Vielfalt ist der Schlüssel

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Es beginnt immer mit den kleinen Dingen. Etwas ist anders, aber es fällt kaum auf. Manchmal dauert es Jahre, bis man es bemerkt. Noch länger, bis man die unterschiedlichen Anzeichen in Zusammenhang bringt, zu deuten weiß – und dann kann es fast schon zu spät sein.

Nehmen wir ein Beispiel: Bis vor wenigen Jahren war eine der gefragtesten Dienstleistungen an deutschen Tankstellen ein Eimer Wasser mit einem Wischer. Oft hielten PKWs, deren Tank noch halb voll war – nur um die von hunderten toten Insekten verschmierte Scheibe wieder freizuschrubben.

Als ich das letzte Mal im Auto über 1.000 Kilometer zurücklegte, hatte die Windschutzscheibe genau zwei nennenswerte Kleckse.

Wo sind die Insekten?

Im vergangenen Herbst haben wir in unserem Garten ein neues Vogelhaus aufgestellt. Hübsch, vor allem aber praktisch. Regelmäßig haben wir Futter eingestreut. Gesehen haben wir Vögel an gerade mal 3 Tagen im gesamten Winter.

Wo sind die Vögel?

Aktuell steht unser Kirschbaum in voller Blüte, auch die Mirabelle. Und die Zwetschge. In einem ruhigen, naturnahen, vielfältigen Garten. Ob wir in diesem Jahr ernten werden, weiß ich nicht, denn es fehlt etwas Wichtiges: Das geschäftige Summen.

Wo sind die Bienen?

In diesem Fall wissen wir es schon einige Zeit: Um die Biodiversität in unserem Land (und weltweit) ist es schlecht bestellt. Und das ist ein Problem, dass dem Klimawandel kaum nachsteht. Wenn in einem Ökosystem die Vielfalt leidet, sinkt die Resilienz – die Widerstandsfähigkeit des gesamten Systems. Ein totaler Kollaps ist oft die unmittelbare Folge. Das kann dauern. Aber es passiert.

Vielfalt als Grundlage von Resilienz ist das Thema, über das wir heute sprechen wollen. Es geht um Vielfalt in einem anderen System:

Unserer Demokratie.

Es ist kein Zufall, dass der Name eines der spannendsten und produktivsten Netzwerke zur Förderung politischer Teilhabe „Allianz Vielfältige Demokratie“ lautet.

Wenn sich die über 200 Mitglieder der Allianz in der kommenden Woche zu ihrer Jahrestagung treffen, ist diese Vielfalt schon allein im Teilnehmer*innenkreis abgebildet: Beteiligungspraktikerinnen, Wissenschaftlerinnen, Mandatsträgerinnen, Unternehmerinnen, Vertreterinnen von Verbänden und engagierte Bürgerinnen (sowie ihre männlichen Kollegen) arbeiten dort gemeinsam seit Jahren an Innovationen zur Stärkung der Demokratie.

Die „Vielfalt“ in der Allianz bezieht sich dabei jedoch nicht auf ihre Mitgliederstruktur, sondern tatsächlich auf die demokratischen Säulen unserer Gesellschaft.

Es stimmt: Wir haben in Deutschland eine repräsentative Demokratie. Freie Wahlen sind die Basis von Parlamenten und Regierungen. Doch unsere Demokratie ist unter Druck geraten. Populisten und Demokratieverächter im Aufwind – in einem Ausmaß, das wir uns vor 20 Jahren noch nicht vorstellen konnten. Es besteht die Gefahr, dass wir uns daran gewöhnen. Dass wir die vielen kleinen Warnsignale nicht wahrnehmen. Dass wir die aktive oder passive Abwendung vieler Menschen von der Demokratie hinnehmen – und irgendwann, ganz ähnlich wie bei der Biodiversität aufwachen, wenn es spät, sehr spät, möglicherweise zu spät ist.

Wenn aber die Resilienz eines Systems mit der Vielfalt zusammenhängt, dann lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie wir unsere Demokratie vielfältiger und damit resilienter machen können.

Das ist die Vielfalt in der „Allianz Vielfältige Demokratie“. Doch wie sieht sie genau aus?

