Was nicht wirkt, ist nichts wert

0
0

Im Grunde ist die die einzige Partei in Deutschland, die perspektivisch das Potential zu einer absoluten Mehrheit hat: die Partei der Nichtwähler*innen. Bei der Europawahl 2014 hat sie es sogar geschafft: nur rund 48% der Wahlberechtigten machten von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Eine Zahl, die eigentlich alle Alarmglocken klingeln lassen sollte.

Wenn die Mehrheit der Bürger*innen nicht einmal von ihrem elementarsten demokratischen Recht Gebrauch macht, was sagt das über die Akzeptanz der Demokratie in ihrer aktuellen Form aus? Und wie passt das mit dem Wunsch nach mehr Bürgerbeteiligung zusammen? Wie kann es um mehr Beteiligung gehen, wo offensichtlich für viele von uns nicht mal das einfache Kreuz auf dem Wahlzettel noch zumutbar ist?

Das sind gemeine Fragen. Aber um die Antworten dürfen wir uns nicht drücken. Wir können uns auch nicht damit aus der Affäre ziehen, indem wir die letzte Bundestagswahl als Beispiel nennen, bei der sich die Wahlbeteiligung, vor allem aufgrund der immer größeren antagonistischen Konflikte in der deutschen Parteienlandschaft, etwas stabilisiert hat. Denn wenn nun erklärte Demokratie- und Menschenfeinde im Parlament sitzen, ist das vieles, aber kein Zeichen für mehr Demokratieakzeptanz in unserer Gesellschaft.

Doch was heißt das tatsächlich für die Demokratie? Kann die zunehmende Bürgerbeteiligung zu einer Trendumkehr beitragen? Oder sind wir auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der immer größere Teile nicht mehr an demokratischen Prozessen teilnehmen, während eine kleine, gut gebildete und durchsetzungsfähige Minderheit über zunehmende Beteiligungsstrukturen mehr Einfluss hat, als je zuvor Können gar Zufallsbürgergremien die Wahlbeteiligung als Legitimierungsprüfstein für die Demokratie ersetzen? Der Ältestenrat des deutschen Bundestages leistet sich jetzt einen „Bürgerrat Deutschlands Rolle in der Welt“. Es ist nicht unbegründet, zu vermuten, dass der Anteil an Nicht- und Nochniewähler*innen in diesem Bürgerrat nicht an die Ergebnisse der erwähnten Europawahl herankommt, jene Wahl, die mit dem Thema des Bürgerrates am ehesten korrespondiert. Was also soll dieses Gremium bewirken? Böse Zungen kontern mit dem bekannten Brecht-Zitat, eigentlich auf die SED der Stalinzeit gemünzt:

„Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Der Vergleich hinkt. Doch: Der Ältestenrat des Deutschen Bundestages besteht aus vom Volk gewählten Abgeordneten. Er hat die Arbeit des vom Volk gewählten Parlamentes zu organisieren. Warum hält er sich nun ein eigenes Gremium von 0,0002 % an mehr oder weniger zufällig ausgewählten Mitgliedern dieses Wahlvolkes? Welche Wirkung soll und kann das letztlich auf die Akzeptanz der Demokratie in unserer Gesellschaft haben? Möglicherweise bringt die damit verbundene mediale Aufmerksamkeit einen starken Impuls für mehr Beteiligung. Es wäre wünschenswert.

Denn die Kernfrage bleibt: Wie kann die aktive Wertschätzung der Demokratie in unserem Land verbessert werden? Und was können Beteiligungsprozesse dazu beitragen, wenn sie nur die erreichen, deren Stimme ohnehin bereits „zählt“?

Die Antwort liegt in der Frage. Und zwar in der Frage an die Nichtwähler*innen zu ihrer Motivation. Und da haben zahlreiche Erhebungen der letzten 30 Jahre immer wieder dieselbe Hauptantwort zu Tage gefördert. Es wird schlicht bezweifelt, dass die eigene Stimme irgendein Gewicht, einen Einfluss, eine Wirkung habe. Und genau das ist der entscheidende Punkt: Die Wirkung.

