Die Faszination der Ungleichzeitigkeit

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Die deutsche Novemberrevolution 1918 führte zum Sturz der Monarchie im Deutschen Reich und zu dessen Umwandlung in die erste parlamentarische Demokratie auf deutschem Boden.

Ein Trauma, das viele Antidemokrat*innen bis heute nicht überwunden haben. Nicht ohne Grund sieht man auf zahlreichen Kundgebungen immer wieder Reichs- und sogar Reichskriegsflaggen. Sie mahnen uns, dass Geschichte durchaus umkehrbar sein kann.

Doch darum soll es heute nicht gehen. Sondern um ein anderes Phänomen, das bereits 1918 für eine interessante Entwicklung sorgte.
Denn die Deutsche Novemberrevolution begann mit einem Versehen.

Führer der Revolutionäre aus dem Königreich Württemberg weilten Anfang November in Berlin, wo unter Spartakisten um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hitzig diskutiert wurde. War die Zeit reif für eine Revolution oder nicht?

Eine Mehrheit war dafür, am 4. November mit einem landesweiten Generalstreik loszuschlagen. Der verantwortliche Stuttgarter Genosse reiste ab, denn die Fahrt quer durch das Reich in den tiefen Süden war lang.

Nach seinem Aufbruch kippe die Debatte und es wurde letztlich der 11. November beschlossen. Es war zu spät, die süddeutschen Revolutionäre zu verständigen und so begann die Novemberrevolution tatsächlich in Stuttgart, früher als in Berlin, mit schwäbischer Pünktlichkeit am 4. November. Doch damit standen die Schwaben allein. Sie wäre vermutlich krachend gescheitert, wäre nicht zwei Tage danach der Kieler Matrosenaufstand reichsweit als Fanal und Auslöser der Revolution bekannt geworden.

Den Rest der Geschichte kennen wir.

Diese weitgehend unbekannte historische Episode zeigt uns jedoch, wie essentiell die Frage der Gleichzeitigkeit in gesellschaftlichen Fragen ist. Oft ist nicht nur die Reihenfolge von Ereignissen wichtig für historische Wendepunkte, sondern auch die Frage, welche davon weitgehend synchron stattfinden.

Das Problem der Akteure vor rund 100 Jahren waren die nicht vorhandenen Kommunikationskanäle. Ein einfaches Handy in der Tasche des Genossen Hauschka im Zug von Berlin nach Stuttgart hätte genügt. Doch vor 100 Jahren gab es faktisch keine Möglichkeit der Echtzeitkommunikation für Nichtprivilegierte.

Hätte es damals schon WhatsApp gegeben, die Revolution wäre sicher anders verlaufen.

Heute nutzen Widerstandsbewegungen wie in Hongkong oder Weißrussland das Internet wie selbstverständlich für die Organisation, die Abstimmung und die Synchronisation von Aktionen. Die Digitalisierung hat diese Möglichkeiten geschaffen. Hat sie also zu mehr Synchronität beigetragen?

Die Antwort mag überraschen. Sie lautet: Nein.

Insbesondere für unsere Diskurskultur ist das Gegenteil richtig. Und das ist gefährlich.

Tatsächlich hat die Digitalisierung, weitgehend unbeachtet, große Teile unseres Alltagslebens durch Asynchronität individualisiert.

Die heute 50-jährigen saßen oft noch jeden Samstag zu Hause mit der gesamten Familie auf der Couch, um die große Fernsehshow auf einem der beiden TV-Kanäle zu sehen. Am Montag war sie dann Thema in der Schule. Denn man konnte sich darauf verlassen, dass so gut wie alle gleichzeitig das gleiche TV-Erlebnis hatten. Heute streamen wir was wir wollen, wann wir wollen.

Gab es früher politische Diskurse nur bei Veranstaltungen oder in anderen Formen des physischen Zusammenseins, so sind heute Online-Foren oder gar von Algorithmen gesteuerte Social-Media-Kanäle der Ort der Debatte. Dort bleiben wir nicht nur häufig unter „Ähnlichdenkenden“, sondern wir führen die Debatte asynchron.

Auch wenn wir mit unseren Smartphones eigentlich jederzeit jemanden anrufen könnten, verschicken wir lieber eine WhatsApp-Sprachnachricht. Erst gestern hatte ich ein solches Gespräch mit einem befreundeten CEO. Insgesamt schickten wir uns in 20 Minuten 17 Sprachnachrichten. Telefoniert haben wir nicht. Warum nicht? Weil wir die damit verbundenen Optionen schätzen:

Wir reagieren wann wir wollen – sofort, später oder gar nicht.

