Die drei Säulen

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Erinnern Sie sich an die vergangene Woche? Wir sprachen davon, wie Resilienz durch Diversität entsteht – wie also ein System an Widerstandsfähigkeit gewinnt, wenn es vielfältiger wird.

Das gilt für Ökosysteme wie für Aktien-Portfolios – und für Gesellschaften.

Ich versprach, Ihnen heute ein Modell vorzustellen, das die Allianz Vielfältige Demokratie entwickelt hat.

Genau diese Allianz trifft sich heute (digital) zu ihrer Jahrestagung. Wenn Sie diesen Newsletter in Ihrem Postfach finden, diskutieren die Mitglieder der Allianz gerade intensiv über jene Chancen und Risiken, welche die u.a. durch Corona forcierte Digitalisierung für eine Vielfältige Demokratie bietet. Die Tagung ist intern – aber Sie sind herzlich eingeladen, an der öffentlichen Abendveranstaltung teilzunehmen.

Ich freue mich, Sie dort zu treffen – und Sie können sich auf einen spannenden Vortrag von Prof. Dr. Patrizia Nanz freuen. Sie spricht darüber, welche Rolle partizipative Strukturen bei der anstehenden Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft spielen kann – und sollte.

Nachhaltigkeit führt uns auch zu unserem heutigen Thema: Kennen Sie das Drei-Säulen-Modell?

Vermutlich schon. Es ist ein Klassiker in der Nachhaltigkeitsdebatte. Das Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung geht von der Vorstellung aus, dass Nachhaltigkeit nur durch das gleichzeitige und gleichberechtigte Umsetzen von umweltbezogenen, wirtschaftlichen und sozialen Zielen erreicht werden kann.

Es ist sehr beliebt in der Politik, ganz besonders aber in der Wirtschaft. Ich werde in meiner Tätigkeit als Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung immer wieder damit konfrontiert. Und ich sage Ihnen:

Es ist ein ziemlicher Blödsinn.

Dieses Modell hat – obwohl überall propagiert – auch rund 30 Jahre nach seiner Erfindung weder den Verlust der Artenvielfalt noch der Klimakrise irgendetwas von seiner Brisanz genommen. Das Gegenteil ist der Fall.

Und es ist keine Überraschung.

Denn die Beziehung zwischen Wirtschaft, Sozialer Gerechtigkeit und Ökologie ist eine ganz andere: Unser Ökosystem setzt die Grenzen, in der wir ein Gutes Leben für alle ermöglichen wollen – und genau dafür ist die Wirtschaft da.

Also: Vergessen Sie die Säulen.

Zumindest in Bezug auf die Nachhaltigkeit. Denn wir haben für das so schön einprägsame Säulen-Motiv eine viel bessere Verwendung:

Es beschreibt sehr anschaulich das Konzept der Vielfältigen Demokratie. Und da passt es auch.

Wir kennen die repräsentative Säule der Demokratie: Regelmäßige Wahlen delegieren zeitlich befristet Macht an Parlamente und Regierungen. Diese agieren weitgehend frei, müssen sich aber immer wieder dem Urteil der Wähler*innen stellen.

Genau diese eine Säule wird aber immer bröseliger. Immer mehr Menschen ist das zu wenig, immer weniger Autorität haben die Repräsentanten dieser Säule.

Es braucht weitere Säulen, um das demokratische Dach zu tragen.

Eine weitere Säule ist die direktdemokratische: Unmittelbare Entscheidungen des Souveräns, meist in klare Ja/Nein-Entscheidungen gegossen.

Sie beteiligen Menschen unmittelbar, lassen keinen Spielraum für Interpretationen, haben maximale Legitimation – aber sind durchaus geeignet, Gesellschaften zu spalten, statt zu einen.

Es braucht also eine dritte Säule: Die dialogische. Sie setzt statt auf Wahlen oder Abstimmungen auf den Diskurs. Der ist mühsam, aber er ist genau der Kitt, der Gesellschaften zusammenhält.

Und es braucht ihn auch aus einem anderen Grund: Wahlen finden nur alle paar Jahre statt, Volksabstimmungen nur zu zentralen Themen und ähnlich selten. Dialoge aber sind dazu geeignet, vielen Menschen viele demokratische Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen.

Und das ist genau das, was eine Demokratie stark macht.

In diesem Fall passt also das Bild der drei Säulen: Wenn alle drei existieren, dann darf auch eine etwas schwächeln – das System bleibt stark und widerstandsfähig.

Haben wir dieses Bild einmal verinnerlicht, hilft uns das ganz ausgezeichnet dabei, die ein oder andere politische Verirrung besser zu hinterfragen:

Die AfD will Parlamente gegen Direktdemokratie („nach Schweizer Vorbild“) ausspielen? Eine Schnapsidee.

Aleatorische Enthusiasten wollen in der Repräsentativen Säule Wahlen durch Auslosung ersetzen? Stärkt nix, schwächt nur diese eine Säule.

Bürgerräte (dialogische Säule) sollen „repräsentativ“ sein? Darum geht es beim Dialog nicht – sondern um Qualität, Wirksamkeit und vor allem: um Selbstwirksamkeit für viele. Wir brauchen viele Bürgerräte, zu vielen Themen, mit allen, die mitwirken wollen.

Sie sehen: Das Drei-Säulen-Modell der Vielfältigen Demokratie kommt harmlos daher, hat aber Brisanz und Erkenntnispotential.

Am Ende geht es darum, unsere Demokratie zu stärken, in dem sie vielfältig wird und viele Stärken kombiniert:

Stabilität und Kontinuität durch repräsentative Strukturen. Klare Entscheidungen und hohe Legitimation durch direktdemokratische Entscheidungen. Und ganz viele demokratische Selbstwirksamkeitserfahrungen durch eben ganz viele dialogische Prozesse.

Diese drei Säulen stehen nicht in Konkurrenz. Erst durch ihr Zusammenwirken wird unsere Demokratie stabil. Auch diese Erkenntnis beschert uns das Drei-Säulen-Modell der vielfältigen Demokratie.

Das macht es nicht alleingültig.

Aber hilfreich.

Jörg Sommer ist Direktor der Berlin Instituts für Partizipation und Verfasser des wöchentlich erscheinenden Newsletters demokratie.plus, den Sie hier abonnieren können. Die einzelnen Ausgaben werden hier im Debattenbereich aufgenommen, um den Leser*innen eine Kommentierung und Diskussion zu ermöglichen.

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