Wer keine Wirkung erlebt, kann auch kein Interesse aufrechterhalten. Das schöne Wort „Selbstwirksamkeit“ ist der Schlüssel zu allem. Selbstwirksamkeit ist zentrales Motiv für politisches Handeln und es spielt eine ganz besondere Rolle in der Frage der Beteiligung. Deshalb lautet der dritte der von der Allianz Vielfältige Demokratie formulierten Grundsätze Guter Beteiligung auch:

„Gute Bürgerbeteiligung braucht klare Ziele und Mitgestaltungsmöglichkeiten“

Das ist keine technische Frage. Sondern eine elementare Grundbedingung, denn Beteiligung muss Selbstwirksamkeit ermöglichen. Und dazu muss sie wirken. Wirkungslose Beteiligung ist letztlich wertlose Beteiligung.

Sie ist sogar kontraproduktiv, weil sie frustriert. Und Gelegenheit zur Frustration gibt es reichlich: Wenn den Beteiligten zu Beginn überhaupt nicht klar ist, welche Wirkung letztlich überhaupt möglich ist, wenn munter zu Dingen beteiligt wird, die ohnehin längst feststehen, wenn am Ende Gremien entscheiden, die am Beteiligungsprozess nicht beteiligt waren, kein Interesse daran haben und nach ganz anderen Kriterien Kompromisse aushandeln, dann sind das alles Faktoren, die selbst hervorragend organsierte Beteiligungsprozesse entwerten und zu Frustrationserlebnissen degradieren. Deshalb ist es so wichtig, von Anfang an ehrlich zu sein.

Allen Beteiligten muss klar sein, welches die verhandelbaren Gestaltungsspielräume sind und wo deren Grenzen liegen bzw. wo Festlegungen existieren, die nicht mehr zur Disposition stehen. Eine frühzeitige, offene und transparente Kommunikation der Rahmenbedingungen und Grenzen der Beteiligung beugt vor, dass sich Akteure unter falschen Voraussetzungen an dem Prozess beteiligen und Erwartungen enttäuscht werden.

Natürlich ist es leichter, am Anfang eines Prozesses Beteiligungsbereitschaft zu erzeugen, wenn man alles für verhandelbar erklärt. Natürlich ist es unangenehm, gleich zu Beginn eines Prozesses klar zu sagen, dass diverse Dinge längst entschieden sind. Manchmal kann das sogar bedeuten, dass es schlicht keine Grundlage für einen Beteiligungsprozess gibt. Entweder, weil man viel zu spät daran gedacht hat, oder weil das Thema letztlich tatsächlich „alternativlos“ ist. Dann kann es um Bürgerinformation gehen, um Werbung für Akzeptanz oder mindestens Toleranz. Bürgerbeteiligung sollte man das dann jedoch nicht nennen. Denn Beteiligung setzt Wirkungsmöglichkeit voraus. Sonst braucht sie niemand.

Gute Beteiligung muss deshalb Wirkung nicht nur zulassen. Sie muss sie wollen. Sie muss klar kommunizieren, welches Wirkungspotential es gibt. Wenn es ihr dann noch gelingt, auch jene zu beteiligen, die mangels Selbstwirksamkeitserfahrungen bislang nicht einmal den Gang zur Wahlurne antreten wollten, dann hat Beteiligung nicht nur Berechtigung, sondern auch demokratiestärkende Wirkung. Dann ist Beteiligung Gute Beteiligung.

Am Ende bleibt ein zentraler Prüfstein für die Stärke der Demokratie die Wahlbeteiligung. Beteiligung kann sie fördern. Nicht ersetzen.

Jörg Sommer ist Direktor der Berlin Instituts für Partizipation und Verfasser des wöchentlich erscheinenden Newsletters demokratie.plus, den Sie hier abonnieren können. Seit Anfang Juli 2020 werden alle Ausgaben hier im Debatten-Bereich aufgenommen, um den Leserinnen dun Lesern eine Kommentierung und Diskussion zu ermöglichen.

