Potenziale dialogischer und direktdemokratischer Bürgerbeteiligung

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„Citizen participation is at the heart of democracy” (Verba et al. 1995: 169). Beteiligung ist demnach – neben der Gewaltenteilung – ein, wenn nicht sogar das zentrale Merkmal einer Demokratie. Die Begriffe „Bürgerbeteiligung“ beziehungsweise „Partizipation“ stehen dabei für vielfältige Aktivitäten von Bürgerinnen und Bürgern. Sie sind Teil eines umfassenderen Konzeptes. Es reicht von bürgerschaftlichem Engagement über verfasste Beteiligungsformen wie Wahlen und eine Parteimitgliedschaft bis hin zu unverfassten Beteiligungsformen wie Demonstrationen oder Unterschriftenaktionen (vgl. unter anderem van Deth 2009). Aktuell debattiert wird in Theorie und Praxis weniger das ob von Bürgerbeteiligung. Vielmehr geht es um die Frage, in welchen Formen und wie umfangreich sich Bürgerinnen und Bürger an der Vorbereitung von politischen Entscheidungen beziehungsweise direkt an ihnen beteiligen sollten.

Warum ist die Diskussion über Beteiligung so aktuell? Vor allem bei Demokratietheoretikern wie Benjamin Barber (1994) oder Mark Warren (2002) wird die Diskussion über mehr Bürgerbeteiligung meist verknüpft mit Globalisierungs- und Differenzierungsprozessen, mit denen viele demokratische Gesellschaften heute konfrontiert sind und die ihre Legitimation gefährden. So werden im Rahmen der zunehmenden Globalisierung verstärkt Aufgabenkompetenzen von nationalen Regierungen auf supranationale Strukturen verschoben. Der Einfluss einzelner nationaler gewählter Regierungen auf die zu treffenden Entscheidungen sinkt damit und folglich auch der Einfluss der Bürgerinnen und Bürger, diese Entscheidungen zu kontrollieren (vgl. Warren 2002: 683 f). Die Ausweitung der Bürgerbeteiligung soll angesichts dieser Veränderungen die Einflussverluste der Bürger auf politische Entscheidungen höherer Systemebenen kompensieren und den Bürgern ein Mindestmaß an Kontrollmöglichkeiten gegenüber der Politik sichern (vgl. auch Dahl 1994: 33).

Mehr Bürgerbeteiligung wird in modernen, pluralistischen Gesellschaften aber auch als Möglichkeit gesehen, trotz zunehmender Individualisierungs- und Differenzierungsprozesse weiterhin zu gemeinsamen Problemlösungen zu gelangen. Diese werden schwieriger nicht zuletzt auf Grund des Schwindens gemeinsamer Werte und Normen, auch wenn die sich inzwischen herausgebildeten Governance-Strukturen vielfältige Kommunikations-, Koordinierungs- und Steuerungsleistungen erbringen (Warren 2002: 684 f).

Schließlich wird die Diskussion um mehr Bürgerbeteiligung auch geführt vor dem Hintergrund zunehmender Legitimations- und Akzeptanzproblemen in modernen Demokratien. Hierbei geht es nicht nur um einzelne politische Entscheidungen, sondern auch um die Anerkennung des repräsentativ-demokratischen Ordnungsmodells als solches: “Survey evidence shows many citizens in the West are becoming more critical of their political leaders, of their main institutions of government, and of their systems of democracy. … extensive evidence suggests that many, not all, western citizens are becoming more skeptical about their democracies, more detached from parties, less trustful of political leaders, and less supportive of their system of government and political institutions.“ (Newton 2012: 4)

Die Erwartungen von Politik und Öffentlichkeit an „mehr Bürgerbeteiligung“ sind folglich hoch: Mehr Bürgerbeteiligung soll beispielsweise

• die Identifikation mit der jeweiligen Gemeinschaft stärken und beim Einzelnen Verständnis für gemeinsame Probleme in Gesellschaft und Politik entwickeln;

• die Qualität von Entscheidungsprozessen erhöhen durch die Aktivierung und Einbeziehung von zusätzlichem Wissen;

• für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Verwaltungen mehr Informationen über die Interessen der Bürgerschaft bringen, um Planungen und die Umsetzung von Vorhaben zu erleichtern;

• für die politischen Entscheidungsträger mehr Informationen über die Interessen in der Bevölkerung bringen als Entscheidungsgrundlage und um längerfristig mehr Anerkennung durch die Bürgerschaft zu erfahren;

• die Zufriedenheit der beteiligten Bürgerinnen und Bürger mit den jeweiligen Planungsprozessen und -ergebnissen stärken und damit zu mehr Akzeptanz von Entscheidungen führen;

• ein Mindestmaß an Kontrolle der Politik sichern und den Bürgern zeigen, dass sie noch immer Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen können.

