Davide Brocchi: Über den „Tag des guten Lebens“

Politische Partizipation kann auf vielfältige Weise verwirklicht werden. Der „Tag des guten Lebens“ setzt bspw. vermehrt auf Nachbarschaftsstrukturen. Davide Brocchi – Initiator dieses Tages – erklärt im folgenden Interview, wie Beteiligung abseits von herkömmlichen Strukturen aussehen kann.

Interview Davide Brocchi _ Institut für Partizipation
Davide Brocchi

Foto: Davide Brocchi

Was verstehen Sie unter Partizipation im Allgemeinen und im Politischen? Oder gibt es für Sie dabei keinen Unterschied?

Partizipation ist nicht gleich Partizipation. Die Institutionen verstehen oft Partizipation als Möglichkeit, eine zusätzliche Legitimierung für Entscheidungen zu bekommen, die eigentlich bereits getroffen worden sind. In diesem Fall ist Partizipation eine Unterstützung von etwas, was vorgegeben wird.

Ein anderer Begriff von Partizipation – und diese Form von Partizipation verbinde ich mit dem „Tag des guten Lebens“ – ist Partizipation als Mitgestaltung bzw. „Co-Creation“. Es geht um den Bürger als Subjekt und nicht um den Bürger als Objekt der Politik. Objekt bedeutet passives Wesen in der Gesellschaft. Der Bürger tritt nur als „Kunde“ der Stadtverwaltung und als „Konsument“ der Stadt auf. Dabei ist es oft der Bürger, der am besten weiß, was für sein Quartier gut ist und was nicht. Trotzdem wird diese Kompetenz zu wenig genutzt.

Die Form von Partizipation, die ich mit dem „Tag des guten Lebens“ verbinde, ist eine gemeinwohlorientierte Partizipation. Es geht um den Bürger, der das gute Leben im Dialog mit anderen Bürgern definiert und nicht für sich selbst allein bestimmt. Gemeinwohlorientierte Partizipation ist immer auch eine demokratische Form von Partizipation. Der Bürger versteht sich nicht als Individuum, sondern als Teil einer Gemeinschaft.

Sie haben den „Tag des guten Lebens“ bereits angesprochen. In ihrem Buch „Urbane Transformation“ wird der „Tag des guten Lebens“ von Beteiligten z. B. als „Tag der gelebten Demokratie“ oder „Tag des nachhaltigen Wandels“ beschrieben. Was genau macht dieser Tag für Sie aus?

Der Tag ist kein Event. Gerade für jemanden der in Köln lebt: Es gibt in Köln schon genug Events, Straßenfeste, Karneval. Es geht nicht darum, ein zusätzliches Event zu veranstalten. Vielmehr versteht sich dieser Tag als Katalysator, Taktgeber, Schrittmacher für eine Transformation der Stadt in Richtung Nachhaltigkeit. Dabei meine ich nicht ausschließlich eine ökologische Nachhaltigkeit, sondern auch eine ökonomische, soziale und kulturelle. Die Frage, die mit dem „Tag des guten Lebens“ verbunden ist: Wie würden unsere Städte aussehen, wenn sie einen Tag von den eigenen Bürgern mitgestaltet werden dürften? Anhand dieses urbanen Realexperiments entwickeln sich vielleicht neue Formen von Partizipation und Demokratie, von denen wir als Gesellschaft auch lernen können. Diese Erkenntnisse können so auf Institutionen und andere Quartiere übertragen werden.