Die letzten beiden Optionen gibt es im persönlichen Diskurs nicht. Und es gibt auch keinen „digitalen Filter“. Emotionen werden nicht unmittelbar zurückgespiegelt, Beleidigungen und Verletzungen in ihrer Wirkung unterschätzt und weitaus seltener sofort sanktioniert.

Das ist bequem, nicht nur, weil es weniger Aufwand bedarf, als persönliche Treffen und Debatten. Vor allem deshalb, weil es vermeintlich schmerzfreier ist. Wir glauben, so besser dosieren zu können, wen und was wir wirklich zur Kenntnis nehmen. Es macht gerade Meinungsverschiedenheiten leichter verarbeitbar.

Das führt letztlich zu einem Effekt, den Spitzensportler*innen kennen: Wer sich sein Training leicht macht, baut ab.

Gleiches gilt auch für uns. Debattenfähigkeit ist kein Erbgut, sondern eine Kulturkompetenz. Das Aushalten von unmittelbarem Widerspruch, der Umgang mit anderen Meinungen, der wertschätzende Streit ist sogar eine ganz zentrale Kompetenz für eine lebendige und damit funktionierende Demokratie.

Offensichtlich sind wir gerade dabei, das zu verlernen. Viele der so genannten Querdenker*innen sind kaum noch fähig, wertschätzend mit Geradeausdenker*innen zu diskutieren. Sie wollen es auch gar nicht mehr.

Je mehr diese demokratische Streitfähigkeit abhanden kommt, desto wackeliger werden die Säulen unserer Demokratie. Die zunehmende Asynchronität unserer Debatten ist da sicher nicht die alleinige Ursache, aber sie ist ein treibender Faktor.

Noch hat die Demokratie keine wirksame Antwort auf die diversen kulturverändernden Einflüsse der Digitalisierung gefunden. Doch wie könnten diese aussehen? Die dank Corona dramatisch steigenden Videokonferenzen sind tatsächlich ein solches Format. Doch bislang ersetzt es (ungenügend) reale Debatten. Ein wirklicher Mehrwert ist das also nicht.

Wir brauchen neue Ideen.

Haben Sie eine? Dann freue ich mich auf Ihre Vorschläge. Ich verspreche: Ich reagiere. Asynchron. Aber garantiert.

Jörg Sommer ist Direktor der Berlin Instituts für Partizipation und Verfasser des wöchentlich erscheinenden Newsletters demokratie.plus, den Sie hier abonnieren können. Die einzelnen Ausgaben werden hier im Debattenbereich aufgenommen, um den Leser*innen eine Kommentierung und Diskussion zu ermöglichen.

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In dieser Rubrik veröffentlichen wir in regelmäßigem Abstand meinungsstarke Gastbeiträge zu unterschiedlichen Aspekten der Demokratie und insbesondere der politischen Teilhabe. Die Meinung der Autor*innen entspricht nicht zwangsläufig der Meinung unseres Instituts und/oder seiner Mitglieder. Tatsächlich ist dies sogar in der Regel nicht der Fall. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass der demokratische Diskurs unterschiedliche Meinungen aushalten und zum Anlass von Debatten nehmen muss. Deshalb bieten wir hier ein Forum für Meinungsbeiträge von Mitgliedern und Gästen. Sie können alle Beiträge in dieser Rubrik ausführlich kommentieren.
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Lieber Herr Sommer, vielen Dank für Ihren spannenden Beitrag zum Thema ungleichzeitige Kommunikation.
Ich stimme Ihnen zu, dass die demokratische Streitfähigkeit eine zentrale Säule unserer Demokratie ist. Auch dass die Asynchronizität unserer Debatten ein möglicherer und nicht unwesentlicher Mitverursacher sein könnte, ebendiese zu schwächen. Paradoxerweise soll (und möglicherweise: kann) sie, als Gestaltungselement absichtlich eingesetzt, Katalysator für mehr Dialog und Perspektivenwechsel sein. Denn die Asynchronizität wird beispielsweise im Kontext von dialogisch ausgerichteter Bürgerbeteiligungsverfahren als Instrument eingesetzt, um Debattenkultur zu ermöglichen. Gerade wenn es um Versachlichung und Perspektivenwechsel geht, wenn es darum geht — beispielsweise im Kontext von Planungsvarianten — Rückmeldungen aus der Bürgerschaft entlang unterschiedlicher Blickwinkel (Kriterien) einzuholen, hilft die Entschleunigung der Kommunikation durch Ungleichzeitigkeit, weil „Wer etwas sagt“ oder „Wie etwas gesagt wird“ in den Hintergrund tritt zugunsten „Was gesagt wird“. In Beteiligungsverfahren wird die Asynchronizität, gerade im Wechsel mit Formaten, die eine Kopräsenz erforderlich machen, ganz bewusst im Sinne der Förderung einer Debattenqualität eingesetzt, die auf die Kraft versachlichender Argumente setzt. Zugegeben: Die Ungleichzeitigkeit erfordert immer wieder Punkte der Gleichzeitigkeit, der Kopräsenz, der Zusammenführung, der Konzentration. Will sagen: gerade in der crossmedialen Verknüpfung von Gleicheitigkeit und Ungleichzeitigkeit könnten womöglich „Debattenpotenziale“ gehoben werden.
Herzlichen Gruß, Oliver Märker