  • You must to post comments
In dieser Rubrik veröffentlichen wir in regelmäßigem Abstand meinungsstarke Gastbeiträge zu unterschiedlichen Aspekten der Demokratie und insbesondere der politischen Teilhabe. Die Meinung der Autor*innen entspricht nicht zwangsläufig der Meinung unseres Instituts und/oder seiner Mitglieder. Tatsächlich ist dies sogar in der Regel nicht der Fall. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass der demokratische Diskurs unterschiedliche Meinungen aushalten und zum Anlass von Debatten nehmen muss. Deshalb bieten wir hier ein Forum für Meinungsbeiträge von Mitgliedern und Gästen. Sie können alle Beiträge in dieser Rubrik ausführlich kommentieren.
0
0

Ist Wahlmüdigkeit wirklich ein Maß für fehlende Demokratie-Akzeptanz? Ist sie nicht vielmehr ein Indikator für Politikverdrossenheit? Angesichts der intransparenten Einflussnahme von Lobbyisten auf die Politik möchte ich fragen, ob nicht unsere Demokratie eher eine Lobbykratie ist, in der die gewählten Politiker abnicken, was Lobbyisten ihnen anpreisen und mundgerecht zu Gesetzestexten oder Beschlussvorlagen aufbereitet servieren. Ist nicht Transparenz die unerlässliche Vorstufe aller Bürgerbeteiligung? Kontrollieren die Abgeordneten wirklich die Regierung? Und haben die Regierungsmitglieder die für ihr Ressort erforderliche Kompetenz? Entzieht sich nicht auch jeglicher Kontrolle, auf welche Beratung sie zurückgreifen? Haben nicht also Personen Wirkmöglichkeit, die weder demokratisch gewählt noch auch nur namentlich bekannt sind? Warum gibt es „Wahl-KAMPF“ statt überzeugender Angebote, sich mit den eigenen Fähigkeiten und Überzeugungen als Dienstleistende für das Gemeinwohl den Wählenden vorzustellen? Worum genau kämpfen sie denn? Um Macht, um Einfluss, um Ansehen, um Vorteile? Was qualifiziert sie? Reicht es, lange genug Parteimitglied zu sein, Plakate zu kleben und in das Lied der Stimmführern der Partei lauthals einzustimmen, damit man als Kandidat nominiert wird? Dass zudem durch demokratische Wahlen sogar wiederholt und verbreitet Despoten oder Diktatoren als Staatslenkende „an die Macht kommen“, wirft die Frage auf, wie man das verhindern könnte. Platon hat gefordert, mehr Philosophen müssten im Staat Verantwortung tragen. Wie ließe sich erreichen, dass Kompetenz und Integrität der Wählbaren Voraussetzung für ihre Wählbarkeit wären? Ich stelle mir vor, wenn das erkennbar wäre und mehr Transparenz des politischen Handelns von Gemeinwohl-orientierten Politikern praktiziert würde, dann würden Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit spürbar nachlassen. Eine Utopie?

  • Peter J. Reichard
  • last edited 3 Wochen ago
  • You must to post comments
0
0

Ich kann noch eine alternative Erklärung dafür bieten, dass die befragten Nichtwählerinnen und Nichtwähler bezweifeln, dass die eigene Stimme irgendein Gewicht, einen Einfluss, eine Wirkung habe: die Tatsache, dass durch die zahlreichen Meinungsumfragen bis kurz vor den Wahlen der Eindruck erweckt wird, dass die Wahl eh schon entschieden sei. Als Beispiel möchte ich die Berliner Abgeordnetenhauswahl 2011 nehmen, bei der der Wahlkreis, in dem ich wohne, wie vorhergesagt vom CDU-Kandidaten geholt wurde. Mit genau 3 Stimmen Vorsprung vor dem SPD-Kandidaten. Woraufhin ein junger SPD-Wähler aus meiner Umgebung sagte: „Das erzähle ich jetzt allen, die mir gesagt haben, meine Stimme kann ja eh nichts ausrichten!“.
Meinungsumfragen und ihre Interpretation in den Medien führen m.E. dazu, dass viele Menschen das Gefühl haben, ihre Stimme kann eh keinen Unterschied mehr machen. Politiker, die darauf verweisen, dass nicht Meinungsumfragen, sondern Wahlen entscheidend sind, werden zunehmend ausgelacht. Ich werde an Infoständen zunehmend nicht mit Argumenten oder konkreten Anliegen, sondern mit Verweisen auf die Umfrageergebnisse meiner Partei konfrontiert. Ich frage mich zunehmend, ob Meinungsumfragen nicht selbsterfüllende Prophezeihungen darstellen und demobilisierend wirken. Wer geht schon zur Wahl, wenn er oder sie den Eindruck hat, dass das Ergebnis schon fest steht? Und wer wählt eine Partei, die nach den Umfragen auf dem absteigenden Ast ist, also einen „Verlierer“?
Es ist trotzdem wichtig und richtig, über neue Beteiligungsformen nachzudenken. Ein gutes Beispiel ist der Bürgerkonvent in Frankreich zum Thema Klimaschutz, der aus zufällig aus dem Einwohnerregister ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern bestand. Ich hoffe, dass die französische Regierung die Empfehlungen des Bürgerkonventes jetzt wirklich umsetzt. Sonst wird auch dieses Verfahren diskreditiert.

