Kein Grund zur Panik

0
0

Es ist etwas still geworden um Greta Thunberg. Sie erinnern sich? Das Mädchen, dessen ganz persönlicher Schulstreik gegen das Ignorieren des Klimawandels kaum jemand interessierte – bis daraus eine internationale Bewegung wurde, die Freitag für Freitag nicht mehr in die Schule, sondern auf die Straße ging. Das brachte ihr erhebliche (und wie immer kurzlebige) Aufmerksamkeit, die sie nutzte, unter anderem, um ihre berühmte Botschaft zu platzieren: „Ich will, dass Ihr in Panik geratet“

Diese Worte sind alles andere als ein bockiger Ausruf einer renitenten 16-Jährigen. Tatsächlich zeugen sie von einer cleveren Analyse gesellschaftlichen Wandels. Warum? Weil die Geschichte des gesellschaftlichen Wandels seit Anbeginn der Zeiten immer wieder zeigt: Tiefgreifender Wandel findet dann statt, wenn es zu großen, nicht mehr aussitzbaren Konflikten kommt. So gut wie nie in der Geschichte gab es eine gemütliche, positive, schrittweise, sozialverträgliche, evolutionäre Entwicklung von mehr Wohlstand, mehr Teilhabe, mehr heiler Welt für alle. Veränderungen beruhten immer auf Konflikten und endeten häufig in einem kompletten Umsturz von gesellschaftlichen Strukturen, politischen Systemen, Nationen und Kontinenten.

„Panik“ als Auslöser eines globalen, tiefgreifenden Wandels hin zu einem klimagerechten Leben und Wirtschaften ist also durchaus eine Utopie, aber keine völlig absurde. Unter dem Strich ist sie weitaus realistischer als eine „Rettung der Welt“ durch kleine politische Nachjustierungen, neue Produkte, weniger Fleischkonsum, mehr Windräder und Elektroautos sowie Aktionen im Stil von „Wir pflanzen einen Baum für jeden neuen Versicherungsvertrag“.

Panik ist dabei sicher kein guter Ratgeber, sie beschreibt aber sehr treffend die Situation, in der große, fundamentale gesellschaftliche Veränderungen möglich werden.

Sie müssen dabei aber nicht automatisch immer zum Besseren sein. An einem Wandel unserer Demokratie arbeiten sich aktuell viele Kräfte ab, einige davon haben sehr autoritäre, rückwärtsgewandte Vorstellungen. Nicht alle schwenken eine Reichskriegsflagge, aber mit einer offenen, lebendigen Demokratie können viele von ihnen nichts anfangen.

Andere wiederum arbeiten an der Stärkung unserer Demokratie, engagieren sich für mehr politische Teilhabe, organisieren Beteiligungsangebote, erproben neue Formate – bis hin zum Deutschen Bundestag, der mit dem aktuell durchgeführten „Bürgerrat“ ganz neue Wege geht und so unsere repräsentativen Strukturen revitalisieren will.

Geboren sind diese Experimente und Prozesse nicht aus Panik, wohl aber aus der Erkenntnis, dass wir eine schleichende Destabilisierung unserer Demokratie erleben. Umwälzende gesellschaftliche Transformationen wurden und werden aus großen Konflikten geboren, doch „kleine“ Konflikte sind für echte, nachhaltige Reformen wichtig.

Das gilt tatsächlich auch für die Entwicklung der Bürgerbeteiligung in der vergangenen Dekade. Das Desaster um Stuttgart 21, als ein Bahnhofsneubau ein ganzes Bundesland zu spalten drohte, war so ein Impuls, der in Baden-Württemberg sogar mit Gisela Erler so etwas wie eine „Beteiligungsbeauftragte“ auf Kabinettsebene ermöglichte. Der festgefahrene Konflikt um ein atomares Endlager mit dem krachenden Scheitern des Standorts Gorleben führte zum Konzept einer neuen, weitgehend partizipativen Endlagersuche mit dem „Nationalen Begleitgremium“. Es war das erste Beteiligungsformat auf Bundesebene, das (teilweise) mit mehr oder weniger zufällig ausgewählten Bürger*innen arbeitet. Die Notwendigkeit, mehr Tempo in jahrzehntelange Planungsprozesse für Infrastrukturvorhaben (auch im Kampf gegen den Klimawandel) zu bringen, führte zu mehr, umfassender und früherer Beteiligung.

