Kinder sollen teilhaben

Ein Interview mit Marita Meissner zum Partizipationsindex der Stadt Gelsenkirchen

Die Leiterin der Stabsstelle zur Koordinierung der Kommunalen Prävention in Gelsenkirchen Marita Meissner spricht im Interview über den von der Stadt entwickelten Partizipationsindex. Er dient der frühzeitigen Identifizierung und Entwicklung von Beteiligungsmöglichkeiten junger Menschen.

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Frau Meissner, Sie haben gemeinsam mit Frau Silvia Bader das Sozialmonitoringkonzept entworfen. Bitte geben Sie den Lesern zum Einstieg eine kurze Beschreibung des Konzeptes. Was macht das Vorhaben so besonders?

In der Stadt Gelsenkirchen wurde 2009 ein Gremium der Fachplanerinnen und –planer gegründet, das bis heute als „Arbeitskreis Sozialraum“ aktiv ist. Dieser ressortübergreifende Arbeitskreis bearbeitet schwerpunktmäßig die integrierte und kleinräumige Datenaufbereitung und -analyse.

Das dort entwickelte Monitoringkonzept beruht auf einem ressortübergreifend entwickelten umfangreichen Indikatorenkatalog. Dieser umfasst 66 Indikatoren zu den Themen Bevölkerung, Arbeit und Soziales, Gesundheit, Erziehung und Bildung, Wohnen und Umwelt. Er ist sozialräumlich, einheitlich, nachhaltig und integriert. Er liefert die Datenbasis für das indexbasierte Monitoringkonzept: Einem strategischen Handlungsfeld werden aussagekräftige Teilindizes zugeordnet, die wiederum wie eine Art Baukastensystem aus dem Indikatorenkatalog gespeist werden (sogenanntes Indikatorenset).

In dieser Form wurde 2015 der Partizipationsindex entwickelt. Er beleuchtet das strategische Handlungsfeld der „Teilhabechancen von Kindern“. Partizipation meint in diesem Kontext nicht nur „Beteiligung“ sondern ausdrücklich die „Teilhabe“ als notwendige Voraussetzung für ein gelingendes Aufwachsen. Dieser Index bildet mit Hilfe ausgewählter Indikatoren die Teilhabechancen der Gelsenkirchener Kinder sozialräumlich ab.

Sie sagten in einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, Ihre Devise sei es: „Das Richtige am richtigen Ort tun“. Welche Auswirkungen erhoffen Sie sich für die Entwicklung der Stadt Gelsenkirchen sowie die Teilhabechancen der örtlichen Kinder?

Mit dem Partizipationsindex verknüpfen wir eine Reihe positiver Erwartungen:

  • regelmäßige, frühzeitige und kompakte Auskunft über die sozialräumlichen Teilhabe- und Entwicklungsmöglichkeiten von Gelsenkirchener Kindern
  • Sensibilisierung für die Disparitäten und Benachteiligungen Gelsenkirchener Kinder und die besonderen Herausforderungen
  • Identifizierung und Lokalisierung von Risiken
  • Steuerungsunterstützung für die Entwicklung nachhaltiger Beteiligungsstrategien
  • Abbildung der Effekte kommunalen Präventionshandelns unter Berücksichtigung begünstigender oder hemmender Einflussfaktoren
  • Optimierung des Ressourceneinsatzes, Bestimmung von Fördergebieten, Beantragung von Fördermitteln

Vor allem der gezielte Einsatz von Mitteln für gezielte Maßnahmen, die aufgrund eines konkreten Bedarfes an einer konkreten Stelle sinnvoll und wirkungsvoll sind, ist uns ein Anliegen. Wir wollen von Herzen und mit ganzer Kraft den Kindern in unserer Stadt ein gelingendes Aufwachsen ermöglichen, trotz schwieriger Rahmenbedingungen. Und mit diesen sind nicht nur viele Familien konfrontiert, sondern auch die Kommune selbst angesichts z. B. der Haushaltslage.

Durch unser zielgerichtetes, datenbasiertes und partizipationswahrendes Vorgehen erhoffen wir uns mehr Chancengerechtigkeit für die Kinder in unserer Stadt. Wir möchten die bekannte Abwärtsspirale bzw. die Wechselwirkungen der Benachteiligung durchbrechen.

Wie beurteilen Sie die Übertragbarkeit des Konzeptes auf andere Gemeinwesen und welche Chancen und Risiken sehen Sie dabei?

Prinzipiell ist es möglich, dass andere Städte dieses Konzept bei sich etablieren. Aber jede Stadt muss ihre eigenen Wege gehen und ihre individuellen Gegebenheiten berücksichtigen. Wichtig ist dabei die Prozessorientierung. Es ist maßgeblich, diesen Entwicklungsprozess vor Ort gemeinsam zu durchlaufen, eigene Ideen zu entwickeln und eigene Fehler zu machen. Denn solch ein Konzept oder ein Indikatorenkatalog sind zwar wichtige Grundlagen, aber das Wesentliche ist die Kooperation der verschiedenen beteiligten Akteure in der Praxis. Risiken bestehen z. B. darin, kein gemeinsames Ziel und kein gemeinsames Grundverständnis zu haben, nicht alle Dezernate/Fachbereiche mitgenommen zu haben, sich bei Planungen und Strategieentwicklungen ausschließlich auf Zahlen zu beziehen und die Kooperationspartner (z. B. Fachakteure im Sozialraum) oder die Zielgruppen (z. B. Familien) bei Planungen und Konzeptentwicklungen für Sozialräume und/ oder Handlungsfelder nicht hinreichend einzubeziehen. Es braucht außerdem einen breiten, gelebten Willen zu integriertem Planen und Handeln, damit so ein Vorhaben nachhaltig gelingen kann.

Zur Person

Marita Meissner ist Leiterin der 2012 eingerichteten Stabsstelle zur Koordinierung der Kommunalen Prävention in der Stadt Gelsenkirchen. Zur kontinuierlichen Optimierung der Präventionskette werden dort systematisch Daten aufbereitet sowie u. a. sozialräumliche Strategien zur integrierten Förderung der Teilhabechancen entwickelt. 

Literaturhinweise

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Bürgerbeteiligung nach Stuttgart 21: Änderungsbedarf und -perspektiven

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Markus Freitag, Uwe Wagschal (Hrsg.)

Direkte Demokratie: Bestandsaufnahmen und Wirkungen im internationalen Vergleich

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Kritische Bürger: Gefahr oder Ressource für die Demokratie?

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