Die Gefahr der schnellen Demokratie

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Fangen wir heute mal mit ein wenig Gehirnjogging an. Wir müssen unsere kleinen grauen Zellen nämlich aufwärmen, denn später wird es anspruchsvoll. Bereit? Also los.

Rechnen Sie – im Kopf – bitte so schnell wie möglich das Ergebnis von 13 x 41,7 aus.

Haben Sie’s? Oder doch keine Lust gehabt? Macht nichts.

Eine zweite Aufgabe habe ich noch für Sie. Diesmal ist es deutlich leichter, deshalb zählt das Tempo:

Seerosen in einem Teich verdoppeln die von ihnen bewachsene Fläche jeden Tag. Wenn der See nach 48 Tagen komplett mit Seerosen bedeckt ist, wie lange hat es gedauert, bis er zur Hälfte bedeckt war?

Na. War doch nicht schwer, oder?

Das Ergebnis lautet übrigens nicht 24 Tage. Richtig wäre 47, denn die Verdoppelung dauert ja jeweils nur einen Tag.

Sollten Sie auf 24 getippt haben, sind Sie in guter Gesellschaft. Sie haben nämlich versucht, die Aufgabe intuitiv zu lösen. Das ist völlig normal.

Tatsächlich versuchen wir Menschen grundsätzlich, alle Entscheidungen (und von denen treffen wir täglich unzählige) intuitiv, auf Erfahrung basierend, zu lösen. Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat das dafür nötige Denken schlicht „System 1“ getauft.

Das nutzen wir Menschen so lange es geht, denn es braucht wenig Energie, fällt uns leicht und ermöglicht erst Fähigkeiten wie Gespräche oder Autofahren. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir komplexeres, logisches, intensives Durchdenken wenn immer möglich vermeiden. Seien Sie ehrlich: Sie haben die erste Aufgabe nicht wirklich berechnet, oder?

Das dafür nötige Denken nennt Kahneman „System 2“. Es braucht weit mehr Energie, strengt an, erschöpft und vor allem: Es ist deutlich langsamer. Deshalb haben im menschlichen Verhalten beide Systeme ihre Berechtigung.

Nun neigen wir allerdings dazu, nicht wirklich abzuwägen, welches System wir gerade benötigen. Zumeist versuchen wir schlicht, alle Herausforderungen mit dem Denken aus „System 1“zu bewältigen. Erst, wenn wir merken, dass das nicht reicht, lassen wir uns auf „System 2“ ein.

Leben wir jetzt in einer Situation, in der wir immer wieder erleben, dass „System 1“ völlig ausreicht, weil unsere Umgebung ggf. daraus resultierende Fehler korrigiert oder toleriert, „verlernen“ wir das langsame Denken.

Kahneman erklärt in seinem Klassiker „Schnelles Denken, langsames Denken“ sehr genau, wie die daraus resultierenden kognitiven Verzerrungen zu Selbstüberschätzung führen können. Das hat durchaus auch Auswirkungen auf ganze Gesellschaften. Es wäre zutiefst spannend, Kahnemans Erkenntnisse einmal auf den noch amtierenden US-Präsidenten anzuwenden.

Doch was uns heute interessiert, ist nicht die Psyche von Donald Trump, sondern die Frage, wie sich diese beiden Systeme in einer demokratischen Gesellschaft wie der unsrigen niederschlagen.

Denn tatsächlich gelten die verhaltenspsychologischen Muster auch für Institutionen und demokratische Strukturen.

So leben wir zum Beispiel immer noch die Philosophie des „mündigen Wählers“. Irgendwie wabert dahinter ein diffuses Konzept von Millionen von Bundesbürger*innen, die sich regelmäßig alle vier Jahre sämtliche Wahlprogramme der Parteien besorgen, untereinander ver- und mit den eigenen Interessen abgleichen, um sodann eine reflektierte Wahlentscheidung zu treffen.

Wir alle wissen: Das gilt nur für einen verschwindend kleinen Teil der Wähler*innen. Tatsächlich gleichen die meisten Entscheidungen (auch die bezüglich einer Nichtwahl) in fataler Weise „System 1“ Prozessen:

Aufgrund von Werten, realen oder gefühlten Erfahrungen aus der Vergangenheit, einzelnen Forderungen oder Sympathien für Kandidat*innen wird eine heuristische Wahlentscheidung getroffen, die wir für reflektiert halten, die aber nicht wirklich analytisch zustande gekommen ist. Das ist grundsätzlich nicht verwerflich. Aber es ist so.

Ähnliches gilt für zahlreiche politische Entscheidungen:

Unvollständige, aber zufällig verfügbare Informationen werden überbewertet.

Informationslücken werden bei der Bewertung ignoriert.

Häufig werden kausale Zusammenhänge zwischen zwei Ereignissen, die gar nicht zusammenhängen, konstruiert.

Kommt Ihnen bekannt vor? Nicht nur im Corona-Krisenmanagement? Tatsächlich stammen diese drei Punkte so original von Kahneman, der sie als typische „System 1“ Fehler beschreibt.

Wir müssen diagnostizieren: Vieles, was in unserer Demokratie entschieden wird, ist weit eher im „System 1“ zu verorten als im „System 2“. Ob Stammtisch, Wahlen, direktdemokratische Entscheidungen oder auch Protest: Schnelles Denken prägt unsere Demokratie. Das ist nicht ungefährlich – aber auch nicht einfach so zu ändern.

Es bedarf korrigierender Prozesse. Denn wir erinnern uns: Solange „System 1“ funktioniert, wird „System 2“ nicht angefasst. Erst wenn „System 1“ nicht die gewünschten Ergebnisse bringt, hat „System 2“ eine Chance. Dann wird es langsamer, anstrengender, schmerzhafter, aber am Ende besser.

Ein Handlungsfeld unserer Demokratie ist so ganz ausgezeichnet beschrieben:

die Bürgerbeteiligung.

Ja, sie ist oft langwierig, aufwändig, anstrengend, manchmal sogar schmerzhaft. Doch darüber zu jammern hieße, „System 2“ nicht verstanden zu haben. Denn diese Begleiterscheinungen sind nötig, wenn man sich ernsthaft, intensiv und abwägend mit einer Herausforderung beschäftigen will. Genau dafür sorgt Bürgerbeteiligung – nicht deshalb, weil Beteiligte allesamt ausschließlich mit „System 2“ Denken operieren. Das Gegenteil dürfte zumindest zu Beginn zutreffen.

Der Grund ist ein anderer: Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Einschätzungen, Interessen, Erwägungen (und „System 1“ Lösungen) sorgt – gut moderiert – für Deliberation, Zuhören, Abwägen, Argumentieren; und damit einen kollektiven „System 2“ Prozess.

Genau das, was unsere Gesellschaft braucht.

Und zwar in deutlich größerem Umfang als bisher. Denn ob Corona oder Klimawandel: Die Herausforderungen sind sehr viel größer als die eingangs geschilderte Teichrosenstatistik. Mit schnellem Denken lösen wir diese Probleme nicht.

So gesehen sind Beteiligungsprozesse unser gesellschaftliches „System 2“.

Nutzen wir es öfter. Es lohnt sich.

Jörg Sommer ist Direktor der Berlin Instituts für Partizipation und Verfasser des wöchentlich erscheinenden Newsletters demokratie.plus, den Sie hier abonnieren können. Die einzelnen Augaben werden hier im Debatten-Bereich aufgenommen, um den Leserinnen und Lesern eine Kommentierung und Diskussion zu ermöglichen.

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