Beteiligungskommunikation

Ein Interview mit Christina Denz zu den Erfolgsfaktoren inklusiver Beteiligungsprozesse

Die Kommunikationsexpertin Christina Denz spricht im Interview mit bipar über strukturelle Voraussetzungen und Erfolgsfaktoren gelingender Beteiligungsprozesse vor dem Hintergrund großer gesellschaftlicher Herausforderungen wie der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele.

Foto: sbamueller via flickr.com , Lizenz: CC BY-SA 2.0

Frau Denz, als Kommunikationsexpertin verfügen Sie über langjährige Erfahrung bei der Umsetzung von Dialogprozessen. Welche Tipps würden Sie jemand geben, der zum ersten Mal ein Beteiligungsverfahren durchführt?

Meine Maxime lautet bei allem, was Beteiligung betrifft: Transparenz. Sie hilft, dass die Erwartungen auf beiden Seiten realistisch bleiben. Deshalb sollten Prozesse, Methoden und Vorgehen klar erläutert und Ziele sowie Absichten offen gelegt werden. Transparenz hilft, Missverständnisse zu vermeiden – und kann am Ende aus allen Beteiligten ehrliche Akteure machen. Das klingt vielleicht ein bisschen altbacken, aber Ehrlichkeit ist für mich der Stoff, aus dem Dialog und Partizipation gemacht sind. Man muss es ehrlich meinen mit den Leuten, die man zum Dialog einlädt. Partizipation als Marketinginstrument funktioniert nicht.

Häufig liest man den Vorwurf, dass Beteiligungsangebote nur einen kleinen sozio-ökonomischen Ausschnitt der Gesellschaft erreichen. Wieso ist es so schwierig, breite Beteiligung zu organisieren?

Da spielen mehrere Faktoren zusammen: Zum einen sind oft schon die Projekte so formuliert, dass sie eben nur eine bestimmte Klientel ansprechen. Überschriften wie „Solidarität und Gerechtigkeit“ oder „Demokratie und Beteiligung“, zwei der Themen beim großen Bürgerforum 2011 des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, sprechen wahrscheinlich nicht gerade jene an, die sich gesellschaftlich abgehängt und ungerecht behandelt fühlen. Das sind abstrakte Inhalte, unter denen sich viele nichts vorstellen können, ich mir übrigens oft genug auch nichts. Also spricht es eher jene an, die ohnehin aktiv sind: bildungsnahe Menschen, die es gewohnt sind, ihre Meinung kundzutun. Das ist aber in der Tat eben nur ein Ausschnitt aus der Bevölkerung.

Dann gibt es viele, die keine oder aus ihrer Sicht keine guten Erfahrungen mit Mitwirkung gemacht haben, weil sie es aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht gewohnt sind, sich einzubringen und mit wildfremden Menschen gemeinsam etwas zu entwickeln. Abstrakte Themen, wie ich sie oben anführte, klingen für sie nach „Stuhlkreis“ und „Diskussionsforum“. Da gehen Vorurteile los, die dazu führen, dass sie sich „zu denen“ nicht zugehörig fühlen.

Und wir müssen uns auch immer fragen: Wen wollen wir eigentlich dabei haben? Ich erlebe immer wieder Projekte, wo es am Ende darum geht, dass die Zahlen stimmen, also dass eine bestimmte Anzahl von Teilnehmenden mitmachen, – egal, wer es am Ende ist. Da greifen manche Projekte auf jene zurück, die ohnehin aktiv sind. Das ist legitim, wenn es dem Thema gerecht wird. Es ist dann aber schade, wenn eigentlich andere angesprochen werden sollten.

Wie können wir künftig mehr Menschen oder auch schwer erreichbare Zielgruppen besser aktivieren?

Zuallererst müssen wir den Menschen Angebote machen, mit denen sie etwas anfangen können. Es muss um etwas gehen, was sie beschäftigt. Und das müssen wir auch so benennen. Bei vielen regionalen Partizipations-Prozessen, zum Beispiel bei Bauvorhaben, bei der Erneuerung eines Spielplatzes oder wenn neue Wege-Konzepte entwickelt werden, sehen wir ja, das es funktionieren kann. Da nehmen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen teil, weil sie das Thema berührt. So lässt sich übrigens nebenbei viel besser Demokratie erleben als über abstrakte Themen.

