Am Anfang war das Feuer

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Wussten Sie, wie die Kinder der Sioux lernten, dass Feuer gefährlich ist? Ganz einfach: Wenn der junge Nachwuchs erstmals der Faszination der Flammen erlag und hineingreifen wollte, ließen sie es zu. Und schon war der didaktische Prozess ebenso erfolgreich wie nachhaltig abgeschlossen.

Die indigenen Völker Nordamerikas pflegten sehr unterschiedliche Kulturen, gemeinsam war den meisten jedoch eines: Sie kannten das Konzept des „Lehrens“ nicht, sondern setzten stattdessen auf „Lernen“. Das mögen einige für primitiv halten, ist „Lehre“ doch ein ganz wesentliches kulturbildendes Element unserer Industriegesellschaft.

Ob in der Schule unter der Aufsicht des „Lehrers“ bzw. der „Lehrerin“, der beruflichen „Lehre“, der „Lehre“ an der Hochschule – zu vermittelnde Inhalte sind nahezu überall in einem „Lehrplan“ manifestiert. Wir leben in einer Kultur des Lehrens.

Dieses Prinzip war für die Sioux und andere indigene Völker schlicht nicht verstehbar. Das interessierte die weißen Eroberer*innen nicht, die sie in Reservate verbannten und ihnen ihre Kinder wegnahmen, um sie in christliche Internate zu sperren.

Doch unser Thema sind heute nicht die umfangreichen Verbrechen in der Geschichte der weißen Besiedelung Nordamerikas, die ja in den aktuellen Auseinandersetzungen dort wieder aufpoppen.

Wir wollen heute über das Lernen sprechen.

Es geht um das Lernen in demokratischen Prozessen. Denn dort ist es ganz ähnlich wie beim Feuer: Lernen ist manchmal durchaus schmerzhaft – und kann nur selten durch Lehren ersetzt werden.

Deshalb lautet auch der zehnte (und letzte) Grundsatz gelingender Beteiligung, wie ihn die Allianz Vielfältige Demokratie formuliert hat:

„Gute Beteiligung lernt aus Erfahrung“

Das Lernen aus Beteiligungsprozessen ist eine wichtige Voraussetzung für eine Gute Beteiligung. Und wie echtes Lernen – denken Sie an das Feuer – findet es permanent statt, nicht „später“. Beteiligungsprozesse, -strukturen und -gremien sind immer unvollkommen. Sie sind immer verbesserbar. Und manchmal müssen sie sogar im laufenden Verfahren verbessert werden.

Das Argument „Wir haben das aber anders geplant“ ist zwar schnell zu hören, wenn in einem Beteiligungsprozess Kritik aufkommt. Es basiert jedoch auf einem Denken von „Lehre“, das in demokratischen Kontexten unangebracht ist. Demokratie ist kein Lehr-, sondern ein Lernfach. Es geht nicht um Diplome, sondern um Debatten.

Beteiligungsprozesse müssen lernen dürfen. Dazu müssen sie hinterfragt werden dürfen – immer und von jedem Beteiligten. Denn nur durch Hinterfragen lernen Menschen und Systeme.

In der Praxis heißt das:

  • Legen Sie während des Beteiligungsprozesses immer wieder kurze Zwischenstopps ein, um gemeinsam mit den Beteiligten zu hinterfragen, ob Sie auf dem richtigen Weg zu Ihren Zielen sind. Justieren Sie ggf. den laufenden Beteiligungsprozess nach.
  • Nach der Beteiligung ist vor der Beteiligung: Halten Sie Ihre Erfahrungen aus dem Beteiligungsprozess fest, damit sie in nachfolgende Verfahren einfließen können.
  • Richten Sie in Ihrer Organisation regelmäßige Treffen ein, bei denen Kolleg*innen über ihre Erfahrungen mit Beteiligungsprozessen erzählen können.
  • Um nicht die gleichen Fehler zweimal zu machen: Erstellen Sie eine Sammlung über Ihre Erfahrungen, die Sie kontinuierlich erweitern.

Kurz: Gestalten Sie bereits Ihre Prozesse als „lernende Verfahren“. Denn gelernt wird nicht (nur) im Anschluss aus einem externen Evaluationsbericht, sondern gemeinsam im Verfahren. Lassen Sie Lernprozesse nicht nur zu, fördern Sie diese gezielt. Gehen Sie von Anfang an davon aus, dass das Verfahren NICHT genau so stattfindet, wie zuvor geplant.

