Qualitätssicherung mal anders

Ein Interview mit René Lohe zur partizipativen Qualitätssicherung

René Lohe spricht über Partizipative Garantiesysteme (PGS) und erläutert, wie sich diese von herkömmlichen Garantie- und Zertifizierungsverfahren unterscheiden. Ausgehend vom Beispiel der partizipativen Ökolabels, wird die Bedeutung der PGS auch für andere Anwendungsbereiche aufgezeigt.

Foto: geralt via pixabay.com

Herr Lohe, Partizipative Garantiesysteme sehen Zertifizierungen von nachhaltigen Produktionsverfahren unter Beteiligung der Bauern vor. Wie unterscheidet sich in diesem Kontext ein herkömmlicher von einem partizipativen Zertifizierungsprozess und warum reichen die herkömmlichen Prozeduren nicht aus?

Um diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll sich vor Augen zu führen, was mit “herkömmlicher” Zertifizierung gemeint ist. Gehen wir davon aus, dass hier Zertifizierungen gemeint sind, die die Einhaltung bestimmter Anforderungen und Normen garantieren, sind dies in der Regel Drittparteienzertifizierungen. Im Kontext der Bauern bzw. der Landwirtschaft kommen hier sicherlich Label, wie das Bio-Siegel der EG-Öko-Verordnung, in den Sinn. Vorläufer dieser Label wurden insbesondere in den 70er und 80er Jahren entwickelt und haben eine ganz zentrale Rolle in einer zunehmend globalisierten Marktwirtschaft eingenommen. Denn dadurch, dass verschiedene Lebensmittel zwischen Kontinenten bewegt wurden – denkt man hier zum Beispiel an Kaffee aus Chile oder Tee aus Indien – musste sich auf einheitliche Standards in der Produktion geeinigt werden. Die wohl bekannteste Organisation zur Festlegung von Normen für Produkte und Prozesse ist die International Organization for Standardization, kurz “ISO”.

Wo ist nun der Unterschied zwischen diesen “herkömmlichen”, also den Drittparteienzertifizierungen und den Partizipativen Garantiesystemen? Wie der Name schon signalisiert, setzen Drittparteienzertifizierungen auf die Kontrolle einer “dritten” bzw. externen Partei. Dies ist sinnvoll und fördert vor allem die Neutralität, da es keine Befangenheit der auditierenden Instanzen gibt. Als Bemessungsgrundlage für die Audits dienen vordefinierte Kriterienkataloge entsprechender Ansätze. Ein großer Vorteil dieser standardisierten Methodik ist die präzise Vergleichbarkeit, da die Bewertungskriterien und damit einhergehende Prozesse i.d.R. dieselben sind. Allerdings kann dieser Vorteil auch mit Nachteilen einhergehen, da eine absolute Vergleichbarkeit nicht immer möglich ist. Um mit einer stark vereinfachten Metapher zu arbeiten, die hier ganz gut ins Beispiel passt: “Man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen”. Das ist natürlich etwas überspitzt. Was ich damit eigentlich sagen möchte ist, dass Kleinbauern in Guatemala nicht unbedingt dieselben Bedingungen, Ressourcen und Kapazitäten haben, wie ein professionalisierter Landwirtschaftsbetrieb in Belgien. Kommt also beispielsweise eine akkreditierte Auditorin aus den USA zu dem Farmer in Guatemala, ist nicht immer klar, wie sehr diese mit den lokalen Produktionsbedingungen vertraut ist und inwieweit den lokalen Besonderheiten Rechnung getragen wird. Insbesondere, weil Kriterienkataloge der herkömmlichen Zertifizierungssysteme oft sehr “starr” sind. Neben den lokalen Standortfaktoren sind auch die finanziellen Ressourcen ganz entscheidend, denn alleine für die Auditierung und Zertifizierung entstehen Kosten, die viele –  oft familiengeführte – Kleinbetriebe in wirtschaftlich schwachen Regionen nicht stemmen können.

Ich würde ungern mit der Formulierung verbleiben, dass die herkömmlichen Prozeduren nicht ausreichen. Aber da auch Vertrauen in landwirtschaftliche Produkte solcher Kleinbauern geschaffen werden sollte, bilden alternative, auf Beteiligung der Akteure fokussierte Verfahren eine gute Ergänzung zu den herkömmlichen Zertifizierungen. Im Kern unterscheidet sich die Herangehensweise insofern, dass nicht nur externe Profis, sondern sämtliche Akteure der Wertschöpfungskette, also vom Produzenten, über diverse Stakeholder, wie WissenschaftlerInnen, NGOs und anderen Akteure des Bio- Sektors, bis zu den Konsumenten, in den Prozess der Qualitätssicherung mit einbezogen werden.

