Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip

Ein Interview mit Heike Leitschuh über schwindende Solidarität

In ihrem neu erschienenen Buch stellt Heike Leitschuh die These auf, dass die Dominanz des wirtschaftsliberalen Paradigmas zu einer abnehmenden Solidarität der Menschen untereinander führt. Sie sieht in einer wachsenden Ich-Bezogenheit eine Gefahr für demokratisch verfasste Gemeinwesen und fordert ein radikales Umdenken.

Foto: Bill Strain via flickr.com , Lizenz: CC BY 2.0

Frau Leitschuh, was würden Sie jemandem entgegnen, der Ihnen sagt: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“?

Ich würde die Person bitten, sich vorzustellen, sie hätte auf der Straße einen Schwächeanfall und keiner hilft, denn alle denken ja nur an sich. Ich würde sagen: Die Summe der Einzelnen ist weniger als das Ganze. Aber das Ganze brauchen wir. Ohne gute Beziehungen der Menschen zueinander bricht unsere Gesellschaft auseinander. Gute Beziehungen aber basieren auf Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und Solidarität. In den kleinen Einheiten der Gesellschaft ist das mitunter vorbildhaft vorhanden, also in der Familie, im Freundes- oder Kollegenkreis. Treten wir aber auf die Straße und bewegen uns unter Fremden, wird unser Blick meist abweisend, wird unser Verhalten ruppig, ja rücksichtslos. Das beobachte ich seit längerem und es wird schlimmer. Ich wollte wissen, woran das liegt. Meine These lautet: Der Wirtschaftsliberalismus, dessen Ideologie seit Jahrzehnten die Politik bestimmt, beeinflusst nun auch die Kultur und bewirkt, dass Solidarität und Respekt der Menschen untereinander schwindet.

Woran machen Sie das fest?

Ich habe vielen Menschen gesprochen: in Krankenhäusern, im Sport, bei der Polizei, in Schulen und Kitas, bei der Bahn, mit Wissenschaftlern und Politikerinnen. Überall derselbe Befund, überall muss man sich vermehrt mit den Ichlingen auseinandersetzen und die machen anderen das Leben schwer. Ein Beispiel: Viele Kliniken müssen Alarmsysteme einrichten, weil Patienten randalieren, wenn sie nicht schnell genug an die Reihe kommen. Allzu oft sind es die mit nur kleinen Maläsen. Oder die Bahn: 2017 zählte sie über 2500 Angriffe auf ihre Beschäftigten. Es wird beleidigt, gespukt, geschlagen. Wenn Züge verspätet sind, geraten manche Fahrgäste außer Rand und Band. Der Gipfel der Ichlingkultur aber ist, wenn Gaffer Unfälle fotografieren und filmen und dabei die Rettungskräfte massiv behindern, oft aktiv. Dann wird es widerlich.

Doch was hat das alles mit dem Neoliberalismus zu tun?

Bisher war ich der Meinung, dass der Neoliberalismus vor allem wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeiten, die Spaltung in Arm und Reich hervorbringt und die natürlichen Ressourcen übernutzt. Ist ja schon alles schlimm genug. Nun sehen wir aber deutlich, dass er auch die Kultur der Gesellschaft verändert. Quasi als Kollateralschaden, der aber womöglich der schlimmste Schaden ist, den die neoliberale Ideologie und Politik anrichtet. Sie zwingen die Menschen in harte Konkurrenz zueinander. Das beginnt schon im Kindesalter. Es gibt Eltern, die meinen, ihre Kleinen müssten bereits in der Kita zum Super-Lernen angeleitet werden. Viele versuchen ihr ganzes Leben zu optimieren, damit sie die fittesten Körper, die attraktivsten Partner, die besten Arbeitsplätze bekommen. Damit dreht sich alles nur noch um das eigene Ego. Da bleibt zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit für die Belange anderer. Freiheit ist etwas Tolles, doch bei Freiheit ohne Regeln geraten die Schwachen unter die Räder. Hinzu kommt, dass uns die Smartphones, Tablet & Co. enorm ablenken. So entgeht uns ganz viel, was in der nächsten Umgebung passiert. Die so genannten sozialen Medien machen uns in Wirklichkeit unsozial. Das ist auch die Folge eines Hyperkonsums, der sich sowohl materiell wie immateriell abspielt.

Sie fordern ein radikales Umdenken auf individueller und politischer Ebene. Wie stellen Sie sich das vor?

Von der Politik verlange ich, dass sie sich eingesteht und ändert, was sie in den Herzen und Hirnen der Menschen anrichtet. Sie verlangt, dass sich Menschen für das Gemeinwesen engagieren, höhlt aber zugleich seit vielen Jahren die Basis dafür aus. Wir brauchen eine radikale Wende hin zu sozialer Gerechtigkeit. Es muss aufhören, dass sich die Starken und Reichen die Taschen voll machen und dann hören wir: „Tut uns Leid, wir haben nicht genug Geld für die Schulen“. Wir brauchen positive Vorbilder und keine selbst ernannte Elite, die Regeln missachtet und den Folgen entgeht. Diejenigen, die sich für eine solidarische und humane Gesellschaft engagieren, müssen mehr Gehör finden. Ich verlange aber auch von den Bürgerinnen und Bürgern, dass sie sich an Regeln halten und ihr eigenes Verhalten überprüfen. Zum Glück gibt es ja nicht nur Ichlinge. Viele engagieren sich ehrenamtlich und gerade jüngere Menschen arbeiten intensiv an alternativen Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftskonzepten. Von denen braucht es mehr und wir müssen ihnen Mut machen. Ich betone: Wir sind (noch) kein Volk von Egoisten. Und es ist auch nicht so polarisiert, hier die Ichlinge, dort die Solidarischen. Vielmehr geht der Riss durch uns hindurch, wir tragen beides in uns. Der Neoliberalismus hat uns alle mehr oder weniger verändert. Darin liegt aber auch die Chance, das wieder umzudrehen.

