Ausgrenzung bei Online-Beteiligung

Worauf Sie bei der Durchführung von digitalen Beteiligungsformen achten sollten

Das interdisziplinäre Forschungsfeld „digital divide“ entstand in den späten 90er-Jahren und entwickelt seither konzeptuelle Ansätze zur Erklärung unterschiedlicher Technologienutzung.

Die Corona Pandemie führte in den vergangenen zwei Jahren zunehmend zu einer Verschiebung der Diskurse in die digitale Welt. Was zunächst eher Neuland für viele Kommunalpolitiker*innen und Beteiligungspraktiker*innen war, ist heute vertrauter, scheinbar auch einfacher: Die bereits erprobte und funktionsfähige Infrastruktur kann doch für anstehende Projekte wiederverwertet werden? Online-Beteiligung ist ohne ein genaues Wissen über herrschende digitale Ungleichheiten von Bürger*innen jedoch kein probates Mittel für eine breite Partizipation. Steffen Rudolphs „Digitale Medien, Partizipation und Ungleichheit” (2019) beleuchtet zunächst die Ursachen ungleicher Technologienutzung.

Die erste Spaltung der digitalen Gesellschaft

Der first digital divide beschreibt den prinzipiellen Zugang zum Internet und unterscheidet zwischen Onliner*innen und Offliner*innen. Die Verfügung über Bildungskapital und ökonomischem Kapital sowie die soziale Klasse bestimmen vorrangig die Realisierungschancen von Partizipation durch internetbasierte Dienste. Forschungsergebnisse zeigten, dass mit steigender Ausstattung dieser Kapitalien sich die Aussicht darauf erhöht, die Potenziale des Internets zu nutzen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Personenkreise in einer niedrigeren sozialen Position mit einem relativ geringen Set an genannten Kapitalien strukturell und besonders im Kontext von digitaler Partizipation benachteiligt werden. Weiterhin sind soziodemografische Merkmale Triebkräfte der Spaltung: Mit steigendem Alter sinken die Anteile von Personen, die über einen Internetzugang verfügen. Auch haben Männer höhere „Nutzungschancen” als Frauen. Ein Wohnort in urbanen Gebieten erhöht zudem die Teilhabe im Vergleich zu ländlichen Regionen. Bei der überwiegenden Mehrheit der Internetnutzer*innen lässt sich zudem eine Divergenz der Nutzungszeiten feststellen. Die zeitliche Nutzung internetbasierter Dienste nimmt mit steigendem Bildungskapital zu. Anschließend sollte die Sprachbarriere von Menschen nicht unterschätzt werden. Im Kern darf also subsumiert werden, dass vor allem sozioökonomische und soziodemographische Merkmale die politischen Partizipationschancen substanziell beeinflussen. 

Die zweite Spaltung der digitalen Gesellschaft

Auf der zweiten Ebene, dem second digital divide, liegt der Fokus auf den Nutzungsaktivitäten der Onliner*innen. Diese werden in soziale Kontakte, Alltag/Freizeit, Technik und Sport, User-genrated Content, Nachrichten, Konsum, Entertainment, Bildung, Körper und Celebrity, Twitter und Marktplätze geclustert. Forschende erwiesen deutliche Differenzen innerhalb der Onliner*innen bezüglich der Nutzungsaktivitäten. Hier beeinflussen Alter, Geschlecht, Wohnort und Berufstätigkeit ebenso stark die zeitliche Nutzung der unterschiedlichen Aktivitätsfelder. Wichtigste Erkenntnis bleibt, dass eine ungleiche Nutzung der Internetinhalte in verschiedenen Untersuchungsgruppen zu verzeichnen ist. Der inhaltlich verschiedene Konsum übt substanziellen Einfluss auf die Akkumulation von Ressourcen aus, was wiederum den first digital divide reproduziert und verstärkt. 

