10 Tipps für den Umgang mit Konflikten in Beteiligungsformaten

Foto: Christian V. via Flickr.com , Lizenz: CC BY-ND 2.0

1. Frühzeitig ein Konfliktmanagement implementieren

Konflikte sind in komplexen, modernen Dienstleistungsgesellschaften unvermeidbar und treten in vielerlei Lebenslagen auf. Sich frühzeitig, vor Beginn des Verfahrens genau zu überlegen, welche Konflikte auftreten können und welche Mechanismen Konflikten vorbeugen, ist daher für das Gelingen essentiell. Vor diesem Hintergrund umfasst Konfliktmanagement einerseits Verfahren, die angewendet werden, wenn bereits ein Konflikt vorhanden ist. Andererseits verweist es auf die Wichtigkeit, frühzeitig Strukturen zu schaffen, die die Auftretenswahrscheinlichkeit und Stärke von Konflikten verringern können und im Ernstfall einen Raum für konstruktive Auseinandersetzungen schaffen. Davon auszugehen, dass alle Konflikte von vornherein vermieden werden können, ist weder realistisch, noch produktiv. Ein guter Umgang damit ist es, der es ermöglicht, die Chancen zu nutzen, die Konflikte mit sich bringen.

2. Alle Betroffenen beteiligen

Eine ehrliche Auseinandersetzung mit einem Konflikt kann nicht gelingen, wenn einzelne Konfliktbetroffene ausgegrenzt werden oder sich nicht ernsthaft berücksichtigt fühlen, wie das Beispiel der Beltretter zeigt. Es verdeutlicht auch, das Betroffene sehr gut in der Lage sind, einzuschätzen, ob sie in einem Verfahren ernsthaft beteiligt werden oder lediglich zufrieden gestellt werden sollen. Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Prozess ist daher die Bereitschaft, sich auch mit „unangenehmen“ Beteiligten auseinanderzusetzen, deren Meinungen und Argumente dem Initiator der Beteiligung nicht unbedingt gefallen und alle Betroffenen ehrlich am Prozess teilhaben zu lassen. Hier ist bereits bei der Einladung darauf zu achten, dass möglichst alle Betroffenen erreicht werden.

3. Augenhöhe zwischen den Beteiligten erzeugen

Wenn Konfliktbewältigung gelingen soll, braucht es Augenhöhe zwischen den beteiligten Parteien. Insbesondere dürfen keine Informationsasymmetrien bestehen. Darunter wird in der Wissenschaft eine Situation verstanden, in der einzelne Akteure über deutliche Informationsvorteile gegenüber den Anderen verfügen. Am Beispiel Wiener Flughafenausbaus erläutert der Mediator Dr. Prader die Notwendigkeit, ein Gleichgewicht der Kräfte zu erzeugen. Umgekehrt schaffen anhaltende Informationsnachteile und eine unzureichende Aufbereitung der Daten eine Partizipationsbarriere für beteiligungswillige Laien. Es steigt die Gefahr, dass er sich nicht an der Diskussion beteiligt oder sich gar ganz aus ihr zurückzieht, was besonders vor dem Hintergrund problematisch ist, dass Beispiele die zusätzliche Problemlösungskapazität durch eingebrachtes Bürgerwissen zeigen. Die Informationsarbeit im Vorfeld der Beteiligung ist daher von besonderer Bedeutung.

4. Konflikt als Chance

Konflikte sind nicht nur destruktive Elemente im Verfahren. Allzu oft dominiert gerade aus Sicht des Vorhabenträgers die Haltung, dass es sich bei Protestierenden lediglich um Querulanten handelt. Dabei ist es oft vielmehr so, das sich in Bürgerinitiativen artikulierender gesellschaftlicher Widerstand auf der Überzeugung gründet, dass der eingeschlagene Weg zu einer suboptimalen gesellschaftlichen Lösung führt. Dabei verfügen Betroffene oft über gute Kenntnis der Projektregion, so dass ihre Kritik als Quelle des Fortschritts wirken kann, indem sie den Vorhabenträger auf bisher unbeachtete Probleme hinweist. Konflikte sollten daher vor allem als Chance betrachtet werden, gemeinsam eine bessere Lösung zu entwickelt.

5. Einlassen auf Konflikte

Das positive Konfliktlösungspotential, das aus der Berücksichtigung von Konflikten erwächst, setzt voraus, dass sie nicht verdrängt oder ausgeblendet werden, sondern Eingang in das Verfahren finden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass exkludierte Anspruchsgruppen andere Artikulationskanäle wählen, was gleichermaßen einer gesellschaftlich optimalen Lösung des Konflikts abträglich ist, als auch den sozialen Frieden gefährden kann. Sehen Sie es einmal so: Konflikt bedeutet auch, dass beide Seiten an dem Problem und dessen Lösung interessiert sind, sonst würden sie sich nicht engagieren. Nutzen Sie dieses Potential!