Diverse Entwicklungen wie der anthropogene Klimawandel, eine rapide abnehmende Biodiversität oder wachsende soziale Ungleichheit stellen unsere Gesellschaft vor immense Herausforderungen. In diesem Kontext wird immer wieder die Forderung einer stärkeren Gemeinwohlorientierung und damit verbunden ein Hintenanstellen partikularer Interessen artikuliert. Wie kann das gelingen?

Das ist der springende Punkt! Die Frage, die ich mir für mein Buch gestellt habe, war: Wie kann Nachhaltigkeit gelingen, wenn sich die Haltung „Ich zuerst!“ immer mehr durchsetzt? Nachhaltigkeit endet ja nicht mit technischen Verbesserungen bei Energie und Mobilität. Sie basiert vor allem auf Mitgefühl, Achtsamkeit und Solidarität, im Kleinen wie im Großen, im nationalen wie im internationalen Rahmen. Wenn wir das verlieren, wird’s schwierig. Eine nachhaltige Gesellschaft ist eine, die nicht auf zerstörerisches Wachstum setzt, sondern bescheidener mit dem auskommt, was der Planet uns bietet, ohne die Lebensgrundlagen zu untergraben. Das verlangt von uns zu teilen. Im großen Stil. Damit gerechter geteilt wird, sind unsere Parteien und ist die Demokratie gefragt. Und das heißt: wir alle! Wenn so viele Wohnungen fehlen, muss die Frage erlaubt sein, ob man wirklich 80 oder 100 Quadratmeter und mehr pro Person beanspruchen sollte. Nur ein Beispiel, das zeigt, dass da keine einfachen Diskussionen und Veränderungen auf uns warten.

Welche Konsequenzen hat die von Ihnen beschriebene Entwicklung für demokratisch verfasste Gemeinwesen?

Es ist die Aufgabe für die parlamentarische Parteiendemokratie. Hier muss Politik neu gelernt werden. Viele reduzieren Politik aufs Gesetzemachen. Das ist mir zu wenig. Mir geht es um die Gestaltung der Lebenswirklichkeit der Menschen. Demokratie bedeutet nicht nur das Recht zum Mitentscheiden, sondern vielmehr auch die Pflicht, sich mit unterschiedlichen Interessen auseinanderzusetzen, Kompromisse zu schließen, Lösungen zu finden, die allen zu Gute kommen. Das wiederum geht nur mit einer respektvollen und solidarischen Grundhaltung. Und genau daran mangelt es. Im Übrigen fordere ich auch einen respektvollen Umgang mit den Rechtspopulisten, auch wenn es manchmal schwer fallen mag. Denn eines darf auf keinen Fall passieren: Dass diese uns dazu bringen, unsere Kultur des Umgangs, unsere Kultur des demokratischen Zusammenlebens zu beschädigen. Dann hätten sie schon halb gewonnen.

Kann eine zunehmende Ich-Bezogenheit auch eine Chance für die Demokratie darstellen, wenn eine wachsende Zahl an Menschen zur Gestaltung der eigenen Lebensentwürfe aktive Mitgestaltungsrechte einfordert?

Solange sich Menschen für die parlamentarischen Entscheidungen interessieren und sich einbringen, ist mir deren Motiv nicht wichtig. Für Parallelwelten allerdings, die unsere Institutionen missachten und angebliche Volksrechte einklagen, habe ich kein Verständnis.

Deliberative Demokratie gründet auf der Annahme, dass im kritischen Diskurs Partikularmeinungen entlarvt werden und sich gemeinwohlorientierte Positionen durchsetzen werden. Bedroht das von Ihnen beschriebene Menschenbild dieses Demokratiekonzept?

Ja. Und die deliberative Demokratie muss ihre Stärke erst noch gegen das „Not in my backyard“-Syndrom und gegen die Ausländer-Raus-Interessen beweisen. Lassen Sie mich hinzufügen: Das Konzept ist zudem bedroht von Machtverhältnissen, die zu ungleichen Ausgangspositionen und ungerechten Chancen der Beeinflussung führen. Schauen Sie sich doch nur mal die Auseinandersetzung um den Hambacher Forst an. Da ist ganz klar, dass die Kohle lieber im Boden bleiben sollte, Deutschland will den Kohleausstieg, wenn auch das genaue Ausstiegsdatum noch verhandelt wird. Trotzdem fürchte ich, wird der Wald abgeholzt werden, weil sich RWE durchsetzen wird, einfach weil der Konzern den größeren Einfluss hat. Noch zumindest.

ZUR PERSON

Heike Leitschuh ist diplomierte Politologin. Sie arbeitet seit langem als Autorin, Beraterin und Moderatorin zu Themen der Nachhaltigkeit. Sie ist u. a. Mitherausgeberin des JAHRBUCH ÖKOLOGIE.

BUCHINFORMATIONEN

Titel: Ich zuerst! – Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip
Erscheinungstermin: 02.10.2018
Verlag: Westend Verlag
Seitenzahl: 256
ISBN: 978-3864892288