ARD-Zukunftsdialog

Über die Moderation großer Online-Beteiligungsprozesse

Anne Gottwald, Projektleiterin bei Zebralog, berichtet von ihren Erfahrungen der Moderation von großen bundesweiten Online-Dialogen.

Was wünschen sich die Zuschauer*innen von der ARD? Was stört sie? Und was wird zukünftig erwartet? Darum drehte es sich bei der allerersten Bürgerbeteiligung zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Senderverbunds. Nachdem im Rahmen einer Großgruppendiskussion – konzipiert und umgesetzt von unserer Partneragentur „frischer wind“ – mit zufällig ausgewählten Bürger*innen relevante Fragestellungen und Themen erarbeitet wurden, startete im vergangenen Sommer ein vierwöchiger Online-Dialog.

15.262 Menschen besuchten den ARD-Zukunftsdialog online. Davon machten über 3.822 Menschen aktiv mit. Insgesamt wurden 14.601 Beiträge verfasst, darunter 3.761 Ideen und 10.840 Kommentare.
Wir wurden immer wieder gefragt, auf was es genau bei Online-Beteiligungen in so einer Größenordnung ankommt. Im Folgenden möchten wir einige unserer Erfahrungen teilen:

Alles wird moderiert

Ein wichtiges Prinzip unserer Moderation ist, dass alle eingehenden Beiträge in einem Online-Dialog moderiert werden. Das heißt: Alle auf der Plattform eingehenden Beiträge und Kommentare werden von der Moderation gelesen und auf unsere öffentlich einsehbaren Dialogregeln hin geprüft. Wenn ein Beitrag dagegen verstößt, wird er von der Moderation kommentiert und in dem Kommentar auf die Dialogregeln verwiesen. Dabei kategorisieren wir die Beiträge je nach Schwere des Regelverstoßes. Leichte Verstöße werden kommentiert, und wir verweisen auf die Dialogregeln. Bei mittleren Verstößen setzen wir die Beiträge auf unveröffentlicht und schreiben der oder dem Nutzer*in mit der Bitte, den Beitrag umzuformulieren. Wenn ein/e Nutzer*in sich mehrfach nicht an die Regeln hält oder schwerwiegend gegen die Regeln verstößt, kann der oder die Nutzer*in gesperrt werden. Dieser Fall tritt aber sehr selten ein.

Überwiegend konstruktive Beiträge

Die meisten Teilnehmer*innen sind tatsächlich an einem konstruktiven Dialog interessiert. Im ARD-Zukunftsdialog war es so, dass Ideen und Kommentare in den Moderationszeiten direkt veröffentlicht wurden. Beiträge und Kommentare, die über Nacht eingingen, erschienen vorerst nicht auf der Plattform und wurden morgens von der ersten Moderationsschicht nachträglich freigeschaltet.

Das Cockpit: die Moderationsschnittstelle

Im Backend unserer Beteiligungssoftware haben wir eine Moderationsschnittstelle, über die wir alle Beiträge und Kommentare sehen und Moderationsstati vergeben können. Wenn ein Beitrag beispielsweise von der Moderation gelesen, geprüft und abgenommen wurde, wird dieser mit dem Status „von Moderation gelesen“ gekennzeichnet. So gibt es weitere Labels wie „von Moderation kommentiert“ oder „gesperrt (Regelverstoß)“. Außerdem können in einem internen Moderationsprotokoll Hinweise für die anderen Moderator*innen hinterlassen werden. Dort kann zum Beispiel festgehalten werden, aus welchen Gründen ein Beitrag kommentiert wurde. Über die Schnittstelle ist es außerdem möglich, Beiträge gebündelt auf unveröffentlicht zu setzen. Wir löschen Beiträge nie von den Plattformen, sondern stellen sie lediglich auf unveröffentlicht. So kann im Nachgang noch genau nachvollzogen werden, welche Beiträge nicht den Dialogregeln entsprachen und aufgrund dessen nicht sichtbar gemacht wurden. Hier kommt Transparenz als wichtiges Qualitätskriterium ins Spiel.

Die Moderationsschnittstelle ermöglicht damit allen beteiligten Moderator*innen den Überblick über den laufenden Dialog zu behalten. Zudem hilft sie uns, schnell eine hohe Anzahl von Beiträgen und Kommentaren zu sichten, zu prüfen und zu bearbeiten.