Der berühmte Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke war ein Kind seiner Zeit und seines Standes. Er war glühender Monarchist und Militarist, doch auch ein kluger Kopf. Von ihm stammt das legendäre Zitat: „Kein Plan überlebt die erste Feindberührung.“

Auch wenn es in Beteiligungsprozessen manchmal durchaus das Trauma der „Feindberührung“ geben kann, so ist das glücklicherweise nicht die Regel. Was jedoch immer bleibt, ist die Vergänglichkeit jeglicher Planung, wenn man es mit mündigen Menschen zu tun hat.

Und das ist gut so.

Denn jeder Beteiligungsprozess ist auch ein Lernprozess. Je bewusster dieser gefördert wird, desto erfolgreicher ist er. Das kann einen Prozess schon mal ins Taumeln bringen, es kann schmerzhaft sein, es kann Nerven und Energie kosten.

Denn wir können nicht wirklich erwarten, dass politische Teilhabe leichter zu erlernen sein soll als Rad-, Ski- oder Skateboardfahren. Und wir alle wissen, dass diese Fertigkeiten weder schnell, noch leicht oder schmerzfrei zu haben sind.

Jörg Sommer ist Direktor der Berlin Instituts für Partizipation und Verfasser des wöchentlich erscheinenden Newsletters demokratie.plus, den Sie hier abonnieren können. Die einzelnen Augaben werden hier im Debatten-Bereich aufgenommen, um den Leserinnen und Lesern eine Kommentierung und Diskussion zu ermöglichen.

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In dieser Rubrik veröffentlichen wir in regelmäßigem Abstand meinungsstarke Gastbeiträge zu unterschiedlichen Aspekten der Demokratie und insbesondere der politischen Teilhabe. Die Meinung der Autor*innen entspricht nicht zwangsläufig der Meinung unseres Instituts und/oder seiner Mitglieder. Tatsächlich ist dies sogar in der Regel nicht der Fall. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass der demokratische Diskurs unterschiedliche Meinungen aushalten und zum Anlass von Debatten nehmen muss. Deshalb bieten wir hier ein Forum für Meinungsbeiträge von Mitgliedern und Gästen. Sie können alle Beiträge in dieser Rubrik ausführlich kommentieren.
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Guten Nachmittag,

vielen Dank. Sehr richtig. Für Verwaltungen ist es aber extrem schwierig, für spontane Änderungen eines einmal festgelegten Bürgerbeteiligungs-„Konzepts“ offen zu sein. Die nächst höhere Hierarchie-Ebene hat das „Konzept“ gebilligt. Wie nun schnell umgehen mit Änderungsbedarf? Das erfordert viel kulturellen Wandel in Behörden.

Viele Grüße
Ulrich Arndt

  • Ulrich Arndt
  • last edited 1 Monat ago
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Lieber Ulrich Arndt,

Sie treffen natürlich ins Schwarze. Verwaltungen sind prozessorientiert, es ist ihr Alltag, klare, dokumentierte Prozesse nach vorgegebenen Richtlinien abzuwickeln. Das macht eine offene, selbsthinterfragende, flexible Beteiligungskultur in der Tat zu einer großen Herausforderung.

Helfen können hier die von ihnen angesprochenen „gebilligten“ Konzepte, wenn sie sich auf Ressourcen und Ziele konzentrieren, aber in der Methodik einen gewissen Spielraum lassen. Ohnehin gibt es gerade eine spannende Debatte hin zu mehr „Agilität“ in der Verwaltung. Dieses Konzept des agilen Managements kommt ursprünglich aus der Software-Branche und wird in anderen Branchen der Wirtschaft zunehmend eingeführt. Auch dort, z.B. in großen Konzernen, mussten Widerstände überwunden und Kulturwandel forciert werden.

Die dort gemachten Erfahrungen sind auch für Verwaltung hoch interessant, bei uns im Instutut arbeitet aktuell eine Arbeitsgruppe an Konzepten „Agiler Beteiligung“. Ich erwarte hierzu im kommenden Jahr eine erste Publikation.

Herzlichst, Jörg Sommer

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 1 Monat ago
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Sehr schöner Beitrag! Vielen Dank, Herr Sommer, für Ihre stets inspirierenden Texte. Machen Sie weiter so, ich hoffe, Ihnen gehen die Themen nie aus. Ich selbst beschäftigte mich als Kommunalpolitiker mit beteiligung. Leider ist unserer Verwaltung da wenig flexibel. Die von Herrn Arndt beschriebenen Strukturen kenne ich gut. Oft liegt es auch daran, dass schon bei der Ausschreibung für externe Moderatoren und Dienstleister bis ins kleinste Detail Zeiträume, Methoden, Veranstaltungen und Inhalte vorgegeben werden. Da bleibt nachher keine Flexibilität, wenn es mal nicht so läuft wie geplant. Haben Sie eine Idee, wie man das als Gemeinderat agieren kann, um mehr Lernfähigkeit und Flexibilität zu bekommen?

