Steffi Ober: Für eine integrative Forschungs- und Innovationspolitik

Foto: Dr. Steffi Ober (eigenes Bild)

Dr. Steffi Ober ist promovierte Tierärztin mit einem weiteren Abschluss, einen Master in Public Policy der Humboldt-Viadrina School of Governance, Seit 2004 ist Steffi Ober für den Naturschutzbund NABU tätig. Von 1998 bis 2002 war sie Landesvorsitzende von Bündnis 90 /Die Grünen in Rheinland-Pfalz.


Dr. Steffi Ober ist Initiatorin und Leiterin des Projektes Forschungswende. Forschungswende unterstützt das Wissen und den Austausch der Zivilgesellschaftlicher Organisationen zu Forschung und Innovation. Mit Caroline Police-Thiel hat sie ein Papier zum Thema verfasst: Ober, Steffi / Paulick-Thiel, Caroline: Zivilgesellschaft Beteiligen – Perspektiven einer integrativen Forschungs und Innovationspolitik, Forschungswende Working Paper 2015.

Können Sie die Plattform Forschungswende mit wenigen Sätzen beschreiben?

Forschungswende ist eine zivilgesellschaftliche Plattform, die sich seit 2012 für Entwicklung und Aufbau von neuen Kapazitäten der zivilgesellschaftlichen Organisationen (ZGO) in der Forschungs- und Innovationspolitik einsetzt. Die Plattform und das vielfältige Netzwerk seiner Mitglieder (Umwelt-, Sozial-, Entwicklungshilfeverbände, Kirchen und nachhaltige Wissenschaft) bieten Austauschmöglichkeiten und Entwicklungsräume für ZGO mit Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

Die Zivilgesellschaftliche Plattform Forschungswende unterstützt den Aufbau einer transdisziplinären Forschungs- und Innovationspolitik mit den Zielen

  • Positionen der Zivilgesellschaft zu Wissenschaft, Forschung und Innovation zu entwickeln
  • Positionen der Zivilgesellschaft in Wissenschaft, Forschung und Innovation zu stärken
  • Beteiligung der ZGO in Agendasetting, Programmentwicklung bis hin zu Projektdurchführung zu unterstützen
  • Einen Raum für deliberative Prozesse zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sowie Akteuren der Zivilgesellschaft zu ermöglichen

Inwiefern führen die “Großen Herausforderungen” (Klimawandel, Ernährungssicherheit und Ressourcenübernutzung) zu Schwierigkeiten für das Wissenschaftssystem? Inwiefern setzt die wissenschaftliche Konfrontation mit diesen globalen Herausforderungen die Beteiligung von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteuren und transdisziplinären Methoden voraus?

Die Krise unserer Zeit ist eine Krise der Gemeingüter. Forschung und Innovation gestalten Zukunft. Zukunftsentwürfe müssen sich am Gemeinwohl orientieren und mit der Gesellschaft für die Gesellschaft gestaltet werden. Dafür braucht es Szenarien aus der Zivilgesellschaft, die neue Wege in der Forschungspolitik, Programmentwicklung und praktischen Umsetzung aufzeigen.
Die globalen Herausforderungen sind zentrale gesellschaftliche Fragestellungen, wie in einer begrenzten Welt endliche Ressourcen heute und in Zukunft gerecht verteilt werden können. Hierzu sind bahnbrechende technologische Neuerungen ebenso erforderlich wie ganz neue gesellschaftliche Innovationen des Zusammenlebens und Konsumierens. Was bedeutet heute Wohlstand und Lebensqualität für uns reiche Gesellschaften des Nordens, die nicht auf Kosten des Südens gehen? Die Sustainable Development Goals, die neuen weltweiten Nachhaltigkeitziele verpflichten uns, Forschungsstrategien so aufzusetzen, dass sie zu mehr Gerechtigkeit beitragen. Konkret bedeutet das, dass die Forschungsagenden die Ziele Biodiversität, Armutsbekämpfung, planetaren Leitplanken und Klimafolgen berücksichtigen müssen. ZGO bringen in diesen Themen wichtige Impulse und Wissen mit. Die Forschung selbst muss stärker als bislang inter- und transdisziplininär aufgestellt werden. Hierzu fehlen jedoch Anreizsysteme, die einen solchen Ansatz belohnen. Momentan erscheint ein sehr disziplinär ausgerichteter Lebenslauf, der mit vielen Publikationen in hoch gerankten Journalen aufwartet, am karrieredienlichsten. Hier hat die Wissenschaft in ihrer Selbstorganisation noch viel Potenzial, sich den neuen Herausforderungen eigenverantwortlich zu stellen.

Weshalb halten Sie zivilgesellschaftliche Akteure für “Nischenakteure”, deren wissenschaftlichen Ansätze in der Forschungs- und Innovationspolitik nicht integriert werden?

Forschungs- und Innovationspolitik ist seit Jahrzehnten in gut eingespielten Netzwerken zwischen eher technologischen Wissenschaftsakteuren und der Wirtschaft organisiert. Eine Scharnierfunktion hat dabei die Akademie für Technikwissenschaften acatech in München, selbst ein Zwitter aus Wissenschaft und Wirtschaft. Die acatech findet sich bei Innovationsdialogen im Kanzleramt, in den Forschungsräten wie Bioökonomierat oder Forschungsunion sowie beim Forschungsforum Energiewende oder der Plattform Elektromobilität. Die Zivilgesellschaft ist hier vergleichsweise schlecht organisiert, uns fehlen bislang ähnliche Strukturen, von einer eigenen Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, so wie die acatech, ganz zu schweigen. Doch wir entwickeln eigene Aktivitäten in den ZGOs, vernetzen uns untereinander und verfolgen bestimmte Themen in Energie oder Bioökonomie als Schwerpunkt.

Welche Hindernisse gibt es bei Kooperationen zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft?

Wissenschaft und ZGO sind unterschiedliche Systeme mit eigenen Werten und Symbolen. Hier gilt es Vertrauen zu schaffen und sich anzunähern, gemeinsame Veranstaltungen und Projekte fördern, damit sich eine gemeinsame Kultur entwickeln kann. Auf beiden Seiten fehlt es noch an Kapazitäten, um diesen Austausch kontinuierlich zu leisten. Transdisziplinarität, Partizipation und Netzwerke brauchen Unterstützung und Ressourcen – Menschen, Zeit und Geld.

Wie unterscheiden Sie zivilgesellschaftliche Beteiligung und Bürgerbeteiligung? Wie könnte das Wissenschaftssystem das Wissen der nicht-organisierten/ oder punktuell-organisierten Zivilgesellschaft auch integrieren?

Beteiligung kennt viele Formate und Ebenen. Wir unterscheiden zwischen dem Agendasetting auf der eher abstrakten Ebene in der Bundespolitik oder in Europa. Hier bringt die organisierte Zivilgesellschaft Ressourcen und Erfahrung ein. Dann geht es um die Ausgestaltung der Programme, hier sind die Fachverbände und ausgewiesen Experten aus dem entsprechenden Themenfeld gefragt. Auf der sehr konkreten Ebene der Durchführung eines Projektes, lokal und zeitlich begrenzt, können gut die sogenannten Laien wie Citizen Science oder Wissenschaftsläden eingebunden werden.

Anmerkung der Redaktion: Spannend ist in diesem Zusammenhang auch das Buch Citizen Science von Peter Finke, sowie der Beitrag über das Projekt GEWISS