  • Oliver Märker
  • last edited 3 Wochen ago
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Lieber Herr Märker,

ich stimme Ihnen völlig zu. Gerade die Möglichkeit, sich zu beteiligen, ohne sich auf einen konkreten Termin und Ort verpflichten zu müssen, stellt eine große Chance da. Einerseits können so bestimmte Gruppen angesprochen werden (z.B. Schichtarbeitende, Alleinerziehende, junge Menschen, Menschen mit körperlichen Einschränkungen). Andererseits ist es eine kaum hoch genug einzuschätzende Chance, immer dann auch Beteiligung anzubieten, wenn ein Beteiligungsimpuls entsteht. Und der entsteht eben nur selten pünktlich zum Monate im voraus geplanten Bürgerforum.

Tatsächlich haben die digital getriebene dramatisch zunehmende Asynchronität unserer Kommunikation und die gesellschaftliche Teilhabe ein zutiefst dialektisches Verhältnis, dessen Erörterung sicher weit über die Möglichkeiten eines knappen Newsletters hinaus geht.

Vielleicht sollten wir dazu mal ein kleines Fachgespräch organisieren?!

Herzlichst, Jörg Sommer

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 2 Wochen ago
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Danke für den interessanten Beitrag!
ob wir uns persönlich treffen und auseinandersetzten oder per Mail, Videokonferenz oder sonst wie, was meiner Einschätzung nach uns allen – vielleicht gibt es ein paar Ausnahmen – fehlt : eine echte Dialogfähigkeit.
Das haben wir alle nie gelernt, es wäre aber nötiger denn je. Dann gäbe es auch bessere politische Entscheidungen.
Echte Dialogfähigkeit setzt voraus, dass wir alle erst einmal sozusagen unser Haus aufräumen, sprich uns bewusst werden, wie Haltungen, Glaubenssätze, Wertungen unser Denken, unser Sprechen, unser Umgehen mit uns und anderen, auch Andersdenkenden, bestimmen.
Um dann daran zu arbeiten, dass wir ehrlich, nicht wertend und respektvoll dem Andersdenkenden gegenüber treten. In der Gewaltfreien Kommunikation von Rosenberg ist das alles sehr schön beschrieben. Es geht auch um ein anderes Zuhören, mich wirklich einlassen auf die Gedanken und die Person des anderen.

viele Grüße
Renate Pfumpfei

  • Renate Pfumpfei
  • last edited 3 Wochen ago
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Liebe Frau Pfumpfei,

ja, die „gewaltfreie Kommunikation“ ist nicht neu und doch so aktuell. Sie ist erstrebenswert, ohne Zweifel. Eine besondere Herausforderung ist aktuell jedoch der Diskurs in der Praxis mit Aktueren, die diese Kommunikation weder kennen noch praktizieren. Manchmal ist das unmöglich, oft kann es gelingen, man braucht dazu jeddoch das, was ich den „inneren Filter“ nenne, also die Möglichekiet, aus einem beleidigenden, drohenden, jammernden oder agressiven Satz nur die Botschaft herauszufiltern und den Rest einfach abtropfen zu lassen. Das ist nicht einfahc, aber auch das kann trainiert werden. Denn nur so können wir gerade die wichtigsten Diskurse ermöglichen-

Herzlichst, Jörg Sommer

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 2 Wochen ago
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