Es geht nicht um die Vielfalt der Meinungen. Die gibt es in unserer freien Gesellschaft ohne Zweifel. Man darf alles glauben, alles denken, für alles auf die Straße gehen – sei es klug, weise, kritisch oder schlicht bekloppt.

Es geht auch nicht um die Vielfalt der Gremien und Institutionen. Wir haben kommunale, regionale, landesweite, nationale und europäische Parlamente, Regierungen und Wahlen. Wir haben mehr demokratische Institutionen, Gremien, Ausschüsse und Kommissionen als die meisten von uns jemals wahrnehmen werden.

Es geht auch nicht um die Vielfalt der Parteien. Allein sieben sitzen aktuell im Deutschen Bundestag, bei der letzten Bundestagswahl traten 63 Parteien an. Nicht wenige davon haben auf kommunaler Ebene auch Mandate erringen können.

Tatsächlich tragen auch diese Vielfalten zur Resilienz einer Demokratie bei. Allerdings nicht in entscheidendem Maße. Die tatsächlich entscheidende Vielfalt ist eine andere.

Leser*innen unseres Newsletters aus der vergangenen Woche ahnen es bereits. Wir hatten den so schön spröden Begriff der demokratischen „Selbstwirksamkeitserfahrung“ diskutiert:

Demokratie braucht Demokrat*innen. Demokrat*innen brauchen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit in demokratischen Prozessen. Nur so entsteht ein nachhaltig positives Verhältnis zu Demokratie, das auch Niederlagen und Frustrationen übersteht. Exakt das ist Resilienz.

Und exakt das ist ein systemisches Problem von repräsentativer Demokratie: Wird die politische Teilhabe auf die Teilnahme an Wahlen reduziert, dann sind Anzahl, Umfang und Intensität dieser Selbstwirksamkeitserfahrungen ungefähr so beeindruckend wie die eingangs erwähnte Windschutzscheibe nach 1.000 Reisekilometern.

Wenn die Resilienz unserer Demokratie also von diesen Selbstwirksamkeitserfahrungen der Menschen abhängt, dann benötigen wir mehr davon. Viel mehr. Sehr viel mehr.

Das heißt nicht, dass wir nun unsere Wahlperioden verkürzen und alle 14 Tage einen neuen Bundestag wählen.

Stattdessen brauchen wir weitere Prozesse der Selbstwirksamkeitserfahrung, andere, ergänzende, neue – kurz: vielfältige.

Welche das sind, welche Rolle dabei direktdemokratische Entscheidungen, Beteiligungsprozesse, Bürger*innenräte spielen, wie das alles zusammenhängt, wie es zu mehr Miteinander und Gemeinwohl führt statt zu einer Kakophonie von Partikularinteressen – dazu hat sich eben die genannte „Allianz Vielfältige Demokratie“ kluge Gedanken gemacht und ein praktikables Konzept entwickelt.

Nächsten Donnerstag wird sie im Rahmen ihrer Jahrestagung weiter daran feilen – ich werde es Ihnen genau an diesem Tag ausführlicher vorstellen – in der kommenden Ausgabe von demokratie.plus.

Bis dahin: Bleiben Sie gesund!

Jörg Sommer ist Direktor der Berlin Instituts für Partizipation und Verfasser des wöchentlich erscheinenden Newsletters demokratie.plus, den Sie hier abonnieren können. Die einzelnen Ausgaben werden hier im Debattenbereich aufgenommen, um den Leser*innen eine Kommentierung und Diskussion zu ermöglichen.

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In dieser Rubrik veröffentlichen wir in regelmäßigem Abstand meinungsstarke Gastbeiträge zu unterschiedlichen Aspekten der Demokratie und insbesondere der politischen Teilhabe. Die Meinung der Autor*innen entspricht nicht zwangsläufig der Meinung unseres Instituts und/oder seiner Mitglieder. Tatsächlich ist dies sogar in der Regel nicht der Fall. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass der demokratische Diskurs unterschiedliche Meinungen aushalten und zum Anlass von Debatten nehmen muss. Deshalb bieten wir hier ein Forum für Meinungsbeiträge von Mitgliedern und Gästen. Sie können alle Beiträge in dieser Rubrik ausführlich kommentieren.
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