6. Akzeptanz konfligierender Standpunkte

Jede Meinung und Haltung in einem Konflikt hat ihre Berechtigung und reflektiert oft sehr unterschiedliche Werte und Bezugsgrößen. Konfliktbewältigung setzt voraus, dass der Standpunkt der Gegenseite akzeptiert wird und eine ehrliche inhaltliche Auseinandersetzung mit ihm stattfindet. Es ist die Grundlage, um eine zunächst durch verhärtete Fronten gekennzeichnete Situation aufzulösen und über Kommunikation eine Schnittmenge an gemeinsamen Lösungsmöglichkeiten zu schaffen. Hier ist es hilfreich, zwischen der Position, den Argumenten und den dahinter liegenden Interessen zu differenzieren. Oft ist auf den ersten Blick gar nicht erkennbar, dass die Interessen gar nicht in einem Konflikt stehen, weil die Positionen dies erst einmal so aussehen lassen. Die Positionen zu akzeptieren und sich über die dahinter liegenden Interessen zu unterhalten, kann oft zu ganz neuen Erkenntnissen verhelfen.

7. Mediation kann helfen

In verfahrenen Situationen kann der Einbezug eines Mediators helfen. Professionelle Mediatoren können als neutrale Instanz vermittelnd zwischen den Konfliktparteien wirken und sind im zwischenmenschlichen Umgang in Konfliktszenarien geschult. Zudem verfügen sie über Kenntnis spezieller Verfahren, um Konflikte zu bearbeiten und zu gemeinschaftlichen Lösungen zu kommen. Wenn bereits absehbar ist, dass die Thematik zu der eine Bürgerbeteiligung stattfindet konfliktbeladen ist, macht es Sinn, von Anfang an darauf zu achten, dass der Moderator Kenntnisse im Bereich mediativer Methodik mitbringt.

8. Ursachenbereinigung bei hocheskalierten Konflikten

In Konfliktfällen, in denen die höchste Eskalationsstufe erreicht wurde und sich die Betroffenen unvereinbar gegenüberstehen, besteht meistens eine mehrjährige, manchmal  sogar Jahrzehnte andauernde, Vorgeschichte. Eine Überwindung des Konflikts setzt hier zunächst eine ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit voraus, die nicht davor zurückschrecken darf, Fehler und Unrecht klar zu benennen, ehe eine Zusammenarbeit möglich ist [1]. Ein Beteiligungsverfahren kann erst starten, wenn die Bereitschaft zur gemeinsamen Bearbeitung eines Themas bei allen Beteiligten gegeben ist.

9. Maximalen Konsens als Ziel setzen, aber nicht als Notwendigkeit sehen

Ein Beteiligungsverfahren strebt danach, ,,alle Betroffenen ins Boot zu holen“, um Zustimmung oder wenigstens Akzeptanz zum Vorgehen des Beteiligungsverfahrens selber zu generieren. Gerade bei stark emotional aufgeladenen Projekten, die weite Teile der Gesellschaft betreffen, gelingt selten eine Zustimmung aller Beteiligten und wird bisweilen unmöglich sein. Ersatzweise gilt es stattdessen, eine möglichst breite gesellschaftliche Zustimmungsbasis zu erreichen, um das Verfahren abzusichern und spätere Verwerfungen zu verhindern. Dies nimmt jedoch die Vorhabenträger nicht aus der Pflicht, sich stetig um eine Verbreiterung der Zustimmungsbasis zu bemühen und die ehrliche Auseinandersetzung mit den Kritikpunkten derjenigen anzustreben, die sich dem Beteiligungsprozess verweigern.

10. Deeskalation

Forscher modellieren Konfliktprozesse oft anhand von Stufenmodellen. Ziel muss es demnach immer sein, einen Konflikt zu entspannen und schrittweise auf die nächst schwächere Konfliktstufe zu gelangen. Ausführungen zu einem Eskalationsabfolgemodell von Friedrich Glasl finden sich in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung.

 

[1] Dazu sehr zu empfehlen: Ulrike Donats Beitrag im KURSBUCH BÜRGERBETEILIGUNG zur Bürgerbeteiligung im Kontext von Vorleben:
Jörg Sommer (Hg.) (2015): KURSBUCH BÜRGERBETEILIGUNG, Berlin: Verlag der Deutschen Umweltstiftung.

 

Literaturhinweise

Peter Patze-Diordiychuk, Paul Renner (Hrsg.)

Methodenhandbuch Bürgerbeteiligung - Moderationsphasen produktiv gestalten

oekom verlag, München, 2019, ISBN: 978-3960061724.

(Abstract | Links | BibTeX)

Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Bürgerbeteiligung, Volksabstimmungen, Parlamentsentscheidungen: Empfehlungen und Praxisbeispiele für ein gutes Zusammenspiel in der Vielfältigen Demokratie

2018.

(Links | BibTeX)

Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Wegweiser Breite Bürgerbeteiligung: Argumente, Methoden, Praxisbeispiele

2018.

(Links | BibTeX)

Ulrike Donat

Bürgerbeteiligung und Konfliktmanagement

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

(Abstract | Links | BibTeX)

Gisela Erler

Baden-Württemberg auf dem Weg zu einer dynamischen Mitmachdemokratie

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

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