Ob Bürgerbeteiligungsverfahren diese Erwartungen aber tatsächlich erfüllen können, wird selten gefragt (vgl. zum Beispiel Selle 2013). Deshalb steht diese Frage im Fokus unserer Untersuchung im Rahmen des Demokratie-Monitorings 2013/14 der Baden-Württemberg Stiftung, bei der es um die Wahrnehmung von Beteiligungswirkungen am Beispiel von 24 dialogorientierten Beteiligungs- und direkt-demokratischen Mitentscheidungsmöglichkeiten in Baden-Württemberg geht.1 Dialogorientierte Verfahren finden im Vorfeld politischer Entscheidungen statt. Sie bieten den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, ihre Interessen in Planungsprozesse einzubringen, wenngleich die Entscheidungskompetenzen bei den gewählten Vertretern bleiben. Diese an Dialog und Mitgestaltung orientierten, freiwilligen Beteiligungsformate werden in der lokalen Politik bereits häufig genutzt (Holtkamp et al. 2006). Direktdemokratische Beteiligungsverfahren eröffnen den Bürgerinnen und Bürger demgegenüber die Möglichkeit, unmittelbar über Sachfragen entscheiden zu können (vgl. Schiller und Mittendorf 2002; Kost 2008). Im ersten Schritt wird erläutert, welche Folgen von Bürgerbeteiligung in der Literatur diskutiert werden. Anschließend werden Ergebnisse des Forschungsprojektes präsentiert, bei dem die wahrgenommenen Wirkungen dieser Verfahren vergleichend untersucht wurden.

Welche Wirkungen werden von Bürgerbeteiligung erwartet?

Bislang gibt es kaum systematische Konzeptionalisierungen der Wirkungen, die in der Literatur von Bürgerbeteiligung erwartet werden.2 Um die dort genannten Wirkungen zusammenzufassen und damit besser untersuchen zu können, unterscheiden wir sie anhand einer „Objektdimension“ und einer „Generalisierungsdimension“ (vgl. Abbildung 1). Die „Objektdimension“ unterscheidet, auf wen oder was sich die jeweilige Wirkung bezieht. Dabei geht es einerseits um Wirkungen auf die Bürger, ihre politischen Kompetenzen, Einstellungen und Werte, und andererseits um Wirkungen auf die Politik, im Besonderen Wirkungen auf die jeweiligen Ergebnisse (policy) oder das Verhalten der Akteure (politics). Die zweite Dimension ist die „Generalisierungsdimension“. Sie verdeutlicht, dass Wirkungen sich in ihrer Wirkungstiefe über die Zeit und über Beteiligte beziehungsweise Nicht-Beteiligte hinweg unterscheiden. Zum einen können sich Wirkungen direkt auf das jeweilige Verfahren und sein Ergebnis beziehungsweise die Teilnehmenden beziehen (verfahrensbezogene Wirkungen). Zum anderen können sich die Wirkungen jedoch über die Zeit und über die Intensität der Anwendung verschiedener Beteiligungsverfahren von einzelnen Verfahren lösen und damit auch bei Bürgern oder Entscheidungsträgern sichtbar werden, die selbst nicht am Verfahren teilgenommen haben (generalisierte Wirkungen). Anhand dieser beiden Dimensionen ergeben sich vier Wirkungsfelder von Bürgerbeteiligung:

Abbildung 1: Die vier Wirkungsfelder von Bürgerbeteiligung (eigene Darstellung).

Abbildung 1: Die vier Wirkungsfelder von Bürgerbeteiligung (eigene Darstellung).

1. Verfahrensbezogene Wirkungen auf das Politikergebnis: Diese Wirkungen sind eng verbunden mit einem konkreten Beteiligungsverfahren. Sie beziehen sich auf die Ergebnisse der Prozesse hinsichtlich ihrer Qualität (Effizienz, Effektivität) sowie ihrer Akzeptanz in verschiedenen Akteursgruppen.

2. Verfahrensbezogene Wirkungen auf die Bürgerinnen und Bürger: In diesem Fall geht es um Veränderungen der politischen Kompetenzen, Einstellungen und Werte der Bürgerinnen und Bürger, die im direkten Zusammenhang mit einem konkreten Beteiligungsprojekt stehen und damit in erster Linie auf die Teilnehmenden beschränkt sind.

