muss. Das kann jeder für sich entscheiden und das ist das Gute an Demokratie.

Ich finde es auch erstmal nicht problematisch, wenn unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Werkzeuge wählen, die sie für besonders effektiv halten oder die sich ihnen besonders anbieten, um zu partizipieren. Ich sehe immer dann ein Problem, wenn wir strukturelle Unterschiede beobachten; wenn sich zum Beispiel bestimmte Gruppen aufgrund eines Merkmals strukturell von bestimmten Partizipationsformen zurückziehen. Das zeigt, dass es keine freie Wahl eines Individuums ist, sondern dass strukturelle Faktoren im Spiel sind.

Welche Maßnahmen würden Sie von der Politik für geschlechtergerechte Partizipation wünschen?

Es gibt Forschung zu verschiedenen kulturellen Kontexten, die darauf hinweist, dass der Gender Gap in der politischen Repräsentation mit dem Gender Gap in der politischen Partizipation zusammenhängt. Je weniger Diversität in einer Demokratie unter den Machthabenden und politischen Eliten, desto stärker segregiert ist auch die Bürgerschaft in der Frage, ob und wie sie sich beteiligt.

In Australien und Kanada konnte zum Beispiel ein langfristiger Effekt vom steigenden Frauenanteil in den politischen Führungsebenen, beispielsweise über Quoten, auf die Partizipation von Frauen beobachtet werden. Frauen in der Bevölkerung wurden offensichtlich durch einen gewissen Vorbild-Effekt mobilisiert, sich zu beteiligen, weil sie sehen, dass man auch Einfluss nehmen kann. Deswegen finde ich es interessant, sich stärker mit Instrumenten auseinanderzusetzen, mit denen wir Repräsentation diverser und besser gestalten können.

Das andere ist der digitale Raum. Wir sehen hier, dass bestimmte Gruppen vom digitalen Diskurs ferngehalten werden oder sich aufgrund von Hassrede fernhalten. Da wünsche ich mir mehr Arbeit gegen diese Art von Verhalten und eine stärkere Sanktionierung. Wir sehen schon viel bürgerschaftliches Engagement, das durch Initiativen, wie #ichbinhier, in Diskurse eingreifen will. Es ist toll, wenn das aus der Zivilgesellschaft kommt, aber wenn es nicht kommt oder nicht reicht, ist die Politik in der Pflicht. Denn es geht eben nicht nur darum, dass irgendwelche Leute irgendwas im Internet reden, sondern um einen politischen Diskurs, der Macht hat und Machtverhältnisse beeinflussen kann. Wenn Leute davon strukturell ausgeschlossen werden, haben wir ein Problem.

Und zuletzt möchte ich noch auf institutionelle Formen der Partizipation eingehen. Da wünsche ich mir, dass sich die Parteien verändern und für bestimmte politische Akteure, wie eben Frauen, attraktiver werden und mehr Diversität leben. Gesellschaft und Politik sollten darauf einwirken, dass diese Partizipationswege für möglichst viele offen sind.

 

Zur Person:

Katharina Heger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft und forscht zu geschlechterspezifischen Ungleichheiten in der politischen Partizipation und Repräsentation und dem Einfluss politischer Normen und Einstellungen auf das Verhalten. Am Weizenbaum-Institut forscht sie in der Forschungseinheit Weizenbaum Panel zum Zusammenspiel und Wandel von Bürger:innenormen und digitalen Formen der politischen Partizipation.

Literaturhinweise

128 Einträge « 1 von 13 »

Christian Huesmann, Anna Renkamp, Wolfgang Petzold

Europa ganz nah: Lokale, regionale und transnationale Bürgerdialoge zur Zukunft der Europäischen Union Forschungsbericht

Bertelsmann Stiftung Gütersloh, 2022.

Abstract | Links | BibTeX

Stefanie Lütters

Soziale Netzwerke und politische Partizipation. Eine empirische Untersuchung mit sozialräumlicher Perspektive Buch

2022, ISBN: 978-3-658-36753-4.

Abstract | Links | BibTeX

'Berlin Institut für Partizipation' (Hrsg.)

Bürgerbudgets in Deutschland. Formen, Bedeutung und Potentiale zur Förderung politischer Teilhabe und bürgerschaftlichem Engagements Forschungsbericht

Berlin Institut für Partizipation 2021, ISBN: 978-3942466-48-6.

Abstract | Links | BibTeX

People Powered – Global Hub for Participatory Democracy (Hrsg.)

Impacts of Participatory Budgeting on Governance and Well-Being (2021). Webinar and research brief. Forschungsbericht

2021.

Links | BibTeX

People Powered – Global Hub for Participatory Democracy (Hrsg.)

Impacts of Participatory Budgeting on Civil Society & Political Participation Forschungsbericht

2021.

Links | BibTeX

Irmhild Rogalla, Tilla Reichert, Detlef Witt

Partii - Partizipation inklusiv Forschungsbericht

2021, ISBN: 978-3-942108-20-1.

Abstract | BibTeX

OECD (Hrsg.)

Innovative Citizen Participation and New Democratic Institutions - Catching the Deliberative Wave Buch

2020.

Links | BibTeX

Daria Ankudinova, Dr. Delal Atmaca, Katharina Sawatzki, Nadiye Ünsal, Alexandra Vogel, Tijana Vukmirovic

Politische Teilhabe von Migrantinnen*selbstorganisationen mit Fokus auf ihre Lobby- und Gremienarbeit Forschungsbericht

DaMigra e.V. – Dachverband der Migrantinnenorganisationen 2020, ISBN: 978-3-9819672-2-7.

Abstract | Links | BibTeX

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Schwindendes Vertrauen in Politik und Parteien Forschungsbericht

2019.

Abstract | Links | BibTeX

Jörg Sommer (Hrsg.)

KURSBUCH BÜRGERBETEILIGUNG #3 Buch

Republik Verlag, Berlin, 2019, ISBN: 978-3942466-37-0.

BibTeX

128 Einträge « 1 von 13 »

Stöbern Sie in unserem Literaturverzeichnis ...