Können Sie etwas auf das Prozessdesign bei der Ausgestaltung der Beteiligungsprozesse eingehen? Handelt es sich dabei um standardisierte Formate oder werden diese fallweise bzw. kontextabhängig gestaltet?

Wie der Name schon verdeutlicht, bildet Partizipation das Fundament der Partizipativen Garantiesysteme. Das fängt bereits vor der eigentlichen Anwendung des Zertifizierungsverfahrens an, denn auch die grundlegenden Standards, Werte und Prozessabläufe eines PGS werden gemeinschaftlich mit allen Stakeholdern definiert. Im Kontext der Bio-Produkte sind neben den Landwirten also beispielsweise auch Konsumenten, NGOs, WissenschaftlerInnen und andere Akteure des Bio-Sektors an Kontroll- und Zertifizierungsentscheidungen sowie den dazugehörigen Zertifizierungsprozeduren involviert. Im ersten Schritt organisieren sich die genannten Akteure i.d.R. als “Grassroots”-Bewegung, die sich mit einer gemeinschaftlichen Vision dazu entschließt ein PGS aufzubauen. Gemeinsam einigt man sich auf anvisierte Standards, Prozeduren und Verpflichtungen, die die Weichen für die operative Zusammenarbeit legen. Wie dabei die Formate genau aussehen ist Auslegungssache, jedoch kreiert jedes PGS gewisse Standardabläufe unter Berücksichtigung der Kontextfaktoren. Ein fundamentaler Ansatz vieler PGS sind dabei Schulungen und Workshop-Formate, in denen sich sowohl die Farmer als auch die anderen beteiligten Akteure Informationen zur Praxis im ökologischen Landbau austauschen. Dies ist ein ganz entscheidender Bestandteil der PGS, da durch den gegenseitigen Informations- und Wissensaustausch Sensibilität, Bewusstsein und zusätzliche Expertise für ökologische Landwirtschaft gefördert werden. Davon profitieren nicht nur die Farmen, sondern alle beteiligten Stakeholder. Neben Formaten für das gegenseitige Lernen, gibt es auch Vorort-Besuche “im Feld”, in denen mittels zuvor definierten Checklisten die Standards geprüft werden. Diese Form der Vor-Ort-Beteiligung ist ebenfalls hilfreich, um die Akteure näher an das Thema heranzuführen und das Bewusstsein und die Kompetenzen für Bio-Produkte zu schulen. Die kooperative Zusammenarbeit schafft dabei einen Bezug zwischen den Konsumenten und den Bauern, was ebenfalls Vertrauen und Konnektivität schürt. Vor allem für Menschen, die gerne wissen möchten, wo ihre Lebensmittel herkommen, ist dies ein positiver Nebeneffekt.

Um noch einmal auf den letzten Teil Ihrer Frage zurückzukommen.

Ich gehe davon aus, dass sich im Laufe der Zeit einige Prozesse und Abläufe etabliert haben. Da die PGS-Community einen hohen Wert auf gegenseitiges Lernen und den Austausch guter Praxis legt, ist es gut möglich, dass übertragbare Prozesse adaptiert werden. Als komplett standardisiert würde ich diese Verfahren jedoch nicht bezeichnen. Durch die partizipative Ausgestaltung eines PGS wird viel Raum für Kontextualisierung geschaffen, der in der Praxis sicherlich auch genutzt wird.

Zertifizierungen werden sich vermutlich aufgrund von Kontextfaktoren für Bauern aus unterschiedlichen Regionen und Ländern jeweils voneinander unterscheiden. Wie wird vor diesem Hintergrund Transparenz und Vergleichbarkeit geschaffen?