3. Generalisierte Wirkungen auf die Prozesse und die politischen und administrativen Akteure: Die Wirkungen sind nicht mehr an einzelne Verfahren gebunden. Hierzu zählen einerseits generelle Veränderungen in der Performanz von Politik und Verwaltung ebenso wie Veränderungen im Verhalten der Eliten (zum Beispiel höhere Sensibilität und Aufgeschlossenheit gegenüber Interessen der Bürger).

4. Generalisierte Wirkungen auf Seiten der Bürgerinnen und Bürger: Diese Wirkungen sind ebenfalls losgelöst von einzelnen Beteiligungsprozessen und umfassen Veränderungen der „politischen Kultur“ oder des „Sozialkapitals“.

Wie untersuchen wir die Wirkungen von Bürgerbeteiligung?

Wenn im Folgenden von Wirkungen die Rede ist, handelt es sich um wahrgenommene Wirkungen auf Seiten verschiedener Akteure aus Politik, Verwaltung und Bürgerschaft. Um mehr über die subjektive Wahrnehmungen der Verfahrenswirkungen zu erfahren, wurden 118 leitfadengestützte Interviews geführt zu 24 direkt-demokratischen und dialogorientierten Beteiligungsverfahren (Fälle) in zwölf baden-württembergischen Kommunen, die während der letzten fünf Jahre stattgefunden haben. Bei der Auswahl der Fälle wurde darauf geachtet, dass sich die Beteiligungsprojekte hinsichtlich ihres lokalen Kontextes, ihres Policy-Bereiches (zum Beispiel Soziales, Städtebau, etc.), ihrer Größe (Anzahl der Beteiligten) und der Art des Verfahrens (Runde Tische, Zukunftskonferenz, etc.) unterscheiden. Zudem unterscheiden sich die ausgewählten Dialogprozesse hinsichtlich des Konfliktpotenzials, das mit ihnen verbunden ist (vgl. Abb. 2): Bei den Dialog-Projekten mit niedrigem Konfliktpotenzial geht es entweder um längerfristige, strategische oder soziale Themen, bei denen kaum akute Betroffenheiten während des Projektes entstehen. Folglich gibt es keine Verlierer und in Folge dessen ist das Konfliktpotenzial gering. Bei den Dialog-Projekten mit hohem Konfliktpotenzial kommt es in der Regel zu akuten Betroffenheiten einzelner Individuen oder Gruppen, die sich in Form von Gewinnern und Verlierern abbilden lassen. Die Themen sind häufig politisch aufladbar und führen fast zwangsläufig zum Konflikt, der unterschiedlich intensiv sein kann oder sich auch erst langsam aus einer vergleichsweise konfliktfreien Situation heraus entwickeln kann. Ein hohes Konfliktpotenzial ist häufig mit Infrastrukturprojekten verbunden. Die Interviews wurden anschließend transkribiert und mit der Analysesoftware MAXQDA vercodet.

Die folgenden Analysen beruhen auf unseren Beobachtungen sowie auf insgesamt 1.447 Wirkungsaussagen, die in den 118 Interviews gemacht wurden. Wir interpretieren im Folgenden die Häufigkeit der wahrgenommenen Wirkungsaussagen als Orientierungsgröße für die Wirkungsrichtung der unterschiedlichen Beteiligungsprozesse, indem wir die Zahl der Nennungen in Bezug zu allen wahrgenommenen Wirkungsaussagen setzen, die einem Beteiligungstyp zugeschrieben werden.

Abbildung 2: Typen von Beteiligungsprozessen und unsere Fallauswahl (eigene Darstellung).

Abbildung 2: Typen von Beteiligungsprozessen und unsere Fallauswahl (eigene Darstellung).

Welche Wirkungen hat Bürgerbeteiligung aus der Sicht von Beteiligten?