Ein weiteres Problem, das wir in unserer Gesellschaft haben, ist eine Krise der aktuellen Demokratie. Die Parteien dürfen sich nicht mehr das Monopol zusprechen, den hauptsächlichen Raum für politische Partizipation auf sich zu vereinen. Viele Bürger fühlen sich nicht mehr angesprochen, was sich auch durch den drastischen Rückgang der Parteimitglieder zeigt. Das hat nicht nur mit Politikverdrossenheit zu tun. Viele, die ausgetreten sind, sind politische Menschen. Gerade sie vertreten einen Anspruch, bei dem Politik mehr als reine Verwaltung ist. Es sind Menschen, die sich auch außerhalb der Parteien weiter engagieren wollen. Sie suchen einfach nach einer neuen „Agora“, in der sie Politik im ursprünglichen Sinne praktizieren können. Und weil es diese Räume nicht gibt – der öffentliche Raum wird immer mehr kommerzialisiert, privatisiert oder durch Autos eingeschränkt – werden am „Tag des guten Lebens“ die Straßen und die Plätze zu einer „Agora“ umgewandelt. Wie auch in der ursprünglichen „Agora“ kommen die Bürger zusammen und bestimmen gemeinsam, was das gute Leben in ihrem Quartier oder in ihrer Straße ist. So gestalten sie die Stadtentwicklung aktiv mit.

Der Tag des guten Lebens forciert dabei eine nachhaltige Transformation. Kann bei einer solch großen Veranstaltung – mit bis zu 100.000 Teilnehmern – nicht der eigentliche Gedanken verloren gehen?

Es ist nicht so, dass man das vorherrschende System hat und dann getrennt die Alternativen. Es geht vielmehr um die Frage: Wie kann das Gute im Falschen entstehen? Wir leben in einer Gesellschaft, wo Ereignisse immer viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn die Besucherzahlen möglichst hoch sind. Dann berichten die Medien darüber und die Politiker erleben das auch als Erfolg. Es wird als gute Stadtmarketing-Maßnahme gesehen, weil der „Tag des guten Lebens“ 100.000 Besucher hat.

Deshalb stellt sich die Frage, was einen nachhaltigen Erfolg ausmacht. Die Besucherzahl ist kein guter Indikator dafür. Sie kann sogar kontraproduktiv sein. Ich habe die Organisatoren des autofreien Sonntags in Hannover kennengelernt. Dort finden autofreie Sonntage, glaube ich, seit acht Jahren statt. Es besteht inzwischen das Problem, dass viele Menschen aus dem Umland nach Hannover mit dem Auto fahren, um einen besonderen Tag zu erleben.

Das zweite Problem ist: Wir befreien die Straßen von den Autos, indem wir Ersatzparkplätze für die Anwohner organisieren. Sie können so die Straße als ihr Quartier aus einer anderen Perspektive erleben. Wenn man aber für diesen Tag zu viel Werbung macht, dann führt es zu dazu, dass die Ersatzparkplätze von den Besuchern genutzt werden.

Ein weiteres Problem ist, wenn es um Stadtmarketing geht: Viele Besucher machen das Quartier interessanter. Das heißt, mehr Menschen wollen dann da hinziehen und die Gentrifizierung wird gefördert.

Daher sind Besucher aus meiner Sicht kein guter Indikator für einen nachhaltigen Erfolg. Dieser lässt sich vielmehr an der Zahl der „Prosumenten“ des guten Lebens messen. Es sind die Bürger, die das gute Leben vor der eigenen Haustür produzieren und gleichzeitig konsumieren – und sich den eigenen Lebensraum gemeinsam aneignen und mitbestimmen.

Welche Erfahrungen haben Sie hinsichtlich der Einbeziehung verschiedener sozialer Milieus gemacht?

Für die Vertrauensbildung ist besonders wichtig, welche Akteure solche Prozesse initiieren und die Bürger einladen. Der „Tag des guten Lebens“ würde in dieser Form nicht funktionieren, wenn er von einer politischen Institution, einer profitorientierten Agentur oder einer Umweltinitiative initiiert werden würde. Er muss so gut es geht von der Bürgerschaft ausgehen, wobei Impulsgeber und Brückenbauer benötigt werden.