Das ist korrekt. Genau darin besteht auch eines der Herausstellungsmerkmale der PGS-Label. Es sind eben diese Kontextfaktoren, die eine Vergleichbarkeit enorm schwierig machen. Wie eben bereits erwähnt, gibt es fundamentale Unterschiede zwischen dem Kleinbauern in Guatemala und dem Landwirtschaftsbetrieb in Belgien. Um diesen Besonderheiten Sorge zu tragen, grenzen sich PGS gezielt von einer “one-fits-all”-Betrachtung ab und legen hohe Aufmerksamkeit auf die lokalen Bedingungen. Damit trotzdem ein hohes Vertrauen in die PGS-Label geschaffen wird, folgen die Systeme einem auf Integrität basierenden Ansatz, der festgelegten Leitprinzipien folgt:

  • eine geteilte Vision aller am System beteiligten Stakeholder
  • intensive Partizipation, beim Aufbau des Systems, sowie bei der Anwendung
  • ein horizontaler Dialog auf Augenhöhe und ohne Hierarchien – alle Meinungen zählen
  • ein stetiger Lernprozess, der durch den kontinuierlichen Austausch gefördert wird
  • Zusicherungen durch die Landwirte, i.d.R. durch offizielle Bürgschaften
  • Transparenz

Wie ernst es Partizipative Garantiesysteme mit der Transparenz meinen, wird vor allem daran deutlich, dass die Bewertungsmethoden und Ergebnisse i.d.R. offengelegt werden. Im Vergleich zu vielen Drittpartei-Systemen ist dies doch eher ungewöhnlich. Sowohl bei Schulungen, als auch bei Workshops und Vor-Ort-Kontrollen, können zu jedem Zeitpunkt Informationen eingesehen und kritische Rückfragen gestellt werden. Der Zugang zu relevanten Informationen, wie bspw. die Liste der zertifizierten Produzenten, Informationen zu den Farmen und Bauernhöfen oder korrektiven Aktivitäten, wird dabei nicht nur den PGS-Stakeholdern, sondern i.d.R. einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht – zum Beispiel durch Websites, Aushänge oder in Form von öffentlichen Statements.

Wir haben erfahren, dass Sie derzeit in einem Projekt forschen, dass die Anwendbarkeit der PGS-Methodik in der Zertifizierung von Gebäuden prüft. Wie kommt es zu dieser Überlegung und wie würden Sie die Übertragbarkeit auf die Gebäudezertifizierung einschätzen?

Das ist ebenfalls richtig – hier liegt tatsächlich der Ursprung für mein Interesse an Partizipativen Garantiesystemen. Ähnlich wie bei den Zertifizierungen und Bio-Labels für ökologisch erzeugte Lebensmittel, gibt es auch für energieeffiziente Gebäude oder nachhaltige Stadtplanung Zertifizierungsverfahren und entsprechende Gütesiegel. Auch bei diesen Zertifizierungen ist es nicht immer einfach, an verschiedenen geografischen Orten mit denselben Standards zu messen. Wieder an einem einfachen Beispiel verdeutlicht: Gebäude in Skandinavien haben einen vergleichsweise hohen Energieaufwand zum Heizen, wohingegen Gebäude in südländischen Regionen vergleichsweise viel Energie zum Kühlen und Temperieren der Räume aufwenden. Welche Indikatoren und Gewichtungen in Bezug auf Energieeffizienz, Umweltfreundlichkeit oder den Einsatz von erneuerbaren Energien bei einzelnen Gebäude-Labeln verwendet werden, kann auch in diesem Sektor weit voneinander abweichen. So gibt es alleine in Europa mehr als 80 verschiedene Label mit 80 verschiedenen Kriterienkatalogen. Ich selbst engagiere mich in einer Initiative, die eine Annäherung dieser Kriterien unterstützt und in diesem Zuge höhere Standards für Nachhaltigkeitsfaktoren in der gebauten Umwelt fördert. Dies ist nicht immer einfach, denn über Indikatoren und deren Gewichtung lässt sich bekanntlich streiten. Im Rahmen der europäischen Zusammenarbeit diskutieren wir bereits seit mehreren Jahren Indikatoren und Standards und gelangen schrittweise zu einer Harmonisierung bestimmter Leitindikatoren. Neben Bewertungsgrundlagen zu Kennwerten zum Primärenergieverbrauch oder Emissionswerten, gab es auch eine weniger technische, jedoch nicht minder wichtige Bewertungsgrundlage: Relevante Partizipation von Stakeholdern an Planungsprozessen. Die Grundlage der Argumentation war hier vor allem, dass die Planung nicht nur den “Profis” überlassen wird, sondern sämtliche Stakeholder eines Gebäudes am Planungsprozess beteiligt werden.

