Wie moderiert man Demokratie?

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Wir haben in den vergangenen Wochen über Gute Beteiligung gesprochen, über ihre Grundsätze, über Einflussfaktoren, über Haltung, über Prozesse, Erwartungen und Ergebnisse. Es gab sehr viele Rückmeldungen dazu, viel Lob, manche Ergänzung, auch Kritik. Zwischenzeitlich verbringe ich etwa viermal so viel Zeit mit der Beantwortung von Kommentaren als mit dem Schreiben neuer Texte.
Aber das ist in Ordnung. Es hilft sehr dabei, Themen herauszufiltern, die in unserem immer noch dynamisch wachsenden Kreis von besonderem Interesse sind. Ein solches Thema ist die bislang von mir in der Tat vernachlässigte Rolle der Moderation von Diskursen, Beteiligungs- und anderen demokratischen Prozessen.

Deshalb setzen wir heute in unserer Serie zu den Grundsätzen Guter Beteiligung kurz aus und sprechen über Moderation. Dabei geht es weniger um Tipps, Tricks und Techniken. Eher über die Rolle von Moderierenden und um die Frage, woran man erkennt, ob ein moderierter Prozess tatsächlich erfolgreich war. Denn das ist letztlich keine Frage des Formats oder der Technik, sondern einer im Idealfall gemeinsam entwickelten Diskurskultur. Wie wichtig ist also die Rolle der Moderation in Beteiligungsprozessen?

Aus den Erfahrungen von inzwischen rund 40 Jahren Tätigkeit im Design demokratischer Prozesse habe ich die Einschätzung gewonnen, dass die Moderation einer von drei Akteuren ist, zwischen denen gar keine sinnvolle Bedeutungshierarchie definiert werden kann.

Insbesondere in Beteiligungsprozessen bilden Moderation, Beteiligende und Beteiligte ein dynamisches Dreieck, dessen Funktionieren von allen drei Rollen und insbesondere von deren wechselseitigem Verhältnis abhängt. Und wie wir aus unzähligen Liebesromanen, -filmen und -dramen wissen: Dreiecksverhältnisse sind kompliziert. Was also sorgt dafür, dass dieses spezielle Dreiecksverhältnis funktioniert?

Werfen wir gemeinsam keinen technischen, sondern einen kulturellen Blick auf den Prozess. Das ist eine etwas ungewöhnliche Herangehensweise. Doch neue Perspektiven eröffnen neue Bilder. Neue Bilder ermöglichen neue Erkenntnisse. Daran sind wir schließlich interessiert. Kultur lebt von Investitionen der Akteure, von Erfahrungen, die diese sammeln und von Veränderungen, die sie auslöst. Genau diese drei Aspekte wollen wir uns nun einmal in einem gelingenden moderierten Beteiligungsprozess anschauen.

Ob Zeit, Geld, Geduld – ohne Investitionen funktioniert Beteiligung nicht. Aber welche Investitionen sind es, die eine erfolgreiche Beteiligungskultur braucht?

Hier kommen einige Begriffe ins Spiel, die Sie vermutlich schon öfter in Sachen Beteiligung gehört oder gelesen haben, heute aber möglicherweise in ungewohntem Zusammenhang. Denn wir konzentrieren uns auf jeweils zwei elementare Kerninvestitionen, die jede Rolle in unserem Dreieck gegenüber den beiden anderen anbieten kann.

Investieren müssen die Beteiliger in die Beteiligten vor allem Wertschätzung. Denn nur dann, wenn Sie diese als Individuen ernst nehmen, ihre Erfahrungen wirklich hören wollen und davon überzeugt sind, dass sie zu einem besseren Ergebnis beitragen wollen und können, dann ist es ihnen möglich, diese Wertschätzung auszudrücken. Und darum geht es. Nicht um formelle Bezeugungen, sondern um wirkliches Erleben von Wertschätzung.

Nur dann ist es den Beteiligten auch möglich, gegenüber den Beteiligern im Gegenzug ihrerseits eine Investition entgegenzubringen: Die Akzeptanz deren Rolle, deren Kompetenz und deren ehrlichem Interesse an einem guten Prozess und Ergebnis. Beteiligte, die die Motivation und Intention der Beteiliger akzeptieren, können sich weitgehend vorbehaltlos auf den Prozess einlassen.

Betrachten wir das Verhältnis zwischen Moderation und Beteiligten. Eine gute Moderation investiert in die Beteiligten vor allem Empathie. Nur Beteiligte, die spüren, dass die Moderation ihnen ehrliche Neugier und emotionale Zugewandtheit entgegenbringt, sind im Gegenzug bereit, Vertrauen in die Moderation zu investieren, die vielleicht kritischste von allen Investitionen in der Beteiligung.

