Erkenntnis statt Meinung!

Ein Rezeptvorschlag für (nicht nur) digitale Bürgerbeteiligung

Ralf Grötker differenziert in seinem Beitrag unterschiedliche Ziele von Beteiligungsprozessen. Er plädiert dafür, Beteiligungsverfahren stärker auf das gemeinsame Gewinnen von Erkenntnissen als die Aggregation von Meinungen auszurichten.

Foto: Myriams-Fotos via Pixabay.

Formate wie der Bürgerrat oder die Planungszelle setzen darauf, dass Bürger oder Laien in einem Überlegungsprozess, der sich über mehrere Tage oder Wochen erstreckt, zu einer gemeinsam getroffenen Entscheidungen gelangen. Oftmals werden die Teilnehmenden zu solchen Veranstaltungen – soweit realisierbar – nach dem Zufallsprinzip eingeladen. Auf diese Weise soll ein möglichst breites Spektrum von Stimmen aus der Bevölkerung berücksichtigt werden.

Digitale Beteiligung funktioniert meist denkbar anders. Zufallsziehungen aus dem Melderegister sind hier schon deshalb oft keine Option, weil bei der Wahl für das digitale Medium die Kostenfrage eine Rolle gespielt hat, und das Organisieren von Zufallsbürgen einen erheblichen Aufwand verursacht. Anstelle gemeinsam getragener Entscheidungen geht es bei digitalen Formaten meist eher darum, einfach nur Ideen einzuholen oder aber in Meinungsumfragen Mehrheiten zu generieren. Ideen sind denkbar unverbindlich. Und Multiple-Choice-Umfragen haben auch ihre Tücken. Denn wenn man davon ausgeht, dass die Teilnahme an einer Online-Befragung meist nach dem Prinzip der Selbstselektion geregelt ist, können die Resultate kaum repräsentativ sein. Dennoch entsteht für die beteiligende Instanz das Problem, dass sie nur schwer in ihren Entscheidungen ganz anders verfahren kann, als es die Mehrheit der Beteiligten sich gewünscht hat. Alles in allem keine sehr glückliche Situation.

Das Rezept für einen Ausweg lautet: Erkenntnis statt Meinung! Ein Beteiligungsprozess, der auf das gemeinsame Gewinnen von Erkenntnissen abzielt und nicht auf die Erhebung von Meinungen, steht sehr viel weniger vor dem Problem, dass die Beteiligten Mehrheitsbeschlüsse generieren, die nicht repräsentativ sind, gleichzeitig aber auch nicht einfach ignoriert werden können. Erkenntnisse haben unabhängig von Meinung Bestand.

Bekannte und unbekannte Unbekannte

Solcher Art Erkenntnisse, die Resultat eines Beteiligungsprozesses sein können, gibt es verschiedene. Eine häufige Kategorie von Erkenntnissen sind bekannte Unbekannte: Schlaglöcher auf einer Straße beispielsweise oder schlecht gestaltete Verkehrsstellen für Radfahrer. Beteiligungsprozesse können ein Instrument sein, um über solche bekannten Unbekannten Informationen zu sammeln. Die Bürger wissen hier meist besser Bescheid als die Mitarbeiter in der Verwaltung.

Eine andere Kategorie sind unbekannte Unbekannte – also echte Überraschungen. Ein Beispiel: Zur Neugestaltung eines Skateplatzes in der Gemeinde Dornbirn im Land Vorarlberg (Österreich) wurde ein Beteiligungsprozess durchgeführt. Neben den erwartbaren Resultaten, die Details zur baulichen Gestaltung des Platzes betrafen, gab es eine überraschende Erkenntnis: Es stellte sich heraus, dass den jugendlichen Nutzer mehr als an den baulichen Details vor allem an einer hohen Eigenverantwortung gelegen war. Im Resultat wurden für die Nutzung des neuen Platzes gemeinsam Regeln erarbeitet und eingeführt (wie z.B. Helmpflicht, allgemeine Rücksichtnahme, Vorfahrt).

Visualisierung aggregierter Informationen

Oftmals sind als Resultat eines Beteiligungsprozesses weniger einzelne Ideen interessant, sondern der Blick aufs große Ganze. Dies kann zum Beispiel eine Übersicht von Handlungsfeldern sein, auf denen es sich lohnen könnte, gezielte Aktivitäten zur Lösung eines Problems zu starten. Die klassische Darstellungsform für ein solches Resultat ist eine hierarchisch strukturiert Mindmap (siehe Abb. 1).

Abbildung 1: Eine Übersicht zu relevanten Handlungsfeldern (Taxonomie) als Resultat eines Beteiligungsprozesses.

