ENGAGE

Mehr Gemeinwohl durch Engagement und Bürgerbeteiligung?

Wie gelingt die Förderung nachhaltigen Gemeinwohls durch Engagement und Beteiligung? Diese Frage untersucht das inter- und transdisziplinäre Verbundprojekt „ENGAGE – Engagement für nachhaltiges Gemeinwohl“ und setzt dabei auf eine besondere Praxisnähe des Projekts.

Das Gemeinwohl ist Kernanliegen demokratischer Gesellschaften. Es gilt als zentrales Ziel und Kriterium politischer Aushandlungsprozesse. In der jüngeren Geschichte wird das Gemeinwohl immer mehr auch als Gegenstand zivilgesellschaftlicher Verantwortung verstanden. Aufgenommen wird dieser Anspruch in vielfältigen Formen von freiwilligem Engagement und politischer Beteiligung.

Dass diese Formen von Engagement und Beteiligung tatsächlich gemeinwohlförderlich sind, ist allerdings nicht selbstverständlich. Vereinnahmungen des Gemeinwohls durch einzelne Akteure oder Gruppen und ungleiche Zugangschancen zu Beteiligung und Engagement können dazu führen, dass anstelle des Gemeinwohls vor allem Einzelinteressen gefördert werden. Der Anspruch, das Gemeinwohl zu fördern, ist also eine Herausforderung. Das gilt in verschärfter Weise, wo das Gemeinwohl in Reaktion auf die drängenden und komplexen Problemlagen unserer Zeit, v. a. die Nachhaltigkeitskrise, neu bestimmt bzw. konkretisiert werden muss. Diese ist in mehrfacher Hinsicht so umfassend und einschneidend, dass das Gemeinwohl nicht realisiert werden kann, ohne die Nachhaltigkeitskrise anzugehen. Dazu sind nicht nur Spannungen innerhalb unserer Gesellschaft zu überwinden, sondern auch andere globale Gruppen und künftige Generationen, ihre grundlegenden Bedürfnisse und Interessen einzubeziehen.

Forschungsanliegen des Verbundprojekts ENGAGE

Die skizzierten Herausforderungen bilden den Hintergrund des Forschungsanliegens des BMBF-geförderten Verbundprojekts „ENGAGE – Engagement für nachhaltiges Gemeinwohl“. Forscher*innen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, des Öko-Instituts e. V. und des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung fragen hierbei, unter welchen Bedingungen Engagement und Beteiligung tatsächlich gemeinwohlförderlich sind, d. h. was Bedingungen einer gelingenden zivilgesellschaftlichen Gemeinwohlpraxis sind, die auch eine nachhaltige Entwicklung miteinschließt. Der Versuch, diese Forschungsfrage zu beantworten, setzt zwei Schritte voraus, die im Projekt kürzlich abgeschlossen wurden:

  1. eine dem Forschungsanliegen angemessene und wissenschaftlich fundierte Konzeptualisierung des Untersuchungsgegenstands und
  2. eine umfassende Analyse, die zeigt, wer sich überhaupt in welchen Strukturen in Deutschland engagiert bzw. beteiligt und welche Trendentwicklungen es hier gibt.

Beide Schritte bereiten die Untersuchung ausgewählter Fallbeispiele von Engagement bzw. Beteiligung mit Blick auf förderliche und hemmende Faktoren zur Herstellung von oder Stärkung des Gemeinwohls vor, bieten aber angesichts bestehender Forschungslücken bereits selbst wichtige Erkenntnisgewinne. Es folgen einige Schlaglichter auf diese Erkenntnisgewinne.

Konkretisierung: Was können wir unter „Gemeinwohl“ verstehen?

Während die wissenschaftliche Debatte stark auf theoretisch-abstrakte Gemeinwohlmodelle fokussiert ist, sucht das Forschungsprojekt ENGAGE, den Gemeinwohlbegriff zu konkretisieren (vgl. ENGAGE 2020). Damit angesprochen ist einerseits eine inhaltliche Konkretion, nämlich die Begründung von Grenzen dessen, was legitimerweise als Gemeinwohl verstanden werden kann – und zwar im Horizont der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Was eine nachhaltige Entwicklung verhindert oder hemmt, kann demnach nicht als gemeinwohlförderlich verstanden werden. Zum anderen betrifft diese Konkretion die formalen Bedingungen, unter denen Gemeinwohlinhalte in einer demokratischen Gesellschaft auf faire Weise ausgehandelt werden können.

Systematisierung: zivilgesellschaftliche Aktivität im Rahmen von Engagement und Beteiligung

Darüber hinaus schlägt das Projekt eine umfassende Systematisierung von Engagement und Beteiligung vor (vgl. ebd.). Engagement umfasst dabei alle (politisch, sozial oder etwa kulturell motivierten) freiwilligen, eigeninitiierten Aktivitäten von Bürger*innen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, z. B. in Vereinen oder Verbänden, aber auch in flexibleren Strukturen wie im Rahmen selbstorganisierter Initiativen. Unter Beteiligung dagegen wird die freiwillige Mitwirkung von Bürger*innen an kollektiven Entscheidungsprozessen in der Sphäre der Politik verstanden, die oft von politischen Entscheidungsträger*innen (auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene) initiiert (und zum Teil institutionalisiert bzw. gesetzlich garantiert) ist. Hier eingeschlossen sind Wahlen, direktdemokratische Verfahren (z. B. Bürger- oder Volksbegehren und -entscheide) und informelle Beteiligung (z. B. Bürgerdialoge oder Zukunftswerkstätten). Der Übergang zwischen Engagement und Beteiligung ist in der Praxis teilweise fließend.