Oft unterbelichtet ist das Verhältnis zwischen Moderation und Beteiligenden. Auf den ersten Blick ist es ein emotionsloses Geschäftsverhältnis: mehr oder weniger angemessenes Honorar gegen verlässliche Dienstleistung. Doch auch hier sind zusätzliche Investitionen gefragt: Bei aller Empathie gegenüber den Beteiligten darf die Moderation nie Zweifel daran lassen, dass die den Beteiligenden gegenüber tiefen Respekt entgegenbringt. Die Moderation wird auch engagiert, weil sie einige Dinge besser kann als die Beteiligenden. Doch das heißt nicht, dass diese unterlegen oder gar inkompetent sind. Beteiligende riskieren viel, auch emotionale Achterbahnfahrten, Kritik, Konflikte. Dafür haben sie nicht nur Respekt verdient. Sie brauchen ihn auch, um in kritischen Phasen selbst souverän zu bleiben.

Und sie brauchen Respekt, um ihrerseits in die Moderation eine essentielle Investition tätigen zu können: Subsidiarität. Dieses Fremdwort wird in unterschiedlichen Kontexten verwendet. Hier meint es: Aktives, unterstützendes Vertrauen. Es geht nicht um Abwarten und Zuschauen, nicht um Steuern oder Korrigieren, sondern um eine aktive Unterstützung in allem, was die Moderation für angemessen hält. Denn die Moderation ist keine Dienstleistung an den Beteiligenden, sondern eine Dienstleistung am Prozess.

Gelingt es allen am Prozess Mitwirkenden, diese Investitionen einzubringen, dann führt dies im Gegenzug zu Erfahrungen, die den Erfolg der Beteiligung ermöglichen:

Die Moderation erlebt eine offene, starke, positive Konfliktkultur, die den Umgang mit unterschiedlichen Meinungen, Sichtweisen, Vorlieben, Sorgen und Lösungsansätzen nicht als Belastung, sondern als Treiber eines gemeinsamen Prozesses wahrnimmt. Die Beteiliger erleben ein reales Ringen um Qualität, also ein hochwertiges Ergebnis, dass möglicherweise anders ausfällt, als ihr Input oder ihre Erwartungen, in keinem Falle jedoch schlechter. Die Beteiligten schließlich erleben das, was nicht nur den konkreten Prozess trägt, sondern auch eine nachhaltige Wirkung bei ihnen selbst und in ihrem Umfeld: Selbstwirksamkeit.

Diese drei Erlebnisse, und tatsächlich nur alle drei Erlebnisse gemeinsam, ermöglichen den im Prozess Mitwirkenden eine gemeinsame Transformation: Nämlich die Emanzipation von ihren anfänglichen Rollen.
Es geht für die einen nicht mehr um die Generierung von Akzeptanz, für die anderen nicht mehr ums Verhindern oder die Abrechnung mit „denen da oben“, für die dritten nicht mehr um Zuschauen, Erdulden oder wegmoderieren von Hindernissen – es geht für alle darum, ein kollektives Ergebnis zu erzielen und auch nach außen zu vertreten.

Das gelingt nicht immer. Und nicht jeder Prozess, der diese Stufe nicht erreicht, ist schlecht oder gar gescheitert. Aber wenn es gelingt, diese Stufe echter Beteiligungskultur zu erreichen, dann sind nicht nur die formalen Ergebnisse, sondern auch der dadurch generierte „demokratische Spirit“ wahrlich alle Mühe wert. Woran Sie das erkennen? Es gibt einige Anzeichen, u.a. die Überzeugung, mit der alle Beteiligten noch lange danach über ihre Erfahrungen sprechen. Tatsächlich aber ist es ähnlich wie bei dem „Flow“, von dem Langstreckenläufer berichten: Man kann nicht sagen, woran man es merkt, aber man merkt ganz genau, wenn es passiert.

Natürlich kann man sich der Frage „Wie gelingt Beteiligung?“ auch ganz anders nähren. Die Allianz Vielfältige Demokratie hat 10 Grundsätze formuliert. Das Berlin Institut für Partizipation hat seinem aktuell in Entwicklung befindlichen Qualitätsmanagmentsystem bislang 84 Kriterien zugrunde gelegt. Die Forschungsgruppe „Partizipation“ der Gesellschaft für Jugend- und Sozialforschung nennt 176 Erfolgsindikatoren. Es gibt weitere Modelle.

Das hier vorgestellte kulturelle Modell klingt im Vergleich möglicherweise unterkomplex. Aber das ist es nicht. Es ist sogar außergewöhnlich anspruchsvoll. Und es ist auch umgekehrt ein hilfreiches Tool.
Machen Sie einfach einmal die Gegenprobe bei einem Prozess, den Sie als mehr oder weniger unbefriedigend empfunden haben. Bei mindestens einer der sechs genannten Kerninvestitionen stellen Sie rasch fest: Das hat nicht funktioniert.