1. Welche Wirkungen werden wie wahrgenommen?

Am häufigsten werden von unseren Interviewpartnern positive Wirkungen wahrgenommen, wie beispielsweise:

„Es wurde sehr, sehr viel an Vertrauen geschaffen an diesem Prozess. Sehr, sehr viele Vorurteile abgebaut … indem einfach deutlich wurde: auch wir unterliegen gewissen Zwängen, als Stadtverwaltung.“

Die Nennung negativer Wirkungen ist um ein Vielfaches geringer. Ein Beispiel für eine negative Wirkungswahrnehmungen ist beispielsweise:

„Es hat eine enorme Spaltung gebracht in der Bevölkerung, … die Gegner und die Befürworter, die haben sich dann nicht mehr angeschaut, danach. Da sind wirklich Feindschaften entstanden.“

Allerdings gibt es auch differenzierte, neutrale Aussagen, die weder eindeutig positiv noch negativ einzuordnen sind, wie:

„Es ist ein Dokument dabei herausgekommen, was jetzt noch … umgesetzt werden muss. Es hat auf jeden Fall viele Stunden der Bürger verbraucht … plus die Kosten für die Moderation, plus die Kosten für den Prozess, plus die Verwaltungsarbeit. Von daher muss man gucken, was daraus gemacht wird. Erst dann kann man sagen, dass war erfolgreich.“

Insgesamt zeigen diese Beispiele, dass Bürgerbeteiligung vielfach mit positiven Folgen belegt wird, sich der Zustand unter Umständen aber auch verschlechtern oder unverändert bleiben kann und die Dominanz der positiven Wirkungen dadurch relativiert wird, dass in der Summe unserer Äußerungen nahezu ähnlich viele neutrale und negative Wirkungen genannt wurden. Dieses Ergebnis sollte zudem vorsichtig interpretiert werden: Zum einen führt das momentane Meinungsklima in Baden-Württemberg in unserer Wahrnehmung häufig zu einem wahrnehmbaren Positiv-Bias in der Beurteilung von Bürgerbeteiligung. Zum anderen dominieren in unserer Auswahl Fälle, „die man kennt“. Dies sind in der Regel erfolgreiche Prozesse.

Über misslungene Beteiligungsprozesse wird zumeist geschwiegen. Unsere Ergebnisse zeigen damit eher eine etwas optimistischere Sicht von Bürgerbeteiligungsprozessen, während in der Realität die negativen Erfahrungen vermutlich stärker sind als es hier sichtbar wird.

2. In welchen Bereichen werden Wirkungen wahrgenommen?

Grundsätzlich finden wir zu allen vier Wirkungsbereichen Äußerungen. Diese sind mehrheitlich positiv, wenngleich die Zahl der neutralen und negativen Wirkungswahrnehmungen zusammengenommen den positiven Wirkungswahrnehmungen nahezu ähnlich ist (vgl. Abbildung 3).

Verglichen mit allen Wirkungsaussagen, die unsere Interviewpartner machten (N=1.457), fallen die meisten in die Gruppe der verfahrensbezogenen Wirkungen, die die Politik betreffen (N=620). Verfahrensbezogene Wirkungen, die die Beteiligten betreffen, werden etwa halb so oft wahrgenommen (N=338). Generalisierte Wirkungen werden insgesamt deutlich seltener wahrgenommen.

Abbildung 3: Positive, negative und neutrale Wirkungswahrnehmungen nach Wirkungsfeldern (eigene Darstellung). Dargestellt werden die relativen Anteile der negativen, positiven und neutralen Wirkungen in Bezug auf alle Wirkungsaussagen innerhalb der Wirkungsbereiche. Politik. Anzahl der Codings N=1457 (alle Aussagen, verfahrensunabhängig).

Abbildung 3: Positive, negative und neutrale Wirkungswahrnehmungen nach Wirkungsfeldern (eigene
Darstellung). Dargestellt werden die relativen Anteile der negativen, positiven und neutralen Wirkungen
in Bezug auf alle Wirkungsaussagen innerhalb der Wirkungsbereiche. Politik. Anzahl der Codings
N=1457 (alle Aussagen, verfahrensunabhängig).

3. Wie wirken unterschiedliche Formen von Beteiligungsprozessen?

Bei Dialogen mit niedrigem Konfliktpotenzial ist die relative Wahrnehmung positiver Wirkungen am häufigsten, bei Bürgerentscheiden am geringsten, obwohl auch hier die positiven Nennungen verglichen mit neutralen und negativen Nennungen sehr häufig sind. Umgekehrt werden negative Folgen von Beteiligungsprozessen am intensivsten bei Bürgerentscheiden wahrgenommen, während bei Dialogen mit niedrigem Konfliktpotenzial nahezu keine negativen Wirkungen wahrgenommen werden. Dialoge mit hohem Konfliktpotenzial liegen in der Wahrnehmung ihrer Wirkungen dazwischen (vgl. Abbildung 4).