Trendanalyse: Wer engagiert bzw. beteiligt sich in Deutschland in welchen Strukturen?

Die Frage in welchem Ausmaß und in welchen Strukturen sich deutsche Bürger*innen überhaupt engagieren bzw. beteiligen, beantwortet eine umfassende Trendanalyse (vgl. ENGAGE im Ersch.). Diese zeigt, dass der Anteil freiwillig Engagierter in Deutschland steigt – gleiches gilt für die Zahl der Beteiligungsverfahren (Simonson et al. 2017; Rehmet 2018). Die Beteiligung an Wahlen ist dagegen rückläufig (lpb: Formelle Beteiligung; Schäfer 2013). Zugleich verfestigt sich eine Ungleichverteilung des Engagements und der Beteiligung entlang sozioökonomischer Faktoren wie Bildung und Beschäftigung. Flexible, wenig formalisierte Strukturen gewinnen insgesamt sowohl im Bereich von Engagement als auch im Bereich von Beteiligung an Bedeutung, auch wenn traditionelle Engagement- und Beteiligungsstrukturen mit relativ hohem Formalisierungsgrad nach wie vor dominant sind.

Besonders spannend ist ein vertiefter Blick auf die eigens erhobenen Daten im Bereich informeller Beteiligung in Kommunen Nordrhein-Westfalens (ENGAGE im Ersch.). Diese ermöglichen eine Vergleichsperspektive zur bisher einzigen systematischen Untersuchung informeller Beteiligung auf kommunaler Ebene, die im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Universität Stuttgart für Kommunen in Baden-Württemberg durchgeführt wurde (vgl. Remer 2020). Dabei zeigt sich in den untersuchten Kommunen NRWs insbesondere seit 2010 eine deutliche Zunahme sowohl der Zahl als auch der Dialogintensität informeller Beteiligungsverfahren, die zu einer großen Bandbreite an Themen stattfinden. Gleichzeitig gibt es einen signifikanten Anteil an Kommunen, in denen bisher noch keine informellen Beteiligungsverfahren stattgefunden haben. Die Unterschiede mit Blick auf die Verfahrenszahl pro Kommune scheinen sich (neben anderen Faktoren) v.a. durch unterschiedliche Kapazitäten der Kommunalverwaltungen zu ergeben. Auch die Resonanz auf die Einladung zu informellen Beteiligungsverfahren nimmt tendenziell zu, bewegt sich in den untersuchten Kommunen insgesamt jedoch noch auf eher geringem bis mittlerem Niveau. Die ungleiche Repräsentation verschiedener Gruppen bestätigt sich auch hier. Als unterrepräsentiert gelten v. a. Jüngere, sozial Benachteiligte und Personen mit niedrigen Bildungsabschlüssen, aber auch Personen mit Migrationshintergrund oder Sprachdefiziten, Familien, Berufstätige und Studierende.

Ausblick: Fallstudien

Zusammengeführt ermöglichen diese empirischen Erkenntnisse der Trendanalyse und die theoretischen Konzeptualisierungen eine begründete Auswahl und kriteriengeleitete Analyse der im weiteren Projektverlauf geplanten Fallstudien. Diese zielen auf eine möglichst große Bandbreite von Engagement und Beteiligung und untersuchen nicht nur bereits bestehende Aktivitäten bzw. Initiativen und Beteiligungsprozesse. Welche Parameter das jeweilige Gemeinwohlpotenzial positiv beeinflussen wird auch in Realexperimenten wie der Durchführung eines eigenen Bürgerdialogs und Interventionen im Kontext bestehender Initiativen untersucht und in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen Praxispartnern evaluiert.

Wenn Sie bisherige Projektergebnisse nachlesen und die Fortschritte im ENGAGE-Projekt weiterverfolgen möchten, freuen wir uns über Ihren Besuch unserer Website. Gerne beantworten wir auch Ihre Rückfragen per E-Mail.

Zur Person

Lena Siepker M.Sc. Mag. theol. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im vorgestellten Projekt „ENGAGE – Engagement für nachhaltiges Gemeinwohl“. Das Projekt wird unter der Leitung von Prof’in Doris Fuchs, Dr’in Corinna Fischer und Dr. Florian Kern an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, dem Öko-Institut e.V. und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung durchgeführt und durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert (Förderkennzeichen 01UG1911).

Literaturhinweise

Diana Gallego Carrera, Ortwin Renn, Marion Dreyer, Walter Schenkel

Sachplan geologische Tiefendlager. Forschungsprojekt "Kommunikation mit der Gesellschaft": Wissenschaftlicher Schlussbericht

2009.

(BibTeX)

Thomas Petermann, Constanze Scherz

TA und (Technik-)Akzeptanz(-forschung)

In: Technikfolgenabschätzung - Theorie und Praxis , 3 (14), S. 45-53, 2005.

(Abstract | Links | BibTeX)

Ortwin Renn

Technikakzeptanz: Lehren und Rückschlüsse der Akzeptanzforschung für die Bewältigung des technischen Wandels

In: Technikfolgenabschätzung - Theorie und Praxis , 3 (14), S. 29-38, 2005.

(Abstract | Links | BibTeX)

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