Das sind nur drei Konflikte, die bei allem Streit am Ende wichtige Impulse für mehr politische Teilhabe produzierten. Sie zeigen exemplarisch, dass wir unsere Demokratie weiter und breiter entwickeln können.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Konflikte Treiber des Wandels sind. Wir haben die Wahl: Ignorieren wir sie, stauen sie sich irgendwann auf und haben letztlich das Potential, eine ganze Gesellschaft zu zerlegen. Nehmen wir sie an, helfen sie uns dabei, unsere Demokratie zu stärken, indem wir sie verändern. Diese Anpassung mag hin und wieder schmerzhaft sein, glatt verläuft sie nie. Aber wie sagen erfolgreiche Sportler*innen: „Es sind die kleinen Schmerzen, die dich weiterbringen.“

Übrigens gilt all dies auch für die „kleinen“ Prozesse vor Ort, in unseren Kommunen und anderswo: Konflikte sind nie das Problem. Es ist der Umgang mit ihnen.

Verstehen wir sie als Impulse für mehr Diskurs und Beteiligung, machen sie uns stark. Ignorieren wir sie oder sehen sie als „Störung“ unserer eingefahrenen Gemütlichkeit, dann wird irgendwann kein Diskurs mehr möglich sein, sondern nur noch Disruption.

Im Grunde sind solche Konflikte also nie ein Grund zur Panik. Eher zur Freude. Denn was aus ihnen wird, hängt allein von uns ab: Sehen wir sie als Chancen, sind sie welche. Sehen wir sie als Bedrohung, werden sie auch dazu.

Alles in allem: Es gibt viele Gründe, mehr Teilhabe zu organisieren – aber keinen Grund zur Panik.

Jörg Sommer ist Direktor der Berlin Instituts für Partizipation und Verfasser des wöchentlich erscheinenden Newsletters demokratie.plus, den Sie hier abonnieren können. Die einzelnen Ausgaben werden hier im Debattenbereich aufgenommen, um den Leser*innen eine Kommentierung und Diskussion zu ermöglichen.

  • You must to post comments
In dieser Rubrik veröffentlichen wir in regelmäßigem Abstand meinungsstarke Gastbeiträge zu unterschiedlichen Aspekten der Demokratie und insbesondere der politischen Teilhabe. Die Meinung der Autor*innen entspricht nicht zwangsläufig der Meinung unseres Instituts und/oder seiner Mitglieder. Tatsächlich ist dies sogar in der Regel nicht der Fall. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass der demokratische Diskurs unterschiedliche Meinungen aushalten und zum Anlass von Debatten nehmen muss. Deshalb bieten wir hier ein Forum für Meinungsbeiträge von Mitgliedern und Gästen. Sie können alle Beiträge in dieser Rubrik ausführlich kommentieren.
0
0

Sehr geehrter Herr Sommer,
kleiner – aber wichtiger – Kommentar zu Ihrem Blick auf eine junge Frau:
Ich finde Ihre Formulierung ziemlich daneben bezgl.: „Das Mädchen, dessen ganz persönlicher Schulstreik…..“
Es handelt sich um eine junge Frau, die sehr engagiert für eine bessere, sauberere Umwelt – also um unser aller Zukunft – kämpft.

Hätte ein 16-jähriger Schüler diesen Schulstreik begonnen, so hätten höchstwahrscheinlich sämtl. Medien von einem jungen Mann berichtet. Niemand hätte gesagt oder geschrieben, „der 16-jährige Bub“ oder „der 16-jährige Junge“….