Hierzu fällt mir ein Zitat ein, dass ich in einem Gespräch zwischen einem Architekt und Planer der CESBA-Association und den Bauherren, bzw. Nutzern eines öffentlichen Bauprojekts aufgeschnappt habe: “Überlegt euch gut, wie ihr das hier gestalten wollt. Wenn ich hier fertig bin, bin ich weg. Ihr bleibt.”

Die Fragestellung war also, wie man die Menschen besser in die Planung und Erstellung nachhaltiger Gebäude einbeziehen kann. Der französische Projektpartner, envirobatBDM, hatte das Thema besonders stark auf der Agenda und sich von der Idee und dem Ansatz der Partizipativen Garantiesysteme inspirieren lassen. Das Modell aus der ökologischen Landwirtschaft wurde dabei auf das Bau-Szenario angepasst: Statt Lebensmittel werden Gebäude zertifiziert – und statt der Bauern sind in diesem Fall Hauseigentümer, Architekturbüros und Lieferanten der Baumaterialien für ein „gutes“ Ergebnis verantwortlich. Die Akteure, die in diesem Fall von dem Ergebnis profitieren und demnach eingebunden werden, sind die Nutzer der Gebäude. Auch hier werden gemeinschaftliche Visionen sowie entsprechende Standards und Prozesse festgelegt. Solche Standards können auch über dem Niveau von allgemeinen Standards – wie bspw. Richtlinien für energieeffiziente Bauweise oder den Standards etablierter Drittpartei-Zertifizierungen – liegen. An dieser Stelle möchte ich übrigens betonen, dass ich persönlich nicht für eine „Abschaffung“ von Drittpartei-Zertifizierung bin. Ich selbst arbeite im Umfeld verschiedenster Zertifizierungsmethoden und Standards und befürworte diese in großen Teilen. Allerdings ergänzen die Partizipativen Garantiesysteme die herkömmlichen Methoden durch den Aufbau von gemeinschaftlich aufgebautem Vertrauen. Dieses Vertrauen wird insbesondere durch intensive Kommunikation und Kooperation geschaffen.

Zudem werden die Kompetenzen durch diese Formen der Partizipation erhöht. Im Gebäudesektor können Nutzer bspw. auch lernen, welche Möglichkeiten zum Energiesparen jenseits der technischen Optimierung der Gebäude vorhanden sind. So kann durch bewusstes Nutzerverhalten im Rahmen von Heizen, Lüften oder Kühlen ebenfalls Energie eingespart und die Umwelt entlastet werden. Zudem sorgt die Beteiligung für Mitspracherecht und Geltung sowie Empathie und Verständnis. Ich bin sicher, dass die partizipativen Ansätze der PGS nicht nur positive Effekte in der gebauten Umwelt oder im Ökologischen Landbau haben, sondern auf viele weitere Felder ausgeweitet werden können – insbesondere solche, in denen wir uns als Gesellschaft „nachhaltiger“ verhalten können.

Zur Person

René Lohe ist assoziiertes Mitglied des Bipar und beteiligt sich dort maßgeblich an der Entwicklung eines Qualitätsmanagementsystems zur Evaluierung “guter Partizipation”. Als Vorstandsmitglied der europäischen Initiative CESBA (Common European Built Environment Assessment), forscht Herr Lohe derzeit in einem Projekt, dass die Anwendbarkeit Partizipativer Garantiesysteme in der Bewertung und der Zertifizierung von Bauprojekten prüft.

Literaturhinweise

Kirsten Fründt, Ralf Laumer (Hrg.) (Hrsg.)

Mitreden: So gelingt kommunale Bürgerbeteiligung - ein Ratgeber aus der Praxis

Büchner Verlag, 2019, ISBN: 978-3-96317-158-1.

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Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Wegweiser Breite Bürgerbeteiligung: Argumente, Methoden, Praxisbeispiele

2018.

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Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Bürgerbeteiligung, Volksabstimmungen, Parlamentsentscheidungen: Empfehlungen und Praxisbeispiele für ein gutes Zusammenspiel in der Vielfältigen Demokratie

2018.

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Allianz Vielfältige Demokratie/Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)

Bürgerbeteiligung - Praxisberatung für die Kommunalpolitik: Handreichung für die Weiterbildung von Kommunalpolitikern

2018.

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Esther Hoffmann, Wilfried Konrad, Franziska Mohaupt

Partizipative Produktentwicklung bei drei Energieversorgungsunternehmen

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

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