Und es muss immer auch ums gemeinsame Erleben gehen. Meiner Erfahrung nach steht das sogar im Zentrum von erfolgreichen Partizipationsprozessen. Wenn die Leute spüren, wie es sich anfühlt, mit anderen etwas auf den Weg zu bringen, wenn sie die berühmte Selbstwirksamkeit erfahren, dann schlägt das oft in Begeisterung um – und zwar auf beiden Seiten. Ich erlebe das immer mal wieder, dass sich Teilnehmende und Organisatoren am Ende umarmen, weil die Erfahrung intensiv und neu war. Diese Begeisterung aber hilft, das Thema weiter in den Köpfen zu verankern.

Und das wird meines Erachtens bei der Planung und Konzeption von Dialogprozessen noch zu wenig berücksichtigt. Emotionen kommen in der Partizipation oft zu kurz. Dabei können die schon in den ersten Stufen, zum Auftakt, in der direkten Ansprache der Zielgruppe geweckt werden. Aber es muss dabei aufrichtig zugehen, nicht wie in der Werbung. Diese Echtheit, diese – Achtung – Authentizität von Partizipation, die können wir, glaube ich, noch stärker vermitteln.

Eine Herausforderung, die nur gesamtgesellschaftlich angegangen werden kann, ist die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele: Welche Rolle kann Bürgerbeteiligung bei der Umsetzung spielen?

Die Herausforderung beim Thema Nachhaltigkeit liegt ja darin, Menschen am Ende zu einer Verhaltensänderung zu bewegen. Das ist ein äußerst komplexes Ziel, übrigens auch aus Kommunikationssicht. Der berühmte Dreiklang „informieren – konsultieren – aktivieren“ gilt als Voraussetzung für eine mögliche Verhaltensänderung. Ich selbst spreche lieber von „informieren – aktivieren – begeistern“, weil ich das Moment des positiven Erlebens, des gemeinsamen Lernens in der Gruppe, als viel essentieller ansehe, damit Menschen neue Einsichten und Notwendigkeiten in ihr Leben integrieren. Das ist auch bei dieser Frage noch mal ein Plädoyer für mehr Emotionen in der Partizipation.

Nachhaltigkeit verlangt von uns allen, übrigens nicht nur von den Verbraucherinnen und Verbrauchern, sondern vielleicht noch mehr vom mittleren und oberen Management, von Selbständigen, von Handwerkern, Monteuren und Unternehmen, sich auf neue, notwendige Ziele einzulassen, die man für sich selbst im Leben so nicht wählen würde. Es verlangt ein Miteinander, wenn man es auf einen Punkt bringen will, eine soziale Fürsorge. Die ist in unserer gegenwärtigen Gesellschaft bedroht. Partizipation kann dazu beitragen, diesem demokratischen, sozialen Denken wieder mehr Raum zu geben.

Und welche strukturellen Voraussetzungen braucht es Ihrer Meinung nach dafür?

Ich verstehe Partizipation als eine Art Demokratie-Schule. Und wie in jeder Schule lernen die Organisatoren und die Teilnehmenden voneinander, zum Beispiel, wie man mit unterschiedlichen Meinungen umgeht und klar kommt. Wenn sich beide Seiten aufeinander einlassen, kann das ein wirklich sinnstiftendes Erlebnis sein. Gerade vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Polarisierung wird Partizipation deshalb extrem wichtig.

Und deshalb sollte Partizipation ganz grundsätzlich zur Vorbereitung von Entscheidungen bei allen gesellschaftlichen Themen sofort mitgedacht werden. Es müsste fast schon einen Automatismus und ergo ein Budget geben, so dass die Bürgerinnen und Bürger bei wichtigen Fragen automatisch konsultiert werden, ähnlich wie das in Planungsprozessen bereits der Fall ist. Ein aktuelles Beispiel: Gerade kam die Debatte über eine Umkehr bei der Organspende auf, also, die Frage, ob jeder Mensch automatisch der Organspende einwilligt, sofern er ihr nicht schriftlich widerspricht. Das berührt ein derart essentielles Selbstverständnis des Einzelnen, dass die Entscheidung darüber nicht eine Sache von Sachverständigen bleiben darf. Gerade wenn es um diffuse Ängste, also um Emotionen geht, muss Partizipation als Meinungs- und Demokratieschule politisch mitgedacht werden.

Zur Person

Christina Denz berichtete viele Jahre als Journalistin und Korrespondentin für Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen und Radiostationen aus dem In- und Ausland. Darüber hinaus verantwortete sie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Verbänden und Vereinen und ist Mitbegründerin von Partizip Futur, Netzwerk für Dialog und Beteiligung. Als Konzepterin und Moderatorin wirkt sie bei Dialog- und Partizipationsprozessen mit, daneben gibt sie Seminare unter anderem zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Beteiligungsprozesse bei der Stiftung Mitarbeit. Weitere Infos unter www.partizipfutur.de.