Ich finde es sehr wichtig, dass in unserer Gesellschaft und insbes. in den Medien Frauen genauso ernst genommen werden wie Männer, egal ob jung oder alt. Das uralte Fräulein oder das Mädchen wurde und wird immer noch dazu genutzt, Frauen abzuwerten bzw. nicht so ganz ernst zu nehmen (siehe auch Kommentare wie: die soll mal lieber in die Schule gehen und das Klimaproblem den Fachleuten überlassen….).

Sie haben das sicherlich nicht böse gemeint – aber es kommt doch etwas arrogant ‚rüber.
MfG Heidrun Hampel

  • Heidrun Hampel
  • last edited 3 Monaten ago
  • You must to post comments
0
0

Liebe Heidrun Hampel,

liegt nichts mir ferner, als mich despektierlich über die (zwischenzeitlich) junge Frau Greta Thunberg zu äußern. Allerdings: Ihr Klimaengagement begann sie im Alter von 12 Jahren, so richtig öffentlich bekannt wurde sie mit 15. Ohne jegliche Wertung oder Verniedlichung damit zu verbinden oder gar zu bezwecken halte ich die Bezeichnung „Mädchen“ da nicht für verwerflich. Ich würde auch Jungs in diesem Alter eher Jungs als „junge Männer“ nennen.

Und das gilt auch für 16-jährige. Ich kenne eine Menge Jungs in diesem Alter. Und ja, auch nach reiflichem Nachdenken: Junge Männer wäre nicht die Bezeichnung, die sich mir aufdrängen würde. Auch was meine eigene Biografie betrifft: Junger Mann wäre für mich im Alter von 16 definitiv eine krasse Fehlbezeichnung gewesen.

Insofern bitte ich um Nachsicht, zumal Sie nicht nur aus diesem Text sondern auch aus meinen sonstigen Äußerungen zum Thema entnehmen können, dass ich schon inhaltlich keinerlei Versuche unternehmen würde, die Leistung von Greta Thunberg oder den anderen Mädchen, Jungen und jungen Erwachsenen der Fridays4Future Bewegung zu delegitimieren. Im Gegenteil: Gerade, weil es so junge Menschen sind, haben sie meinen besonderen Respekt!

Herzlichst, Jörg Sommer

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 3 Monaten ago
  • You must to post comments
0
0

Lieber Herr Sommer,
da muss ich mich doch mal wieder melden: In Ihrem Beitrag fehlt mir der Gedanke / die Beobachtung, dass Menschen immer erst dann zur Höchstform auflaufen, wenn die Katastrophe bereits im Gange ist.

Da gibt es genügend Manager, die in normalen Zeiten versagen, aber in der Katastrophe richtig gut werden. Und es gibt viele Menschen, die erst dann wirkliche Höchstleistung erbringen, wenn sie die Katastrophe bekämpfen.

So jedenfalls verstehe ich Greta Thunberg, die das vermutlich auch beobachtet hat.
Nicht in Panik verfallen – ist sicher richtig, denn Panik bedeutet den Kopf verloren haben.
Aber in Katastrophenstimmung bitte schon verfallen, weil das dann die meisten Menschen zu Höchstleistungen anregt.

Das Problem von Greta: Wie versetzt man Menschen in Katastrophenstimmung? Ein etwas wärmeres Wetter erzeugt die bekanntlich nicht. Und die anderen Auswirkungen der Klimakatastrophe muss man sich rational klarmachen, sie bewirken keine Gefühle, keine Stimmung. Ähnliches gilt für das Problem des demokratischen Wandels. Wäre es nicht wert, sich darüber Gedanken zu machen, wie man die Menschen dazu motiviert, sie dazu also in die entsprechende Stimmung versetzt?

Bin gespannt auf Ihre Antwort
herzlichst Michael Mörike, Integrata-Stiftung für humane Nutzung der IT

  • Michael Mörike
  • last edited 3 Monaten ago
  • You must to post comments
Showing 3 results
Ihr Kommentar
Post as a guest by filling out the fields below or if you already have an account.
Name*
E-mail*
Website
Ihre Gedanken zu diesem Beitrag ...