Klarer Aufbau von Themenräumen

Die Nutzer*innen hatten im Rahmen des ARD-Zukunftsdialogs die Wahl, sich in sieben verschiedenen Themenbereichen zu Wort zu melden. Bei der Abgabe eines Beitrags mussten sie sich zudem für eine Kategorie entscheiden, die sie ihrem Beitrag zuordnen. Die Kategorien brachten eine weitere Strukturierung mit sich, die den Besucher*innen einen guten Überblick über das Spektrum an Themen und die eingereichten Ideen verschaffte. Über eine Suche konnten die Ideen außerdem nach Kategorien gefiltert werden.

Rollen- und Aufgabenteilung im Moderationsteam

Geholfen hat uns auch die klare Rollen- und Aufgabenverteilung und die Zusammenarbeit im Moderationsteam. Die Abläufe mussten Hand in Hand gehen. Es kam darauf an, sehr konzentriert und zügig zu arbeiten. Wir haben auf vollständige Schichtübergaben und ein ordentlich gepflegtes Übergabeprotokoll geachtet.

Natürlich war unser gut entwickeltes Moderationstool dabei das A und O. Es wurde in diesem Online-Dialog noch einmal auf Herz und Nieren geprüft. Der direkte Draht zu den Entwickler*innen hat zudem geholfen, wenn es einmal irgendwo technisch hakte.

Was tun, wenn es hitzig wird?

Im Großen und Ganzen waren wir beeindruckt von der konstruktiven Gesprächsdynamik im ARD-Zukunftsdialog. Es gab viele konkrete Ideen und Verbesserungsvorschläge. Auch bei Meinungsunterschieden wurde überwiegend sachlich miteinander diskutiert, polemische Äußerungen waren in der Minderzahl. Hitzige Debatten gab es vor allem bei einzelnen Themen wie dem Gendern, der Neutralität der ARD und der Klimakrise. In solchen Fällen versuchen wir, den Austausch durch Moderation zu versachlichen. Dabei helfen uns die Dialogregeln, die auf der Plattform für jede/n einsehbar sind und an die wir in den Online-Dialogen immer wieder erinnern.

Fazit & Ergebnis

Eine Online-Beteiligung mit solch einer Tragweite zu konzipieren, umzusetzen, zu moderieren und auszuwerten, war für unser Team eine wichtige Erfahrung. Es war großartig, die ARD so offen zu erleben. Im Beteiligungsprozess so nah mitzubekommen, was die Menschen in Deutschland hinsichtlich der Weiterentwicklung der ARD bewegt. Ideen, Erwartungen, Wünsche und Kritik diesbezüglich zu erfahren, war sehr interessant.

Alle Beiträge sind auf ard-zukunftsdialog.de noch einsehbar. Nach einer Auswertung dieser Beiträge haben die Intendanten der Sendeanstalten darauf basierend im November 2021 konkrete Vorhaben beschlossen, die sie für die Weiterentwicklung der ARD anpacken wollen.

Zur Person

Anne Gottwald ist studierte Medienwissenschaftlerin. Sie ist seit 2019 als Projektmanagerin bei Zebralog tätig und dort Ansprechpartnerin für digitale Beteiligungsvorhaben.

 

Literaturhinweise

Johannes Drerup, Gottfried Schweiger (Hrsg.)

Politische Online- und Offline-Partizipation junger Menschen

J.B. Metzler, Stuttgart, 2019, ISBN: 978-3-476-04744-1.

(Links | BibTeX)

EU-Generaldirektion für Bildung, Jugend, Sport und Kultur

Study on the impact of the internet and social media on youth participation and youth work

In: 2018, ISBN: 978-92-79-79849-8 .

(Links | BibTeX)

Katja Simic

Online-Beteiligung: Das Potential von Geodaten für transparente Partizipation

In: Jörg Sommer (Hrsg.): Kursbuch Bürgerbeteiligung #2, Verlag der Deutschen Umweltstiftung | bipar, Berlin, 2017, ISBN: 978-3942466-15-8.

(Abstract | Links | BibTeX)

Britta Oertel, Carolin Kahlisch, Steffen Albrecht

Online-Bürgerbeteiligung an der Parlamentsarbeit

Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) (Nr. 173), 2017, ISSN: 2364-2599.

(Links | BibTeX)

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) (Hrsg.)

Die Weisheit der Vielen - Bürgerbeteiligung im digitalen Zeitalter

2017, ISBN: 78-3-87994-191-9.

(BibTeX)

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