Abbildung 4: Wahrgenommene Wirkungen bei den Typen von Beteiligungsprozessen (eigene Darstellung). Anmerkung: Die Prozentwerte beziehen sich jeweils auf alle Wirkungsaussagen innerhalb eines Falltyps. Anzahl der Codings insgesamt N=1.142.

Abbildung 4: Wahrgenommene Wirkungen bei den Typen von Beteiligungsprozessen (eigene
Darstellung). Anmerkung: Die Prozentwerte beziehen sich jeweils auf alle Wirkungsaussagen innerhalb
eines Falltyps. Anzahl der Codings insgesamt N=1.142.

Bei Dialogen mit niedrigem Konfliktpotenzial ist der Wirkungskorridor vergleichsweise schmal (vgl. Abbildung 5): Es gibt so gut wie keine negativen Wirkungen. Gleichzeitig ist die positive Wirkungstiefe durch die geringe Mobilisierungskraft beschränkt. Bei Bürgerentscheiden kann durch die starke Polarisierung eine Kluft in der Kommune verfestigt werden. Umgekehrt führt der Prozess zu einer klaren Entscheidung und unter Umständen zu einem veränderten Verhalten der administrativen und politischen Eliten. Der Wirkungskorridor ist damit deutlich größer als bei den Dialogen mit niedrigem Konfliktpotenzial. Am größten ist auf Grund unserer Beobachtungen der potenzielle Wirkungskorridor bei Dialogen mit hohem Konfliktpotenzial: Sie bringen im schlechtesten Fall neben der Konfliktverstärkung nicht einmal eine klare Entscheidung. Im besten Fall können Sie aber Wirkungen in die Stadtgesellschaft hinein bewirken über das einzelne Verfahren hinaus (Aufbau von gegenseitigem Vertrauen und Responsivität).

Abbildung 5: Die Wirkungskorridore der verschiedenen Beteiligungsverfahren (eigene Darstellung).

Abbildung 5: Die Wirkungskorridore der verschiedenen Beteiligungsverfahren (eigene Darstellung).

Fazit

Momentan wird viel über „neue“ Beteiligungsformen diskutiert und es werden hohe Erwartungen an sie geknüpft. Unsere Untersuchung zeigt, dass einige dieser Erwartungen tatsächlich erfüllt werden können. Bürgerbeteiligung erzielt Wirkungen in allen vier von uns definierten Wirkungsfeldern. Dominant sind die verfahrensbezogenen Wirkungen. Größtenteils werden positive Wirkungen wahrgenommen. Es gibt aber auch neutrale und negative Wirkungswahrnehmungen, die unter anderem mit der Konflikthaftigkeit des jeweiligen Prozesses zusammenhängen.

Die Ergebnisse legen nahe, dass die verstärkte Nutzung neuer Formen von Bürgerbeteiligung ein sinnvoller Weg ist, um die repräsentativen Demokratien zu unterstützten. Sie können positiv wirken sowohl auf die Ergebnisse von Entscheidungsprozessen, als auch auf das Verhalten und die Einstellungen verschiedener Akteure. Sie haben darüber hinaus auch das Potenzial, längerfristige Veränderungen in einer Kommune hervorzurufen. Allerdings muss diesbezüglich auch gesehen werden, dass Stadtgesellschaften sich in ihrer Zusammensetzung über die Jahre verändern. Generalisierte Wirkungen von Bürgerbeteiligung (zum Beispiel die Veränderungen der politischen Kultur) sind kumulative Prozesse, die auf längerfristigen Erfahrungen beruhen. Sie benötigen entsprechende Träger dieser Erfahrungen und deren Weitergabe. Verändert sich aber die Zusammensetzung der Akteure in einer Kommune, können bisherige Beteiligungserfahrungen und -kompetenzen auch verloren gehen. Insofern stellt sich die Frage, ob zukünftig beispielsweise durch die Entwicklung und Implementation von Leitlinien für kommunale Bürgerbeteiligung (vgl. Klages/Vetter 2013) die Verstetigung von Beteiligungsprozessen dauerhaft unterstützt werden kann.