Demokratische Spaltung als Folge

Sachs et al. (2018) beschreiben das Risiko eines democratic divide als Ergebnis der digitalen Spaltung. Denn ohnehin politisch aktive und engagierte Menschen können mittels digitaler Beteiligungsformate noch einfacher und in höherem Maße an Einfluss gewinnen. Sie sind besser über bestehende Partizipationsmöglichkeiten informiert und geübter in der erfolgreichen Ausführung. Jene Teile der Bevölkerung, die relativ weniger intensiv beziehungsweise kaum am digitalen Raum teilhaben, werden hier abgehängt. Digitale Partizipationsformen müssen deshalb die genannten Charakteristika und Formen des digital divide berücksichtigen, um das Entstehen einer „digitalen Elite” zu verhindern und einen echten, breiten Diskurs zu ermöglichen.

Was wir jetzt schon tun können

Damit eine Beteiligung breit und inklusiv ist, müssen die in den vorherigen Abschnitten präsentierten Barrieren überwunden werden. Die Forschung hat verdeutlicht, dass vor allem Bildung, ökonomisches Kapital und soziale Klasse prägende Faktoren sind, die die Teilhabechance beeinflussen. Soziodemografische Charakteristika wie Alter, Geschlecht oder Region bestimmen ebenso die divergierende Internetnutzung. Die Faktoren wirken zusammen und reproduzieren sich teils gegenseitig. Hier müssen adäquate Techniken zur Überwindung dieser Barrieren entwickelt werden, um Beteiligungsprozesse fair und transparent auszugestalten. Nur so kann eine wünschenswerte Zusammensetzung der Beteiligten erzielt werden. 

Sprachprobleme, beispielsweise im Zusammenhang mit Migration, können auf digitaler Ebene vergleichsweise einfach behoben werden: Es braucht mehr multilinguale Kampagnenwerbungen, Einladungen und Befragungen. 

Um bildungsfernere Gruppen zu aktivieren, eignet sich möglicherweise die Verwendung von einfacherer Sprache. Auch Bürger*innen als Expert*innen zu definieren kann zuträglich sein. Die individuelle persönliche Betroffenheit klarer zu verdeutlichen, kann auch aktivierend Wirken. 

Für Bevölkerungsgruppen mit geringen Zeitressourcen, wie beispielsweise Alleinerziehende oder Menschen im Nacht- oder Schichtbetrieb, bieten sich flexible, asynchrone Online-Verfahren an. Den gesamten Prozess so kompakt wie möglich zu gestalten und die möglichst frühe Bekanntgabe von Terminen ist ebenfalls vorteilhaft.

Barrierefreiheit im digitalen Raum sollte ohnehin zum Standard werden, damit auch potenziell unterrepräsentierten Menschen mit Einschränkungen eine adäquate Teilhabe an politischer Partizipation gewährt wird. 

Mit Blick auf den second digital divide muss die Ansprache, beziehungsweise Werbung für Partizipation in die passenden Kanäle gelenkt werden. Wird älteren Personen die unterdurchschnittliche Verwendung von Social Media attestiert, so macht die Verbreitung einer Kampagne mit relativ ausgewogenen Bevölkerungsgruppen über Social Media Kanäle weniger Sinn. Eine evidenzbasierte Analyse des Zielgruppenverhaltens kann zu mehr Ausgewogenheit innerhalb der Beteiligten sorgen.

Wenn Sie mir mehr über die Wechselwirkungen von Digitalisierung und Demokratie erfahren möchten, freuen wir uns auf Ihre Teilnahme am d3-kongress: Deutschland. Digital. Demokratisch. im November 2022.


Für eine tiefere Einsicht in das Forschungsfeld digital divide im Zusammenhang mit Partizipation nutzten wir:

Rudolph, Steffen (2019): Digitale Medien, Partizipation und Ungleichheit. Eine Studie zum sozialen Gebrauch des Internets. Springer VS. Wiesbaden 2019.

Sachs, Michael; Goraczek, Malgorzata; Rinnerbauer, Bettina; Schoßbock, Judith (2018): Elektronische Bürgerbeteiligung in der Praxis. Anwendungsbeispiele, Chancen und Risiken. In: Maria Leitner (Hrsg.): Digitale Bürgerbeteiligung. Forschung und Praxis – Chancen und Herausforderungen der elektronischen Partizipation. Springer Vieweg. Wiesbaden 2018.