  • Ute Finckh-Krämer
  • last edited 2 Wochen ago
  • You must to post comments
0
0

Liebe Ute Finckh-Krämer,

Vielen Dank für Ihren Hinweis. In der Tat sind die subjektiven Gründe von Nichtwählern natürlich sehr vielschichtig und hängen von vielen Einflussfaktoren ab. Insbesondere in Umfragen geäußerte Gründe variieren stark. Auch das von Ihnen beschrieben Phänomen spielt eine Rolle, manchmal sogar, wie in Ihrem Beispiel, potentiell wahlentscheidend. Die Gründe variieren besonders stark je nach unterschiedlichen Milieus.

Objektiv geht es jedoch tatsächlich meistens um die Frage der Wirksamkeit der eigenen Stimme. Auch in ihrem Beispiel ist genau das der auslösende Faktor für die Nichtwahl-Entscheidung: Es wird vermutet, dass die eigene Stimme irrelevant wäre, weil die Wahl ja schon entschieden sei.

Es gibt zwar tatsächlich noch einige objektiv nicht unmittelbar an die Selbstwirksamkeitserfahrung geknüpfte Motive wir zum Beispiel Sprachbarrieren (Nach wie vor gibt es zudem in Deutschland eine überraschend hohe Zahl an strukturellen Analphabeten) oder, insbesondere bei Kommunalwahlen, die schlichte Überforderung eine komplexen Wahlsystems mit Kumulieren, Panaschieren und anderen Optionen, die erhebliche Teile unserer Bevölkerung nicht verstehen. Dazu kommen dann noch z.B. noch Anhänger der Reichsbürgerbewegung, die den deutschen Staat grundsätzlich nicht akzeptieren und dann natürlich auch nicht an Wahlen teilnehmen sowie ideologisch motivierte Protestnichtwähler und/oder Menschen, die glauben, die Wahlergebnisse würden ohnehin gefälscht.

Der mangelnde Glaube an die Wirksamkeit der eigenen Stimme ist aber die Grundlage der allermeisten Nichtwahlentscheidungen.

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 2 Wochen ago
  • You must to post comments
0
0

Sehr geehrter Herr Sommer,

vielen Dank für Ihre spannenden Impulse.

Ihre mehrfach und zuletzt geäußerte grundlegende Skepsis gegenüber dem System der sog. Zufallsbürger können wir nicht teilen. Die gesamte Stabsstelle der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung im Staatsministerium distanziert sich von dieser Haltung. Es gibt wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse dazu, u.a. hier: https://beteiligungsportal.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/beteiligungsportal/StM/Wissenschaftsbeirat/202018-Stellungnahme-Buergerforum_Opernsanierung_Stuttgart.pdf

Mit freundlichen Grüßen

Ulrich Arndt

  • Ulrich Arndt
  • last edited 2 Wochen ago
  • You must to post comments
0
0

Lieber Ulrich Arndt,

vielen Dank für Ihr Statement, auf das ich gerne antworten würde, doch leider fällt mir das gerade schwer, weil ich nicht weiß, auf welche Kritik am Konzept der „Zufallsbürger“ Sie sich genau beziehen.

Kritik kann man entgegnen, man kann Argumente entkräften, man kann sie auch ignorieren. Aber sich davon „distanzieren“ ist ein für mich zumindest neuer Umgang damit. Denn Kritik ist je erst einmal etwas Wertvolles, potentiell zu Weiterentwicklung Beitragendes. Sich davon zu distanzieren hieße doch, zu erwarten, jemand sei unkritisch. Das kann Ihre Intention sicher nicht sein.

Deshalb freue ich mich, wenn Sie konkret benennen, welche Kritik am „Zufallsbürger“ Sie für unberechtigt halten. Gerne hier, gerne auch persönlich. Dann können wir streiten. Und schauen, wie uns das weiterbringt. Jetzt ins Blaue mit möglichen, vermuteten Gegenargumenten von Ihnen zu hantieren, würde kaum funktionieren.

