Vereine verändern sich

Das Dreieck von Engagement, Ehrenamt und Beteiligung

Vereinen fällt es immer schwerer, Ehrenämter zu besetzen. Engagieren sich die Deutschen also immer weniger? Nein, sagt Jörg Sommer, sie engagieren sich nur anders.

Dieser Beitrag ist die Kurzfassung eines Vortrags von Jörg Sommer, Direktor des Berlin Institut für Partizipation, im Rahmen eines Workshops des Instituts für Vertreter*innen von Vereinen im ländlichen Raum.

Es wird viel über den Niedergang des Vereinswesens spekuliert. Doch die überraschende Tatsache ist: In Deutschland gibt es so viele eingetragene Vereine wie noch nie. Aktuell sind es mehr als 600.000. Doch sie sind sehr unterschiedlich verteilt: In den Städten wächst ihre Zahl stark, auf dem Land dagegen nicht. Rund 20.000 Vereine haben sich seit 2006 im ländlichen Raum aufgelöst.

Im ländlichen Raum stehen viele Vereine vor dem Problem, dass die Menschen zunehmend weniger Zeit und Bereitschaft haben, lange Wege in Kauf zu nehmen und große Teile ihrer Freizeit zu investieren. Das gilt genauso für Stadtmenschen. Doch sind dort die Wege kürzer, Entscheidungen können spontaner getroffen werden.

DIGITALISIERUNG ALLEINE GENÜGT NICHT

Vereine auf dem Land müssen also digitaler werden, empfehlen Expert*innen. Diese Empfehlung macht Sinn, berücksichtigt aber zwei wesentliche Faktoren nicht:

Zum einen ist die Stadtbevölkerung erheblich digitalaffiner. Sie hat mehr Erfahrung mit digitaler Kommunikation, die besseren Endgeräte, beruflich mehr damit zu tun und – nicht ganz unwichtig, meist auch wesentlich bessere Netze zur Verfügung.

Zum anderen ist auch die Vereinsstruktur im ländlichen Raum eine andere. Hier gibt es mehr Vereine, die Kultur und geselliges Beisammensein pflegen. Bei vielen ist dies das Hauptmotiv zur Teilnahme. Digital lässt sich das nur schwer reproduzieren. Hinzu kommt: Gemeinsames Singen, Musizieren oder Fußballspielen geht nun mal nicht wirklich digital.

Die pauschale Lösung „Digitalisierung“ greift zu kurz. Auch, weil sie eine andere Entwicklung nicht berücksichtigt: Die Schwerpunktverschiebung im Dreieck von Engagement, Ehrenamt und Beteiligung.

ENGAGEMENT, EHRENAMT UND BETEILIGUNG

Dieses Dreieck zu verstehen, ist jedoch die elementare Voraussetzung dafür, wirksame Strategien für die Zukunft des Vereinswesens zu entwickeln. Schauen wir uns die Beziehung also einmal genauer an. Allzu oft werden die Begriffe verwechselt oder gar für deckungsgleich gehalten. Bis weit in die Kreise politisch Verantwortlicher hinein. So heißt die erst 2020 gegründete bundeseigene Stiftung „Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt“. Sie schreibt in ihrer Selbstdarstellung:

„Ziel der Stiftung ist es, dazu beizutragen, ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement in Deutschland zukunftssicher zu machen. Daher fördert sie Innovationen – insbesondere im Bereich der Digitalisierung, stärkt Engagement- und Ehrenamtsstrukturen und vernetzt Bund, Länder, Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.“

So zieht sich das weiter: Stets wird „Engagement und Ehrenamt“ in einem Atemzug genannt, als Synonym sozusagen. Das ist wenig hilfreich, weil es eine wichtige Differenzierung verkleistert, die wir erkennen müssen, um zu verstehen, warum die Entwicklung in Deutschland so ist, wie sie ist.

EHRENAMT IST NICHT GLEICH ENGAMENENT

In Deutschland haben wir eine im internationalen Vergleich eher ungewöhnliche Historie. Im Ausland sagt man: „Treffen drei Deutsche zusammen, gründen sie als erstes einen Verein.“ Tatsächlich sind Vereine seit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland die prägende, nahezu ausschließliche Form von Engagement.

Wir haben in Deutschland über drei Millionen Menschen, die ehrenamtliche Vorstandsfunktionen ausüben, die Zahl der Menschen, die ein Ehrenamt bekleiden, liegt bei über 10 Millionen. In Deutschland denken wir Ehrenamt und Engagement fast immer synonym. Bei uns ist Engagement nach wie vor für viele nur im Verein vorstellbar. Dort ist es strukturiert, oft mit formellen Wahlfunktionen oder Beauftragungen verbunden und mit Titeln versehen. Ob Vorsitzende oder Schriftführerin, Kassiererin oder Übungsleiter: Ehrenamt in Deutschland hat Funktionen.