In manchen Situationen bietet es sich an, die eingeflossenen Ideen von Seiten der Moderation noch einen Schritt weiter zu verarbeiten. Dazu kann beispielsweise eine Matrixanalyse Anwendung finden. Sie verdeutlicht den angesprochenen Erkenntnischarakter (siehe Abb. 2).

Abbildung 2: Mit Hilfe einer Matrixanalyse können Teilnehmendenbeiträge pointiert ausgewertet werden; Abb. im Original auf S. 27.

Auch eine Sammlung von Argumenten kann eine Erkenntnis darstellen, wie die folgende Abbildung 3 zeigt. Dabei können logische bzw. argumentative Abhängigkeiten durch Linien verdeutlicht werden. Zusätzlich können Pro- und Kontraargumente farblich visualisiert werden: Rote Positionen greifen in der Tendenz die Ausgangsthese an, grüne Positionen stützen sie tendenziell. Ein Plus bedeutet in Pfeilrichtung gelesen – also von unten nach oben -, dass die Position B durch Position A unterstützt wird. Ein Minus heißt dementsprechend, dass Position A die Position B angreift.

Abbildung 3: Argument Map, erstellt auf Basis einer Online-Diskussion zur Frage der Legitimität von Tierversuchen.

Schließlich kann eine Erkenntnis auch in der Veranschaulichung von ursprünglich eher abstrakten Inhalten bestehen. Ein Beispiel dafür sind Resultate eines Zielfindungsprozesses (siehe Abb. 4). In Form von Clustern aufbereitet, wird auch eine größere Zahl von Teilnehmerbeiträgen besser lesbar.

Abbildung 4: Resultate eines Zielfindungsprozesses

Insights-Beteiligungsplattform

Ein kurzer Werbeblock zum Schluss: Um genau all diese und andere Formen von Erkenntnissen zu generieren, wurde die digitale Insights-Beteiligungsplattform konzipiert. Eine Besonderheit dortiger Verfahren ist, dass Resultate eines Beteiligungsprozesses mit Hilfe der Plattform hierarchisch strukturiert und aufbereitet werden. Das heißt: Teilnehmer und Besucher der Plattform können nachvollziehen, auf welche Wortbeiträge sich eine finale Erkenntnis stützt und dabei schrittweise ins Detail vordringen. Außerdem erhalten Teilnehmer zum Abschluss eines Prozesses eine automatisch generierte, allerdings persönlich zugeschnittene Feedback E-Mail. Damit erfahren Beteiligte ganz konkret, wie sich ihr Beitrag im Resultat auswirkt – und bleiben auch für künftige Aktionen bei der Stange.

Literatur

Eppler, M. J.; Kernbach, S.; Pfister, R. A. (2016): Dynagrams-Denken in Stereo: Mit dynamischen Diagrammen schärfer denken, effizienter zusammenarbeiten und klarer kommunizieren, Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag.

Der Autor

Dr. Ralf Grötker ist Geschäftsführer von Explorat und Insights DE. Er ist spezialisiert auf Prozessdesign und Problemstrukturierung für kollaboratives Entscheiden. Sein Schwerpunkt liegt im Bereich der zivilgesellschaftlichen Politikberatung.

 

Literaturhinweise

Peter Patze-Diordiychuk, Paul Renner (Hrsg.)

Methodenhandbuch Bürgerbeteiligung - Moderationsphasen produktiv gestalten

oekom verlag, München, 2019, ISBN: 978-3960061724.

(Abstract | Links | BibTeX)

Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Bürgerbeteiligung, Volksabstimmungen, Parlamentsentscheidungen: Empfehlungen und Praxisbeispiele für ein gutes Zusammenspiel in der Vielfältigen Demokratie

2018.

(Links | BibTeX)

Gisela Erler

Baden-Württemberg auf dem Weg zu einer dynamischen Mitmachdemokratie

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

(Abstract | Links | BibTeX)

Timo Rieg

Repräsentative Bürgervoten dank Teilnehmer-Auslosung

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

(Abstract | Links | BibTeX)

Uta Bronner, Regina Schröter

Was können Unternehmen von Bürgerbeteiligungsverfahren lernen?

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

(Abstract | Links | BibTeX)

Stöbern Sie in unserem Literaturverzeichnis ...

Methodenhinweise

Deliberative Mapping
Beim Deliberativen Mapping entwickeln Fachleute und Bürger gemeinsam in einem konsultativen Verfahren priorisierte Handlungsalternativen zur Bearbeitung eines Konfliktthemas.

Weitere Methoden finden Sie in unserer Methodendatenbank ...