Literatur

  • Barber, Benjamin R. 1994: Starke Demokratie. Über die Teilhabe am Politischen. Rotbuch Verlag, Hamburg.
  • Dahl, Robert A. 1994: A Democratic Dilemma. System Effectiveness versus Citizen Participation. In: Political Science Quarterly, 109. Jg. 1/1994, 23-34.
  • Holtkamp, Lars; Bogumil, Jörg und Kißler, Leo 2006: Kooperative Demokratie. Das politische Potenzial von Bürgerengagement. Campus Verlag, Frankfurt.
  • Kost, Andreas 2008: Direkte Demokratie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
  • Newton, Kenneth 2012: Curing the democratic malaise with democratic innovations. In: Brigitte Geißel und Kenneth Newton (Hrsg.), Evaluating democratic innovations. Curing the democratic malaise? Routledge Chapman & Hall, New York, 3-20.
  • Schiller, Theo; Mittendorf, Volker (Hrsg.) 2002: Direkte Demokratie. Forschung und Perspektiven. 1. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
  • Selle, Klaus 2013: Mitwirkung mit Wirkung? Anmerkungen zum Stand der Forschung über planungsbezogene Kommunikation und das, was von ihr bleibt. In: pnd online 2_3, 1-19.
  • van Deth, Jan W. 2009: Politische Partizipation. In: Kaina, V. und Roemmele, A. (Hrsg.), Politische Soziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 141-161.
  • Verba, Sidney; Schlozman, Kay Lehman und Brady, Henry E. 1995: Voice and equality. Civic voluntarism in American politics. Harvard University Presse.
  • Vetter, Angelika; Klages, Helmut und Ulmer, Frank 2013: Bürgerbeteiligung braucht Verstetigung und Verlässlichkeit: Gestaltungselemente einer dauerhaften und systematischen Bürgerbeteiligung in Städten und Gemeinden. In: Der moderne Staat – Zeitschrift für Public Policy, 6. Jg. 1/2013, 253-271.
  • Vetter, Angelika; Geyer, Saskia und Eith, Ulrich 2015: Wirkungen von Bürgerbeteiligung. In: Baden-Württemberg Stiftung (Hrsg.). Demokratie-Monitoring Baden-Württemberg 2013/2014. Studien zur Demokratie und Partizipation, Wiesbaden.
  • Warren, Mark E. 2002: What can democratic participation mean today? In: Political Theory, 30. Jg. 5/2002, 677–701.

Anmerkungen

1 Die folgenden Ausführungen fassen die Ergebnisse des Projekts „Wirkungen lokaler Bürgerbeteiligung“ zusammen, das im Rahmen des Demokratie-Monitorings 2013/14 der Baden- Württemberg-Stiftung durchgeführt und von dieser finanziert wurde (vgl. Vetter/Geyer/Eith 2015). Projektverantwortlich waren Prof. Dr. Angelika Vetter von der Universität Stuttgart und Prof. Dr. Ulrich Eith von der Universität Freiburg. Das übergeordnete Forschungs-Programm „Demokratie-Monitoring“ ist wiederum Teil des Gesamtprogramms „Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft“ der Baden-Württemberg Stiftung, welches von den Universitäten Mannheim, Tübingen, Stuttgart und Freiburg im Auftrag der Baden-Württemberg Stiftung 2014 durchgeführt wurde.

2 Zu den wenigen Ausnahmen gehören beispielsweise Kubicek/Lippa/Koop (2011).

Die Autoren

Prof. Dr. Angelika Vetter ist Akademische Rätin bzw. Oberrätin an der Universität Stuttgart, Institut für Sozialwissenschaften. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Vergleichende Systemforschung (BRD und westliche Demokratien), Lokale Demokratieforschung, Politische Kultur, Wahl-, Einstellungs- und Beteiligungsforschung sowie Statistik und Methoden der empirischen Sozialforschung.

Prof. Dr. Ulrich Eith ist Institutsdirektor des Studienhaus Wiesneck und Geschäftsführer der „Arbeitsgruppe Wahlen Freiburg“. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre konzentrieren sich neben der Wahl-, Einstellungs- und Parteienforschung auf den Vergleich politischer Systeme, das Regieren in Mehrebenensystemen, die Extremismusforschung sowie auf die vergleichende Kommunal- und Regionalforschung.

Dieser Text ist dem kostenlos erhältlichen ersten KURSBUCH BÜRGERBETEILIGUNG entnommen, dessen Nachfolger im Herbst 2016 erscheint.

Literaturhinweise

Jascha Rohr, Hanna Ehlert, Sonja Hörster, Daniel Oppold, Prof. Dr. Patrizia Nanz

Bundesrepublik 3.0

Umweltbundesamt 2019, (Ein Beitrag zur Weiterentwicklung und Stärkung der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie durch mehr Partizipation auf Bundesebene).

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Christa Schäfer

Die partizipative Schule: Mit innovativen Konzepten zur demokratischen Schulkultur

Carl Link Verlag, Kronach/Köln, 2015, ISBN: 978-3556065594.

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