Ich gebe zu: Heute war es ein wenig theoretischer als sonst. Ich freue mich, dass Sie dennoch bis zum Ende durchgehalten haben und hoffe, Ihre Investition hat sich für Sie gelohnt. Ab der kommenden Woche betrachten wir dann den zweiten Block der eher praktischeren 10 Grundsätze Guter Beteiligung.
Anschließend haben wir bis zum Ende des Jahres schon einen langen Themenkatalog. Dennoch freue ich mich auch weiter über jeden Anregung und jeden Themenwunsch. Sollten uns diese irgendwann ausgehen, hätten wir immer noch die oben erwähnten 176 Indikatoren gelingender Partizipation.
Aber davor fällt uns gemeinsam sicher noch viel Interessantes ein.

Jörg Sommer ist Direktor der Berlin Instituts für Partizipation und Verfasser des wöchentlich erscheinenden Newsletters demokratie.plus, den Sie hier abonnieren können. Die einzelnen Augaben werden hier im Debatten-Bereich aufgenommen, um den Leserinnen und Lesern eine Kommentierung und Diskussion zu ermöglichen.

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In dieser Rubrik veröffentlichen wir in regelmäßigem Abstand meinungsstarke Gastbeiträge zu unterschiedlichen Aspekten der Demokratie und insbesondere der politischen Teilhabe. Die Meinung der Autor*innen entspricht nicht zwangsläufig der Meinung unseres Instituts und/oder seiner Mitglieder. Tatsächlich ist dies sogar in der Regel nicht der Fall. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass der demokratische Diskurs unterschiedliche Meinungen aushalten und zum Anlass von Debatten nehmen muss. Deshalb bieten wir hier ein Forum für Meinungsbeiträge von Mitgliedern und Gästen. Sie können alle Beiträge in dieser Rubrik ausführlich kommentieren.
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Guten Tag Herr Sommer,

vielen Dank für Ihren immer interessanten Newsletter, den ich wahrscheinlich so gerne lese, weil wir uns in unseren Ansichten sehr ähnlich sind. (Wer lässt sich nicht gerne seine Meinung bestätigen, ob nun in guten oder bedenklichen Ansichten.)
Zum aktuellen Thema: Der Beziehung Auftraggeber/Beteiligender und Moderator/Prozessgestalter wird auch aus meiner Sicht zu wenig Bedeutung beigemessen. Dabei werden gerade in der Phase der Auftragsklärung die Weichen für einen guten Prozess gestellt. Gerade bei der Auftragsklärung, Definition der Zielstellungen und gemeinsamen Ausarbeitung erlebe ich das ein oder andere Aha-Erlebnis auf der „anderen Seite“. Es besteht die Chance, bei den Beteiligenden zunehmend ein Verständnis für gute Beteiligung zu entwickeln, also die Haltung, die so wichtig ist und die ehrliches Wollen von Worthülsen wie „Andere mitnehmen“ (wir sagen, wo es lang geht) und „auf Augenhöhe kommunizieren“ (wir beugen uns mal für kurze Zeit weit runter) und plumper Akzeptanzbeschaffung unterscheidet. Wir Prozessgestalter haben durchaus die Chance in diesen Projekten, Einfluss auf die Beteiligenden und damit auf die Rahmenbedingungen zukünftiger Prozesse zu nehmen. Die Erfahrung kann man machen, wenn man häufiger mit gleichen Auftraggebern zusammenarbeitet, vor allem, wenn die Kooperation mit gelingenden und wirkungsvollen Prozessen und guter Gesprächskultur belohnt werden.

Freue mich auf weiteren Lesestoff.
Viele Grüße
S. Säck-da Silva

  • Dr. Sabine Säck-da Silva
  • last edited 4 Monaten ago
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Liebe Frau Dr. Säck-da Silva,

Ihre Erfahrungen und Einschätzungen teile ich. Tatsächlich sind die didaktische Effekte bei den Auftraggebern, die in einem längeren Prozess der Zusammenarbeit mit guten Dienstleistern entstehen, oft ganz erheblich. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Aufträge nicht nur formal ausgeschrieben, sondern im Gespräch mit möglichen Dienstleistern erst final ausgestaltet werden. Das ist nur leider nicht immer die Regel – und auch nicht ganz einfach umzusetzen, denn das Ausschreibungsrecht ist ja im allgemeinen eher auf Bauvorhaben und sehr konkrete Leistungserbringungen zugeschnitten und nur bedingt flexibel. Wenn man typische Ausschreibungen für Beteiligungsprozesse sieht ist dort oft – und meist von Laien – alles bis ins kleinste Format vorgegeben. Das ist oft ein schwieriger Start für eine gelingende Beteiligung. Andererseits ist seit geraumer Zeit eine gewisse Durchlässigkeit zwischen Dienstleistungsbranche und Verwaltungen zu beobachten, Verwaltungen holen sich also bisher Dienstleister als Beschäftigte zum Aufbau von Beteiligungsstrukturen ins Haus – das sorgt dann in der Folge häufig auch für sensiblere und praxisnähere Ausschreibungen.

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 4 Monaten ago
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