Zumal Sie ja wissen, dass ich alles andere als ein prinzipieller Gegner von nach Zufallsprinzip besetzten Beteiligungsstrukturen bin. Auf Bundesebene sind ohnehin nur zwei Prinzipien wirklich sinnvoll: Wahlen oder Zufallsauswahlen. Für ersteres haben wir ein etabliertes System. Das zweite wird gerade mit den Bürgerräten erprobt. Nur zu Erinnerung, das erste bundesweite mit in einem Zufallsverfahren ausgewählten Bürger*innen besetzte Gremium geht auf meine Initiative zurück. Es ist das Nationale Begleitgremium (NBG) im Suchverfahren für ein atomares Endlager. Ich denke, damit ist bereits ausreichend belegt, dass ich kein Gegner solcher Gremien bin.

Allerdings weise ich immer wieder darauf hin, dass Zufallsgremien nur ein Ausschnitt der Bürgerbeteiligung sind. Dezidiert Nichtbetroffene in Konflikten zu beteiligen, ist möglich, wird aber nicht immer zur Akzeptanz der Ergebnisse führen. Bürgerbeteiligung heißt auch den Dialog mit Betroffenen führen. Denn unsere Gesellschaft bezieht Stärke und Resilienz nicht aus mehr repräsentativen Gremien, gleich welchen Rekrutierungsmodellen sie folgen, sondern aus Dialogen zwischen Politik und Bürger*innen, zwischen Konfliktbeteiligten, zwischen Milieus und sozialen Blasen.

Zufallsgremien sind gut. Aber sie sind kein universelles Heilmittel. So wie ich nicht erwarte, dass das oben erwähnte nationale Begleitgremium die Betroffenenbeteiligung vor Ort in der zukünftigen Region ersetzen kann. Auch dazu haben wir in der Endlagerkommission gute Voraussetzungen geschaffen. Es wird in diesem konfliktreichen Verfahren noch sehr viel Beteiligung geben. Nicht nur mit „Zufallsbürgern“. Und das wird es auch brauchen.

Herzlichst, Jörg Sommer

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 2 Wochen ago
  • You must to post comments
0
0

Wenn es um Bürgerräte (oder anderen Beteiligungsformate mit Zufallsauswahl) geht, kommt mir regelmäßig folgender – an ein bekanntes Zitat angelehnter – Spruch in den Sinn: „Stell dir vor, es ist Bürgerbeteiligung, und du darfst nicht mitmachen.“ Das fände ich persönlich ausgesprochen schlimm: bei Themen, die mich persönlich betreffen/aufregen/wütend machen, nicht mitreden zu können, weil ich nicht zufällig ausgewählt wurde.

Man stelle sich vor: da soll vor meiner Haustür („in my backyard“) eine Großfabrik/Stromleitung/Umgehungsstraße errichtet werden und das Beteiligungsangebot lautet: Bürgerrat mit zufällig ausgewählten Teilnehmern. Meine ganz persönliche Betroffenheit, meine Sorgen und Ängste, aber auch meine Ortskenntnis zählen nichts, weil ich nicht ausgewählt wurde und deshalb nicht mitmachen kann. Da kann der Bürgerrat noch so schön deliberieren und ein noch so kluges Bürgergutachten erarbeiten, wenn ich nicht mitreden kann, werde ich das Ergebnis kaum akzeptieren.

Das soll nicht heißen, dass es keine Beteiligungsformate mit zufällig Ausgewählten geben darf. Im Gegenteil: diese sind notwendig, wichtig und hilfreich. Aber es darf nicht dabei bleiben – vor allem bei hoch kontroversen und umstrittenen Themen. In diesen Fällen muss ein Bürgerrat unabdingbar mit weiteren Beteiligungsformaten – insbesondere solchen, die Betroffene direkt einbeziehen – flankiert werden.

  • Andreas Paust
  • last edited 2 Wochen ago
  • You must to post comments
0
0

Lieber Andreas Paust,

Das ist eine sehr treffende Beschreibung der Problematik. Geht es um grundlegende Themen, um Qualität, um eine Bürger*innengetriebene Politikberatung zur Zukunftsgestaltung, dann kann es außerordentlich ergiebig sein, ein Gremium von Bürger*innen zusammenzustellen, das nicht von unmittelbarer Betroffenheit geprägt ist und sich deshalb auf eine entspanntere, offenere, lösungsorientiertete Debatte einlassen kann.

