Kommentar zur Diskussion um einen Think-Tank für Partizipation:

Stefan Löchtefeld

Ein spannender Vorschlag, den Jörg Sommer mit dem unabhängigen Think Tank für Partizipation in den Raum stellt. Doch was könnte ein solcher Think Tank leisten? Welche Aufgaben hätte er? Wie wäre er organisiert? Was könnte oder sollte er besser auch nicht tun? Für die ergebnisoffene Diskussion, die Jörg Sommer dazu anregt, hier ein paar Ideen im Sinne einer Professionsentwicklung.

Hans Hagedorn und andere gehen in ihren Kommentaren stark auf Arbeitsfelder und gesellschaftlichen Herausforderungen ein, bei denen Partizipation einen Beitrag zur Transformation unserer Gesellschaft beitragen kann. Dieses ist für eine politische und gesellschaftliche Legitimation eines solchen Think Tanks von großer Wichtigkeit. Als jemand, der seit über 20 Jahren Partizipationsprozesse begleitet, gibt es aus meiner Sicht noch ergänzende, unsere Profession betreffende Fragestellungen, die ein solcher Think Tank bearbeiten könnte.

Im Sinne einer Professionsentwicklung Partizipation fände ich folgende Aufgaben für den Think Tank spannend:

  • Interessenvertretung
  • Reflexion professioneller Arbeit
  • Kompetenz- und Anforderungsprofilierung
  • Wirkungsorientierte Evaluation

Interessenvertretung

Bisherige Vernetzungen im Bereich der Partizipation sind entweder im Sande verlaufen oder aber sehen ihre zentrale Aufgabe im Austausch der Akteure untereinander und der Entwicklung von internen Standards. Letzteres sind wichtige Aufgaben, keine Frage. Und dennoch ist es aus meiner Sicht an der Zeit, selbstbewusst nach „außen“ zu gehen und eine Lanze für die Partizipation zu brechen.

Sommer beschreibt in seinem Beitrag schon die zentrale Aufgabe als Interessenvertretung für Partizipation: Ein Think Tank „sollte sich advokativ für bessere, vielfältigere, für mehr Partizipation einsetzen – und das in allen gesellschaftlichen Bereichen.“ Nicht als thematisch-inhaltliche, sondern als gesellschaftlich-politische Interessenvertretung für eine stärkere Beteiligungsorientierung in der Gesellschaft.

Und ein Grundproblem beschreibt er auch – Partizipation als kurativer Einsatz, für die Reparatur, wenn es schief gelaufen ist. Doch welche Chancen bestehen erst, wenn Partizipation auch für explorative und perspektiventwickelnde Thematiken eingesetzt werden würde. Dies noch stärker in die gesellschaftlichen Diskussions- und Entscheidungsprozesse zu tragen, wäre aus Sicht einer Professionsentwicklung von immenser Bedeutung.

Reflexion professioneller Arbeit

Die Reflexion professioneller Arbeit beschränkt sich – so meine Wahrnehmung – derzeit auf den Austausch untereinander, kollegiale Beratung und gegenseitige Visitationen. Hier könnte ein Think Tank weitere Möglichkeiten wie Supervision, Coaching, Qualitätszirkel, Triadengespräche und/oder die Entwicklung weiterer Formate eröffnen. Auch die evidenzbasierte Analyse auf Basis von ExpertInnengesprächen und thematische Weiterentwicklungen in Bezug auf Qualität und Standards würden zu einer weiteren Professionalisierung beitragen.

Kompetenz- und Anforderungsprofilierung

Für gelungene Partizipationsprozesse sind bestimmte Kompetenzen bei den Durchführenden hilfreich. Damit sind diejenigen gemeint, die den Beteiligungsprozess aktiv gestalten und umsetzen.

Je nach Komplexität der Aufgabe steigt das Anforderungsprofil. Vor dem Hintergrund, dass sich im Partizipationsbereich Durchführende aus vielen Professionen – beispielsweise PlanerInnen, PsychologInnen, SozialpädagogInnen, JuristInnen, KulturwissenschaftlerInnen – bewegen, könnte über Kompetenz- und Anforderungsprofile eine neue Profession der Durchführenden von Partizipationsprozessen entwickelt werden.

Der Think Tank sollte sich dann auch mit den Anforderungen und der Ausgestaltung von Aus-, Fort- und Weiterbildungen unserer Profession beschäftigen. Die Durchführung kann wie bisher auch durch private und öffentliche Träger erfolgen.

Neue Qualitäten für die Durchführung von Partizipationsprozessen könnten durch den Austausch mit anderen Professionen und mittels interdisziplinärer Forschungs- und Entwicklungsansätze entstehen.

Wirkungsorientierte Evaluation

Aus meiner Sicht entscheidend für die weitere Entwicklung der Partizipation wird sein, dass wir nachweisen können, dass Partizipation auch gesellschaftliche Wirkungen entfaltet. Die bisherigen Evaluationen sind darauf angelegt, die Zufriedenheit der Akteure mit dem Prozess und dem Ergebnis abzufragen. Doch im Sinne einer lernenden Gesellschaft, einer Befähigung der Teilnehmenden und einer Transformation unserer Gesellschaft ist diese Perspektive zu kurz gedacht. Dies stellt keine Kritik an den Durchführenden von Evaluationen dar, die mit den vorgegebenen Rahmenbedingungen (Projektdauer, Abgabe von Berichten, späte Beauftragung) in der Regel auch keine anderen Evaluationen vornehmen können.

Im Sinne einer wirkungsorientierten Evaluation wären zu untersuchen:

  • Konzept mit Zielen und Partizipationsansätzen
  • Input (Geld, Zeit, Wissen)
  • Aktivitäten und Maßnahmen
  • Output (Leistungen, Akzeptanz, Zielgruppenerreichung)
  • Outcome (Wirkungen bei Zielgruppen in Bezug auf Wissen, Einstellung und Verhalten sowie Wirkungen auf das direkte Umfeld der Zielgruppen)
  • Impact (Wirkungen auf gesellschaftlicher Ebene)

Sicher bin ich mir darüber im Klaren, dass es nahezu unmöglich sein wird, Fördermittel für einen rein professionsentwicklungsorientierten Ansatz für einen Think Tank zu erhalten. Dies ist auch nicht mein Wunsch oder Anspruch an einen solchen Think Tank. Aber dies wäre mein zentraler Anspruch, den ein solcher Think Tank erfüllen muss.

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