  • Johannes Fechner
  • last edited 1 Monat ago
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Lieber Johannes Fechner,

ich freue mich immer sehr, wenn Kommunalpolitiker*innen Beteiligung nicht als zu delegierende Verwaltunsgaufgabe betrachten, sondern zu ihrer eigenen Angelegenheit machen. In Kommunen, in denen solche Voraussetzungen vorliegen, läuft Beteiligung oft besonders gut.

Ich kenne die Beteiligungsstrukturen in Ihrer Kommune nicht, aber sehr bewährt haben sich kommunale Begleitgremien, oft im Rahmen von Leitlinien etabliert, die nicht nur für einzelne Beteiligungsprozesse einegsetzt werden, sondern übergreifend die Beteiligungskultur in der Kommune evaluieren.

In Heidelberg zum Beispiel gibt es den AK Bürgerbeteiligung, dem ich vorstehe und der der aus Vertreter*innen der Bürgerschaft, der Verwaltung und aus Gemeinderäten besteht. Dort werden genau solche Themen regelmäßig besprochen und die entsprechenden Trialoge helfen sehr dabei, die Beteiligungskultur weiterzuentwickeln.

Herzlichst, Jörg Sommer

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 1 Monat ago
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Lieber Herr Sommer,
es mag ein wenig liebedienerisch klingen, aber ich fand jeden Ihrer Kommentare zu den 10 Prinzipien der AllianzVielfältigeDemokratie nicht nur höchst bedenkenswert und treffend, sondern auch geistreich illustriert und sprachlich wunderbar eingängig. Es lohnt sich, diese zum gelegentlichen Wieder-Lesen aufzuheben. Danke dafür!
Herzlich, Bernd Villwock

  • Bernd Villwock
  • last edited 1 Monat ago
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Lieber Bernd Villwock,

Vielen Dank für die Blumen. Sie finden übrigens alle bereits erschienenen Newsletter chronologisch hier: https://demokartie.plus. Ich bin selbst erstaunt, dass es schon so viele sind. Wenn Sie einmal einen Themenvorschlag oder eine Information haben, lassen Sie es mich wissen. Ich freue mich immer über Inspiration!

Herzlichst, Jörg Sommer

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 1 Monat ago
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Lieber Herr Sommer,
die jungen Menschen, die bei dm eine Ausbildung beginnen, werden nicht „AZUBI“ genannt, da hier ein Anspruch auf Ausbildung postuliert wird, der von anderen einzulösen sein soll. Sie werden auch nicht „Lehrlinge“ geannt, sondern „Lernlinge“.
„Bei uns gehen Ausbildung oder Studium etwas anders, denn wir sind überzeugt, dass Lernen am besten funktioniert, wenn man sich für etwas wirklich interessiert. Und wenn man die Freiheit hat, seinen ganz eigenen Lösungs- und Lernweg zu entwickeln. Deswegen sprechen wir innerhalb unserer Arbeitsgemeinschaft auch nicht von Lehrlingen, die belehrt werden, sondern von Lernlingen, die aktiv ihr eigenes Lernen und Arbeiten mitgestalten. Bei uns stehen dir also alle Möglichkeiten offen. Ergreife sie und mach was draus! Wir unterstützen dich dabei.“ (https://www.dm-jobs.com/Germany/content/Ausbildungskonzept/?locale=de_DE)
Und das Konzept nennt sich LidA, eben Lernen in der Arbeit.

Freundlicher Gruß, Michael J. Kolodziej

  • Michael Kolodziej
  • last edited 1 Monat ago
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Lieber Michael J. Kolodziej,

das klingt spannend, ich wußte ja immer schon, dass dm eine andere Sicht auf die Mitarbeitenden hat, als viele Mitbewerber. Der Hinweis auf Ihren Sprachgebrauch und das damit verbundene Konzept ist sehr wertvoll. Wir werden uns das einmal genauer anschauen und an unsere Vorstellung agiler Beteiligungskultur anlegen. Ich denke, das könnte insprierend sein …

Herzlichst, Jörg Sommer

  • Jörg Sommer (Autor)
  • last edited 1 Monat ago
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