In diesem Fall ist es auch gut begründbar, dass die angestrebte Repräsentativität – keine Repräsentativität der Akteure sondern der Meinungen ist, wie es schon Habermas vor knapp 30 Jahren in seiner deliberativen Demokratietheorie entwickelte. Diese Meinungsrpräsentativität muss man dann aber auch sicherstellen. Das ist mit zufallsbasierten Verfahren machbar, aber nicht ganz unkomplex.

Ganz anders sieht es bei der Bearbeitung von Konflikten aus. Dort kann man versuchen, auf eine Meinungspräsentativität zu verweisen, allein: Es wird nicht funktionieren.

„Da kann der Bürgerrat noch so schön deliberieren und ein noch so kluges Bürgergutachten erarbeiten, wenn ich nicht mitreden kann, werde ich das Ergebnis kaum akzeptieren.“ – Genau das ist die Krux.

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 2 Wochen ago
  • You must to post comments
0
0

Bei der Auswahl der Einladungsmethode gibt es ja kein schwarz-weiss („Zufall“ oder „Betroffene“) sondern ein breites Farbspektrum (z.B. demographische Kontingente mit Zufallskomponente, Einladungen auf Basis einer Stakeholderanalyse, offene Formate mit Werbefokus in bestimmten Zielgruppen, Mischformen und Vieles mehr).

Ich denke daher, dass wir diesen vordergründigen Streit innerhalb der Fachcommunity etwas beiseite schieben und ihn gleichzeitig vertiefen sollten: Denn letztlich hängt die Auswahl des passenden Einladungsverfahrens wieder von der angestrebten Wirkung ab.

Will ich ein allgemeingültiges Gesetzesvorhaben qualifizieren und in der öffentlichen Debatte absichern? Das ist ein guter Grund für eine stärkere Zufallskomponente bei der Einladung. Will ich einen spezifischen Konflikt zwischen identifizierbaren Stakeholdern bearbeiten? Klarer Fall für eine intensive Interessenanlyse und aktive Identifikation von teilnehmenden Personen.

Also: Erst die mögliche und wirklich gewollte Wirkung beschreiben. Dann das Einladungsverfahren passend dazu bauen. Lassen Sie uns darüber streiten, denn bei der Wirksamkeit von Partizipation liegt einiges im Argen!

Viele Grüße vom Ostseestrand
Hans Hagedorn (Partizipationsbeauftragter
am Nationalen Begleitgremium)

  • Hans Hagedorn
  • last edited 2 Wochen ago
  • You must to post comments
0
0

Lieber Hans Hagedorn,

Das Bild des „breiten Farbspektrums“ gefällt mir gut. Vielen Dank für Ihre differenzierenden Erläuterungen. Es bleibt allerdings eine prinzipielle Frage, ob „Selbstrekrutierung“ aus subjektiver Betroffenheit ermöglicht wird, oder nicht. Manchmal muss man das. Völlig gefährlich wird es dann, wenn eine (mehr oder weniger) zufällige Rekrutierung durch den Beteiligen erfolgt, aber eine Betroffenenbeteiligung suggeriert wird. Diesen Fall hatte ich erst kürzlich in einem Nahverkehrsprojekt in Norddeutschland. Da waren dann in der Folge alle Brücken eingerissen, weil die Betroffenen sich komplett manipuliert fühlten. Der Ausweg war dann nur eine extrem mühsame und schmerzhafte konsequente Betroffenenbeteiligung.

Und ja, die Sache mit der Wirksamkeit (um die es in diesem Text ja eigentlich ging, die Zufallsfrage war nur eine Randnotiz) bleibt eine zentrale Herausforderung. Denn egal, wer wie zu einem Beteiligten wurde: Wirkungslose Beteiligung produziert Frustrationen und Ablehnung. Und das nutzt Niemandem.

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 2 Wochen ago
  • You must to post comments
Showing 9 results
Ihr Kommentar
Post as a guest by filling out the fields below or if you already have an account.
Name*
E-mail*
Website
Ihre Gedanken zu diesem Beitrag ...