Das ist in vielen anderen Gesellschaften völlig anders. In den USA zum Beispiel wird lokale soziale Arbeit fast ausschließlich über so genannte „community foundations“ organisiert. Oft arbeiten in ihrem Kontext Hunderte, ja Tausende von Engagierten in Suppenküchen und Notunterkünften, Tagesstätten und Bildungsangeboten – ohne formelle Funktion, ohne Wahlamt, ohne Titel, und ohne langfristige Verpflichtung oder Verbindlichkeit.

Dort ist das Verhältnis von Ehrenamt und Engagement ein anderes als bei uns. Der Unterschied ist klarer:

  • Ehrenamt ist ein Amt, gewählt oder bestellt, mit klaren Titeln, Rechten und langfristigen Verpflichtungen.
  • Engagement ist der Einsatz für andere, für das Gemeinwohl, ob spontan oder verbindlich, ob in kleinstem Umfang oder nahezu in Vollzeitbeschäftigung.

In allen Ländern gibt es denselben Unterschied zwischen Engagement und Ehrenamt – nur in Deutschland waren beiden lange überwiegend deckungsgleich. Deshalb tun wir uns heute so schwer mit der Differenzierung. Aber sie ist nötig, wie wir gleich sehen werden. Doch betrachten wir zunächst noch den dritten Begriff, die „Beteiligung“.

DER TREND GEHT ZUR BETEILIGUNG

Gemeint ist damit die Mitwirkung an Entscheidungsprozessen, dazu gehören Wahlen, aber auch direktdemokratische Entscheidungen, Abstimmungen auf Mitgliederversammlungen sowie die vielen neuen Formen der Bürgerbeteiligung, die in den letzten Jahren massiv zugenommen haben. Beteiligung ist mit dem Anspruch auf Wirksamkeit verbunden – aber ohne die Verbindlichkeit eines Ehrenamts und ohne den zeitlichen Einsatz, den Engagement erfordert. Tatsächlich braucht Beteiligung in vielen Fällen nicht einmal eine formelle Mitgliedschaft. Und genau hier beginnt das Problem für das deutsche Vereinswesen.

Der Trend geht eindeutig weg von der Bereitschaft, sich formell zu binden oder auch nur ein langfristiges Engagement zuzusagen, hin zur Erwartung an wirksame Beteiligung und der Möglichkeit zur Ausübung von spontanem, oft unverbindlichem Engagement. Verkürzt gesagt:

  • Das Ehrenamt wird unattraktiver,
  • das Engagement wird spontaner,
  • die Beteiligung nimmt an Umfang und Bedeutung zu.

Das ist ein Problem für viele Vereine, die nicht nur an Mitgliederschwund leiden, sondern noch dazu auch immer schwieriger aus den verbliebenen Mitgliedern heraus Ehrenämter besetzen können. Noch immer jammern wir auf hohem Niveau. Noch immer sind die deutschen Vereinsweltmeister. Aber eben genau deshalb wird die Luft im Ehrenamt so dünn. Wie gehen wir jetzt damit um? Bekämpfen? Betrauern? Bejammern? Ignorieren?

Auf gesellschaftlicher Ebene versuchen wir gegenzusteuern. Deshalb gibt es die besagte Stiftung. Deshalb wird sie auch von der neuen Bundesregierung noch einmal besser finanziell ausgestattet. Aber wir wissen im Grunde: Gesellschaftliche Trends kann man nicht wegkaufen.

Die gesellschaftliche Debatte bleibt spannend, auch weil sie sich noch von einem weiteren Missverständnis befreien muss: der Frage des Gemeinwohls.

DAS ENTKOPPELTE GEMEINWOHL

Gemeinwohl wird verstanden als Gegenbegriff zu bloßen Einzel- oder Gruppeninteressen innerhalb einer Gemeinschaft. Gemeinwohl fördert, wer sich also für andere – oder für alle einsetzt. Und auch hier neigen wir in Deutschland zu nicht ganz scharfen Zuordnungen: Wir setzen Ehrenamt mit Engagement gleich – und beides mit Gemeinwohlorientierung. Doch das ist Unsinn.

Der Vorsitzende eines elitären Golfclubs, in dem man nur mit zwei Bürgen und 40.000,- Euro Aufnahmegebühr Mitglied werden kann, übt ein Ehrenamt aus. Mit Gemeinwohl hat das nichts zu tun.

Eine Bürgerinitiative gegen den Bau eines Windrades vor der eigenen Haustüre lebt vom Engagement vieler Aktiver – wie gemeinwohlorientiert das ist, ist zumindest gesellschaftlich umstritten.