Weil Partizipation bei solchen Prozessen freiwillig ist, geht es sehr stark um Motivation. Motivation lässt sich nicht allein durch gute Inhalte anregen, sondern braucht eine emotionale Ansprache und Pflege. Man muss sich auch wohlfühlen können, um zu partizipieren. Ich muss mich mit meinen Fähigkeiten und Bedürfnissen willkommen fühlen und im besten Fall wertgeschätzt.

Dennoch bleibt das Problem, dass Menschen tendenziell lieber unter sich bleiben. Man kennt das aus den Sozialwissenschaften: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Denn Vielfalt bedeutet auch Komplexität und weil Menschen als Lebewesen begrenzt sind – kognitiv und physisch – versuchen sie immer die Komplexität zu reduzieren.

Auch die Erfahrung zeigt, dass weiße Akademiker aus der Mittelschicht in diesen Beteiligungsprozessen immer überproportional vertreten sind. Und der „Tag des guten Lebens“ ist ein Reallabor. Er hilft zu verstehen, wie man aus dieser „Selbstreferentialität“ von Milieus rauskommen und Kommunikation oder Toleranz füreinander fördern kann. Je größer die sozialen Unterschiede zwischen den Milieus sind, desto mehr Zeit braucht man, um Brücken zu bauen bzw. um Menschen zu mobilisieren.

Das Konzept soll nun auch in anderen Städten umgesetzt werden. z. B. im Berliner Bezirk Wedding. Sehen Sie dabei den Ansatz ohne Weiteres übertragbar oder gibt es gewisse Konzepte, die flexibel bleiben müssen?

Für das Gelingen des Konzepts ist sehr wichtig, dass die Bürger nicht das Gefühl haben, die Erfahrung der Fremdbestimmung zu wiederholen. Der wichtigste Ansatz und auch das Ziel ist die Selbstermächtigung der Bürger. Das Konzept ist ein Angebot. Es sollen Räume geschaffen werden, in welchen die Bürger selbst das Programm und die Stadt gestalten.

Im Berliner Bezirk Wedding ist die herrschende und verinnerlichte soziale Ungleichheit beispielsweise ein großes Problem. Man kann Treffen organisieren und alle Bürger einladen. Aber es gibt einen bestimmten Teil von ihnen, die zu dem Treffen nicht kommt. Sie hat verinnerlicht: „Die anderen können sich sowieso besser ausdrücken. Ich schäme mich, wenn da nur Akademiker sitzen und ich meinen Akzent habe, weil ich Türke bin.“

Sie fühlen sich nicht angesprochen.

Genau. Es geht um jemand anderen. Da treffen sich die „Ökos“. Die Etikettierungen fallen sehr schnell. Es braucht eben viel Zeit, um diese innere Mauer – diese unsichtbare Mauer – zu überwinden. Diese Mauer hat zwei Seiten, denn auch die „Ökos“ besuchen die Veranstaltungen der Migranten-Communities äußerst selten.

Daher ist Kommunikation auf Augenhöhe sehr wichtig, damit sich Menschen ernstgenommen fühlen. Sie müssen das Gefühl haben: „Ich muss nicht nur hören, sondern ich werde auch gehört.“

Ich merke, im Wedding brauche ich dafür deutlich mehr Zeit. Es ist ein neues Gebiet. Man ist auf das Wissen vor Ort angewiesen. Aber gerade das macht es spannend: Jedes Quartier hat seine Eigenarten und unterscheidet sich von den anderen.


Der Dipl.-Sozialwissenschaftler Davide Brocchi ist als Publizist, Forscher, Transformationsmanager und Lehrbeauftragter freiberuflich tätig. Dabei trat er sowohl als Initiator für das „Festival der Kulturen für eine andere Welt“ als auch für den „Tag des guten Lebens“ in Köln in Erscheinung. 2017 wurde der „Tag des guten Lebens“ mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis ausgezeichnet. Zur Zeit arbeitet Davide Brocchi daran, den „Tag des guten Lebens“ auch in anderen deutschen Städten umzusetzen.