Tatsächlich gab es eine Zeit in Deutschland, in der so viele Ehrenämter besetzt waren wie niemals davor oder danach: Zwischen 1933 und 1945 hatten wir Millionen von Blockwarten, Gruppenführern, Obleuten und Scharführern. Keiner käme heute auf die Idee, darin Gemeinwohl zu vermuten.

Gleichzeitig gibt es das Missverständnis, dass die Motivation zu Beteiligung nichts mit Gemeinwohl zu tun hätte, dass es um Partikularinteressen ginge, dass sich nur beteilige, wer seine Interessen durchsetzen wolle, ohne sich auf die Mühen langfristigen Engagements einzulassen. Es ist richtig: Ehrenamt und Engagement ist heute in Deutschland weit überwiegend mit Gemeinwohlorientierung verbunden. Und viele Beteiligungsimpulse entstehen aus einer NIMBY-Haltung („not in my backyard“). Doch halten wir fest:
Gemeinwohlorientierung ist essentiell für die Stärke einer Gesellschaft, sie ist aber nicht zwangsläufig mit Ehrenamt oder Engagement oder Beteiligung verknüpft – sondern stets eine Frage der Motive und der Ausgestaltung.

Warum ist das so wichtig? Wir haben gesehen: Der Trend geht tendenziell weg von der Bereitschaft zu Ehrenamt und zu verbindlichem, langfristigen Engagement hin zu spontanem Engagement und Beteiligungsanspruch.

Das wird gesellschaftlich kritisch gesehen. Es ist aber so auch in anderen Gesellschaften – und längst nicht nur in den USA – seit langer Zeit Praxis.

TRENDS RESPEKTIEREN UND INTEGRIEREN

Für aktive Verantwortliche in Vereinen stellt sich ohnehin weniger die Frage, wie man gegen den Trend arbeiten soll – sondern es geht vielmehr darum, wie man mit diesem Trend umgehen kann. Wie also können Vereine, nicht nur aber auch im ländlichen Raum, zukünftig nicht nur überleben, sondern sogar an Attraktivität und Stärke gewinnen? Indem sie diesen Trend aktiv in ihre Strategien integrieren. Dazu gehören insbesondere zwei Angebote, die es zu entwickeln gilt:

  • die Möglichkeit zu spontanem Engagement ohne langfristige
    Verbindlichkeit
  • Angebote der unmittelbaren Beteiligung

Tatsächlich sind beide Angebote – im Gegensatz zu vielen bisherigen Vereinsaktivitäten – welche, die sich besonders gut im digitalen Raum mit digitalen Tools realisieren lassen. Aber ob analog oder digital. Was kann dies konkret heißen? Zum Beispiel:

  • Die Sammlung von möglichen Themen und Vereinsangeboten in Form von Mitgliederbefragungen
  • Die Diskussion von Jahresprogrammen in der breiten Mitgliedschaft
  • Die Beteiligung der Mitglieder an der Aufstellung des Haushaltsplanes
  • Verstärkte Angebote von Einzelveranstaltungen und offenen Formen
  • „Ausschreibung“ von einzelnen Engagementpaketen
  • Teamlösungen für Funktionen

Grundsätzlich geht es darum, Mitglieder öfter zu fragen, mehr Angebote mit weniger Verbindlichkeit zu machen und so mehr Menschen in Kommunikation zu bringen. Das ist keine Entwertung des Ehrenamts. Es ist nur eine neue Definition:
Modernes Ehrenamt ist weniger ein „Wir regeln das für euch“ als ein „Wir managen Kommunikation“. Unter dem Strich bedeutet dies nämlich, mehr Kontakte zu mehr Mitgliedern, mehr machen mit.

VOM SPONTANEN ENGAGEMENT ZUM EHRENAMT

Das hat, wenn es gut gemacht wird, noch einen wunderbaren Nebeneffekt: Tatsächlich erweitert es das Potential für zukünftige Ehrenamtsbesetzungen. Denn so lernen die Vorstände mehr Mitglieder aktiv kennen. Und mehr Mitglieder die Vorstände und ihre Arbeit.

Jeder Einzelne von uns, der heute in einer Vereinsfunktion ist, weiß: Genau so ist er oder sie damals auch „angefixt“ worden: Durch soziale Kontakte und das Gefühl ernst genommen, geschätzt und gebraucht zu werden.

Mehr Mitglieder, auch, wenn sie zunächst „nur“ beteiligt sind oder sich spontan engagieren, bedeuten mehr potentielles Personal fürs Ehrenamt. Und vor allem: mehr Vereinsleben. Anders als heute, aber: zukunftsfähig.

Und darum geht es.

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